Eine gegen alle. © Matthias Baus.

 

 

 

Lohengrin. Richard Wagner.

Oper.                  

Cornelius Meister. Árpád Schilling, Raimund Orfeo Voigt. Staatsoper Stuttgart.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 18. Januar 2020.

 

 

Mit drei klaren optischen Zeichen geben Regisseur Árpád Schilling und Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt an, wie ihr "Lohengrin" auf der Stuttgarter Staatsoper zu lesen sei.

 

(1) Die Aktion spielt auf schwarzer Bühne. Das bedeutet: Nichts kommt von aussen. Alles von innen. Was in der Oper passiert, wächst aus den Köpfen der Menschen heraus. Handlungsleitende Grössen wie Schicksal, Gebote, Tabus, Zauber und Gegenzauber sind nur Zurechtlegungen der Beteiligten, nicht unumstössliche Realitäten.

 

(2) Die Menschen müssen von unten her aufsteigen, um an den Ort der Handlung zu gelangen. Auf dem erhöhten Platz entrollen sich die Haupt- und Staatsaktionen. Sie entsprechen dem Kampf um die Macht. Das zeigt ein Kreidekreis, der auf den Boden gezeichnet wird. – Architektonisch bildet der schwarze Raum, der Offenheit nach allen Seiten suggeriert, eine Klangmuschel, die den Gesang nach vorne wirft. Damit vereinigen sich beim Bühnenbild Funktionalität und Aussage. Ein kluger Zug.

 

(3) Um die Haupt- und Nebensachen kenntlich zu machen, arbeitet Árpád Schilling mit unmissverständlichen Kontrasten: Der Schwan hat die Grösse einer Spielzeugpuppe, und das Schwert die Grösse eines Speisemessers. Für den Regisseur ist nämlich der romantische Mittelalter- und Märchenzauber nur dramaturgische Maschinerie. Das Wesentliche ereignet sich an und in den Menschen. Deshalb unterstreicht die schwarze Bühne das Spiel der Darsteller. Wenn Elsa angeklagt wird, bleibt sie stumm und antwortet nur mit einer leichten, aber beredten Wendung des Kopfs. Telramund reibt sich währenddessen die Hände wie ein selbstgewisser Politiker.

 

Unter diesen Vorzeichen entwickelt sich das Drama auf der Bühne der Stuttgarter Staatsoper in einer Klarheit, welche die übrigen "Lohengrin"-Inszenierungen hinter sich lässt. Weil Árpád Schilling vom Schauspiel herkommt, begnügt er sich nicht mit dem Arrangieren von Menschen und Massen, sondern er achtet auf belebtes, durchgängiges Spiel, bei dem immer deutlich ist, was die Figuren wollen und wo sie sich innerlich befinden.

 

Lohengrin ist ein Junge aus dem Volk. Aber einer jener Seltenen, die nicht nur skeptisch dastehen und zuschauen, sondern die ungesuchte Rolle auf sich nehmen, den Bedrängten unter Gefahr des eigenen Lebens beizustehen. Als Zeichen der Verbundenheit überreicht er Elsa einen kleinen Spielzeugschwan, den er unterm Hemd versteckt trug wie ein Heranwachsender seinen Plüschbären. Mit dieser Gebärde tritt er aus der Traumzeit heraus in den Ernst des Erwachsenenalters: "Leb wohl! Leb wohl, mein lieber Schwan!" Daniel Behle singt das mit einer Innigkeit, die aufhorchen lässt. Sein Piano ist samtweich. Die Linie makellos. Und stets beseelt. Im Forte wird die Stimme strahlend, mit einem Beiklang von Metall. Zum Träumen schön.

 

Beachtlich auch der Rest des Ensembles: Simone Schneider als Eva, Okka von der Damerau als Ortrud, Simon Neal als Telramund, Shigeo Ishino als Heerrufer und David Steffens als Heinrich der Vogler. Dazu kommt der Chor, spielfreudig und stimmstark: 78 Mitglieder. Und das Orchester: 74 Mitglieder plus 12 Bühnenmusiker.

 

Sie alle werden geleitet von Cornelius Meister: Energisch, präzise; nie weich, nie schleppend. Aber der GMD kann das notorische Übel der Stuttgarter Oper nicht vergessen machen: Das Haus ist zu klein. Die Geigen klingen metallisch, die Trompeten scharf. Erst vom mittleren Register an ist der Klang warm und rund. Das Volumen, das Cornelius Meister aufsteigen lässt, würde die Bastille beeindruckend füllen. Für Stuttgart aber ist es zu laut. Bei "Lohengrin" im Berner Stadttheater ging Altmeister Mario Venzago vor seinen Musikern in die Knie, um die Dynamik zu drosseln. Diese Gebärde muss Meister noch lernen.

Einer gegen alle. 

Zwei gegen alle. 

 
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