Schaut da den Juden! © Arno Declair.

 

 

 

Der Kaufmann von Venedig. William Shakespeare.

Tragödie.                  

Christian Stückl. Volkstheater München.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 18. Januar 2020.

 

 

An der Garderobe sagen sie: "Der 'Kaufmann' ist immer restlos ausverkauft." Jeder Haken ist besetzt. Auf dem Weg zu den verschiedenen Saaleingängen quetschen sich die Leute aneinander vorbei. Schulklassen warten auf Einlass in den Flohboden. Ab Reihe 22 hören die Sessel auf, und es beginnt Kategorie V. Ums Pult für Licht und Ton stehen nur noch Stühle, vier Reihen tief. Da kosten die Plätze 13 Euro gegenüber 36 Euro in Kategorie I. 

 

Die Schauspieler aber sind sehr weit weg und wirken wie Käfer. Auf ihren stecknadelgrossen Gesichtern kann man die Züge nicht mehr unterscheiden; und erst recht nicht das Spiel der Mimik. Sie sprechen halblaut und ohne besondere Betonung. Man muss höllisch aufpassen, dass einem nichts entwischt, wenn sich die jungen Leute auf dem Rialto begegnen: "He, Bassanio!" "He, Graziano!" Es geht um Frauengeschichten, um Geldgeschichten und ums Essen. 

 

Alle sprechen einwandfrei. Da liegt die Stärke der grossen Schauspielbühnen. Besonders eindrücklich ist die Diktion von Silas Breiding, dem Darsteller Antonios, von dessen Leib Shylock ein Pfund Fleisch verlangen wird. Und, unübertrefflich, der Jude selbst, dargestellt von Pascal Fligg. Sein S (das Kriterium für messerscharfe Artikulation) dringt in vollkommener Klarheit bis zu den letzten Plätzen von Kategorie V hinauf.

 

Und da ist noch das Körperspiel. Jeder der jungen Männer wird charakterisiert durch die Art, wie er dasteht und sich spreizt. Köstlich Jan Meeno Jürgens bei der Kästchenwahl: Er übersetzt seinen Namen Graziano in die Tanzschritte eines selbstverliebten südländischen Stutzers. Jonathan Hutter aber schnappt ihm mit seiner berauschenden Virilität die spröde Porzia weg. Sie (dargestellt von Carolin Hartmann) war es gewohnt, mit den Männern zu spielen. "Jedoch eines Tags (und der Tag war blau) / Kam einer, der mich nicht bat. / Und er hängte seinen Hut an den Nagel in meiner Kammer, / Und ich wusste nicht mehr, was ich tat. / Und als er kein Geld hatte, / Und als er nicht nett war, / Und sein Kragen war auch am Sonntag nicht rein, / Und als er nicht wusste, / Was sich bei einer Dame schickt, / Zu ihm sagte ich nicht 'nein'." (Die Dreigroschenoper)

 

Bei Pointen lacht der vollbesetzte Saal blitzschnell auf und zeigt, dass er wach ist – und eng mit dem Spiel verbunden. Am Rand von Reihe 24 wird eine alte Dame vom Husten gepackt. Leise schleicht sie weg, und unhörbar kommt sie zurück. Die Vorstellung dauert 1 Stunde und 50 Minuten, ohne Pause. Man erkennt die Kürzungen nicht. Das Spiel hat Atem, Pausen, und die Grosszügigkeit der Souveränität.

 

In dieser Zeit entwickelt sich die Handlung, die reaktionsschnellen Lacher ausgenommen, in vollkommener Stille. Von Umstand, dass ganze Schulklassen beieinandersitzen, bemerkt man nichts, ausser an den beiden Punkten, wo die Stille noch intensiver wird, weil die jungen Leute durch ihr gespanntes Horchen einen Sog herstellen. 

 

Shylock entdeckt den Liebesbrief eines Christen an seine Tochter. Er nimmt das Blatt vom Boden auf und beginnt, es stumm zu lesen. Seine Augen glauben nicht, was sie sehen. Die Vorstellung von der Keuschheit Jessicas bricht in ihm zusammen. Diesen Schlag muss er verarbeiten. Reglos steht er da und atmet leise. Dann schliesst er den Vorfall in sich ein. Und während dieser ganzen langgedehnten Minuten weht eine atemlose Stille durch das Haus – von der Bühne in den Saal und vom Saal auf die Bühne.

 

Ihren Gipfel aber erreicht die Aufmerksamkeit an der Kernstelle. Es ist unverkennbar, dass alle auf sie vorbereitet sind; die Schüler durch die Lehrer, und die Grauhaarigen durch die Geschichte: "Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmassen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaf­ten? Mit der selben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von ebendem Winter und Sommer wie ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?"

 

Christian Stückl, der Regisseur, lässt das einfach sprechen und dann den getäuschten, betrogenen, vernichteten Juden abtreten. Kein Belehrungsgestus. Keine Nachgeborenen-Überheblichkeit. Sondern ehrliches Spiel in einem nahen Theater-Venedig, das ebensogut München heissen könnte, Zeit: Gegenwart. Donnernder Applaus.

Der Kaufmann und der Jud'. 

Das Geld und die Liebe. 

 
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