Was macht Kunst aus? © Lucia Hunziker.

 

 

 

Das Original. Stephen Sachs.

Komödie.

Barbara-David Brüesch, Valentin Köhler. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. Januar 2020.

 

 

Seit die Banknote erfunden wurde, funktioniert die Kunst wie das Geld. Was bedeutet das? Eine Ausgabestelle setzt ein Stück bedrucktes Papier in die Welt und sagt: "Das ist Geld." Ob das Publikum die Behauptung glaubt, hängt vom Ansehen der Ausgabestelle ab. Wenn die Nationalbank dahinter steht: Kein Problem. Glaubhaft sind auch die fremdartigen ausländischen Scheine, wenn sie von der Wechsel­stube der Kantonalbank aushändigt wurden.

 

Gleich verhält es sich mit der Kunst. Eine Ausgabestelle – das heisst ein Mensch, der sich als Künstler versteht – sagt: "Das ist Kunst", indem er eine Pissoirschüssel signiert ("Fountain" 1917 von Marcel Duchamp). Wenn eine reputierte Institution (ein Museum für Gestaltung, eine Kunsthalle) die Behauptung dadurch beglaubigt, dass sie das Objekt in ihre Sammlung aufnimmt, bekommt das "Werk" augenblicklich einen Wert, der von einigen zehntausend Franken bis zum Gipfel "unschätzbar" hinaufreicht. Kunst entsteht also durch die Faktoren (a) Deklaration und (b) Designation. Dabei kann sich das Objekt heute von aller bearbeiteten Materie emanzipieren.

 

(a) Es genügt, dass jemand, der sich "Konzeptkünstler" nennt, sagt oder schreibt: "Stell dir vor ..." und diese Anweisung als Kunst deklariert, damit sie, wie ein beliebiges anderes Werk, von den Kunstzeitschriften und Feuilletons aufgenommen und diskutiert wird. – Am Anfang einer Karriere freilich wird der Wert der Deklaration geringgeschätzt. Doch je höher ein Künstler im Kurs steht, desto wertvoller wird die Unterschrift, durch die er ein Objekt als sein Werk bezeichnet. Ein bemaltes Papiertischset mit der Signatur: Picasso ist heute ein Vermögen wert. Kunst durch Deklaration.

 

(b) Aufschwung bekommt der Name eines Künstlers (und damit der Preis seines Werks) aber erst durch die Designatoren. Damit benennt man Stellen, die durch die Gebärde des Bezeichnens dem Publikum klar machen, dass es sich bei der ausgestellten Sache (es kann auch eine Inszenierung sein) um etwas Besonderes handelt, das man achten muss.

 

Als Designator fuingiert bereits das Täfelchen, welches im Museum anzeigt, ob es sich beim Objekt in der Saalmitte um einen Luftbefeuchter oder um ein Readymade oder um beides handelt. - Designator ist aber auch der Galerist, der an einer Gruppenausstellung auf den jungen Künstler PHZ zugeht und sagt: "Ihre Sachen gefallen mir. Ich möchte sie gern in einer Einzelausstellung bekanntmachen." Augeblicks vervielfacht sich der Handelswert von PHZ's Hervorbringungen. Wer je als Regisseur ans Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, kann den Mechanismus bestätigen.

 

Aus diesen theoretischen Gegebenheiten hat der amerikanische Regisseur und Theaterautor Stephen Sachs ein rasantes, gutgeschriebenes Zweipersonenstück angefertigt und unter dem Titel "Bakersfield Mist" (Bakersfielder Nebel) 2011 an seinem Haus in Los Angeles inszeniert. Das neue Theater Dornach bringt es jetzt unter dem Titel "Das Original" in Koproduktion mit Theater Orchester Biel Solothurn auf die Bretter. Die Komödie ist kürzer, kondensierter, spannender und aussage­reicher als Yasmina Rezas Erfolgsstück "Kunst", das die gleiche Thematik behandelt.

 

Regisseurin Barbara-David Brüesch unterstreicht am Jurasüdfuss die boulevardesken Züge. Man könnte sich auch mehr Zurückhaltung vorstellen. Doch immer noch sind die Darsteller Claudia Burckhardt und Martin Schneider glaubwürdig. Ihr Körpereinsatz und ihr Kostüm (Valentin Köhler [auch Bühnenbild]) betonen den Gegensatz zwischen der geistigen, abgehobenen Schicht und der populären, erdverhafteten Welt – ein Konflikt, mit dem jede Boulevardkomödie spielt. Zu dieser Theatersorte gehört auch die Verwendung glamouröser Namen wie Jackson Pollock, Museum of Modern Art New York und Harvard University.

 

Wie bei jedem gutgeschriebenen Stück kommt schon nach wenigen Minuten Spannung auf. Es geht um die einfache Frage: Ja oder nein? Original oder Fälschung? Der Künstler hat sein Werk nicht deklariert, und der Designator zögert. Dank überraschender Wendungen trägt die Komödie ganze siebzig Minuten lang. "Ich habe Sie unterschätzt", gesteht der Kunstprofessor, und die arbeitslose Ex-Bardame hat mit einem Mal Oberhand.

 

Am Ende läuft der Abend auf das Fazit hinaus, das der legendäre Operndirektor Hugues Gall einmal beim Verlassen des Théâtre Montparnasse gezogen hat: "Ich habe mich keine Minute gelangweilt. Das ist schon viel."

 

Gleich fällt der Schleier, und das Kunstwerk erscheint.

Der Konflikt zwischen dem Abgehobenen und der Erdverhafteten. 

 
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt