Ein paar letzte Tage des Glücks. © Christian POGO Zach.

 
 

 

 

Drei Männer im Schnee. Thomas Pigor.

Revueoperette.                  

Josef E. Köplinger. Gärtnerplatztheater München.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 18. Januar 2020.

 

 

Als die Brienz-Rothorn-Bahn vor die Notwendigkeit kam, den Lokomotivpark aufzurüsten, entschied sie sich, zu ihrem 100-Jahr-Jubiläum 1992 den Bau von drei dampfbetriebenen Zahnradlokomotiven in Auftrag zu geben, obwohl die Zeit damals für Diesel stand. Die neuen Maschinen wurden zwar technisch vollkommen neu konzipiert (namentlich fiel der Heizer weg), aber der Geist und das Wirkungsprinzip der Dampftraktion wurde respektiert. Dieser Rückgriff auf das alte Bewährte sicherte, wie sich heute zeigt, das Weiterleben der Kursbuchlinie 475.

 

An einen vergleichbaren Neubau hat sich nun das Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz gewagt. Das Haus, spezialisiert auf die leichte Muse, gab, achtig Jahre nach dem Untergang des Genres, eine Revuoperette jenes Zuschnitts in Auftrag, wie er zuletzt, 1930, mit Ralph Benatzkys "Im weissen Rössl" Triumphe gefeiert hatte. An diese Epoche knüpft – ästhetisch, musikalisch, dramaturgisch – Thomas Pigor an, wenn er für Erich Kästners "Drei Männer im Schnee" das Libretto, und, zusammen mit drei Kollegen, die Musik schreibt. Die Handlung spielt, wie im Roman, zwischen Weihnachten und Neujahr 1932/33 in Berlin und einem Grand Hotel in den Zillertaler Bergen.

 

Noch herrscht in der europäischen Welt ein prekärer Zivilzustand. Das Paar, das am Neujahrsmorgen in einer Seilbahngondel von Amors Pfeil durchbohrt wird, kann noch davon träumen, wie sein Leben in zehn Jahren aussehen wird: Zwei, drei Kinder wird es haben, denkt es. Aber an der Silvesterfeier treten auch schon junge Männer in braunen Uniformen mit Hakenkreuzbinden auf. Die Hotelgäste blicken weg. Sie finden, das sei harmlos; Verkleidung der Dorfjugend; der eine sei ja Sohn des Zahnarzts: "Das sind keine Nazis! Das sind Österreicher!" Noch im selben Winter aber, am 30. Januar 1933, wird Hindenburg Parteiführer Hitler zum Reichskanzler ernennen. Dann wird der Druck gegen die Juden steigen bis zur Auslöschung. 1938, fünf Jahre nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten, wird Österreich zum Reich geschlagen und sein Name verboten werden. "Ostmark" wird es fortan heissen. Und ein Jahr später wird der Zweite Weltkrieg ausbrechen.

 

Vor diesem Hintergrund wird die personal- und ausstattungsreiche Revueoperette des Gärtnerplatztheaters zum sagenhaften Tanz auf dem Vulkan. Die Welt ist zwar noch heil, aber die Lava quillt aus allen Ritzen ... In einem Winter, wo der Schnee fehlt, wird die Verblendung der Menschen im Grand Hotel zum Mahnmal. Gerade bringt der Münchner "Merkur" ein Bild: "Januar 2020: Frühlingshafte 15 Grad im Freiburger Stadtpark." Es geht uns nicht anders als der Generation der "Drei Männer im Schnee". Bei ernsthafter Befragung durch die Enkel kann keiner behaupten, er habe "es" nicht kommen sehen.

 

Dadurch aber, dass die Revueoperette hart an die historische Kante geschoben wird, ist sie – wie das ähnlich gelagerte Musical "Cabaret" – über jeden Kitschverdacht erhaben. Wenn sich in der Dachkammer der junge Tiroler Skilehrer Toni Graswander und der Berliner Diener Johann Kesselhuth (einer der drei Männer) nicht durch Worte, sondern durch Andeutungen und zurückhaltende Berührungen ihre Liebe gestehen und von einer gemeinsamen Zukunft träumen, erkennen wir in der Verlängerung der punktierten Linie schon die Gaskammer ... (Das, jawohl, ist eine Wittgenstein'sche Kippfigur, wie sie schärfer nicht gedacht werden könnte.)

 

Überragend wird die Aufführung jedoch nicht allein durch ihre inhaltliche Komponente (auch wenn klar ist, dass sich die wenigsten Musicals mit Erich Kästners Handlungsführung messen können), sondern durch die handwerkliche Meisterschaft, mit der Josef E. Köplinger und sein Team zuwege gehen. Sie produzieren durch Massenregie und Verwandlung einen Sog, der süchtig machen kann. – Über die Weihnachtstage fuhr eine intellektuell anspruchsvolle Theaterleiterin nach London. "Sie werden mich für einen Kulturbanausen halten", mailte sie. "Aber ich liebe Musicals, wenn sie, wie das die Engländer können, gut gemacht sind." Nach den "Drei Männern im Schnee" ist diese Aussage nachvollziehbar. Nur wird man antworten müssen: Verzichten Sie aufs Fliegen! München liegt näher!

An der Rezeption. 

Vor dem Hotel. 

In der Kammer.