Paul Born (Porträt).

Der Bund, 28. Mai 1983.

 

 

Begegnung mit...

Paul Born: "Ich hatte sechzig wunderschöne Jahre"

Der Präsident der Emmentaler Liebhaber-Bühne als Schauspieler und Privatmann

 

 

[Kasten]

Paul Born spielte...

1963 den Gylg im "Verrat von Novara"; 1965 den Obolski im "Schwarzen Hecht"; 1967 den Sutter in "General Sutter"; 1971 den Gerichtsschreiber im "Amtsgricht vo Waschliwil"; 1973 den Stadtpräsidenten im "Besuch der alten Dame"; 1974 den Topas in "Der Herr Topas"; 1980 den Hermann Egger in "D'Wahrheit"; 1983 den Fritz Müller in "Di zwöiti Natur".

 

 

 

Am 9. März war Premiere, am 19. Mai die letzte Vorstellung. Dazwischen liegen 24 restlos verkaufte Aufführungen im "Weissen Kreuz" zu Hasle–Rüegsau. Jedesmal galt dasselbe Programm: "Beginn punkt 20.15 Uhr. Kassaöffnung 19.30 Uhr. Spieldauer mit Pause 2 ¼ Stunden." 24mal spielte die Emmentaler Liebhaber-Bühne als Uraufführung "Di zwöiti Natur. Es Stück i zwene Teile, villicht ehnder es Märli, vom Rudolf Stalder."

 

In der Hauptrolle Paul Born. 24mal stand er auf der Bühne und 24mal spielte – nein, war er "Fritz Müller". Während 120 Minuten durchlebte er die Krise eines Bauunternehmers, der als Gemeindepräsident Politik und Geschäft miteinander vermischt. Fritz Müller braucht Macht. Und Geld. Und Einfluss. Bis der Tod anklopft.

 

Da erkennt er, was er alles verpasst hat, auf seinem Erfolgstrip. Er hat vergessen, Mensch zu sein. Seit Jahren lebte neben ihm eine Familie, die auf ein Wort von ihm wartete. Und er hatte das gar nicht gemerkt. Jetzt aber, wo ihn ein Infarkt gestreift hat, beginnt er zu denken. Er sieht, dass er seinen Kurs ändern muss; dass Arbeit allein nicht glücklich macht; und Geld auch nicht.

 

Die Rolle bietet ein breites Spektrum schauspielerischer Möglichkeiten. Paul Born schöpft sie voll aus. Am Anfang ist er nervös, ungeduldig, auffahrend, rechthaberisch. Dann packt ihn die Angst. Etwas arbeitet in ihm. Unbeholfen und zaghaft macht er die ersten Schritte auf ein neues Leben zu. Im zweiten Teil ist er lange still. Denkt nach über das Vergangene. Beobachtet, wie die andern über ihn reden. Versucht, das Richtige zu erkennen.

 

Auch wenn er schweigt, vergisst man ihn nicht, diesen Fritz Müller. Denn Paul Born, der Schauspieler, ist hellwach. Zuweilen fährt ein Blitz der Erleuchtung über sein Gesicht. Oder sein Körper fährt zusammen, weil ihn eine Erkenntnis getroffen hat.

 

"Di zwöiti Natur" heisst das Stück. Ein passender Titel, auch für Paul Born. Wenn er auf der Bühne steht, ist er ein anderer Mensch als sonst. "Auf dem Theater vergesse ich mich", bekennt er. "Ich gehe vollständig in meiner Rolle auf und erlebe alles, was ich spiele. Ich glaube an meine Figur, sehe die Welt mit ihren Augen, lebe ganz in ihrer Haut."

 

Um in eine fremde Haut zu schlüpfen, muss man die Menschen lieben. "Eigentlich", sagt Paul Born nach längerem Nachdenken, "bin ich zu allen Leuten freundlich, auch zu denen, die ich nicht besonders mag. Ich schätze jeden, wie er ist, als Mensch. Auch einer, der ins Zuchthaus kam, hat seine gute Seite. Wer weiss, ob nicht wir andern schuld sind, dass er kriminell wurde..."

 

Paul Born beobachtet sie daher gern, die Alten, die Jungen, die Niedergeschlagenen, die Stolzen. Stundenlang kann er in einem Café sitzen und studieren, welche Bewegungen die Leute machen. Wie sie reden, essen, trinken, rauchen. Wenn er in Paris ist, macht er lange Metro-Fahrten. "Man sieht viele interessante Gesichter", erklärt er, "und jedes hat einen eigenen Ausdruck."

 

Manchmal kommt es vor, dass er auf einen Charakter trifft, den er auf der Bühne selber schon verkörpert hat. Dann vergisst er ganz, auf die Worte des andern zu hören. Statt dessen konzentriert er sich auf seine Bewegungen und den Tonfall seiner Stimme; so tief sitzt der Schauspieler in ihm.

 

Aber mit dem Geheimnis seines Erfolgs will Paul Born nicht herausrücken. "Ich weiss es nicht", sagt er zuerst. Dann gibt er widerstrebend zu, dass er beim Publikum "irgendwie" ankommt. Jaja. Aber was ist der Grund? "Es kann nicht am Aussehen liegen", sinniert er. "Es muss eine gewisse Ausstrahlung sein." Er schweigt.

 

"Vielleicht", sagt er jetzt und blickt vor sich hin, "vielleicht kommt mir zugut, dass ich keine Persönlichkeit bin. Wissen Sie, wer eine Persönlichkeit hat, spielt im Leben eine Art Rolle. Und indem er jahrelang die gleiche Rolle spielt, kommen die Leute zum Schluss: Ja, der Herr X., der hat eine Persönlichkeit! Ich aber, ich habe keine Persönlichkeit; und dadurch kann ich leichter in die Haut eines andern schlüpfen."

 

"Einer, der Ausserordentliches geleistet hat, der hat das Recht, sich ein Genre zu geben", fährt Paul Born fort. "Auch wenn er nicht ganz ehrlich ist dabei. Ich hingegen habe nichts gemacht, das grenzenlose Achtung verdiente. Daher steht mir eine Persönlichkeit auch nicht zu."

 

Er habe nichts gemacht, das grenzenlose Achtung verdiene, sagt Paul Born. Man kann da seine Zweifel haben. Immerhin hat er es verstanden, ein Leben zu führen, das ihn glücklich macht. – Gut, am Anfang sah es vielleicht einen Moment lang bedenklich aus, aber nur einen Moment.

 

Als er vor der Berufswahl stand, sagte ihm der Vater: "Weisst du, Schauspieler ist kein hundertprozentig seriöser Beruf. Mach zuerst eine Banklehre. Du kannst nachher immer noch ans Theater, wenn's dir darum ist." Paul Born fand diesen Rat vernünftig, und er ergriff den bürgerlichen Beruf des Kaufmanns, statt Schauspieler oder gar Clown zu werden.

 

Drei Jahre später, am Ende der Lehrzeit, stellte sich die Frage nicht mehr, ob er jetzt ans Theater solle. Denn der Bursche wurde in die Rekrutenschule eingezogen und anschliessend gleich zum Aktivdienst aufgeboten. So verbrachte er zwei volle Jahre im "Gwändli". Zuerst als Soldat, dann als Unteroffizier und schliesslich als Leutnant.

 

1945 war der Krieg aus. Paul Born zählte 22 Jahre, und er hatte jetzt nur einen Wunsch: ab ins Ausland. Er meldete sich als Buchhalter nach Bangui, ins damalige Äquatorial-Afrika. Zehn Jahre blieb er dort, am Rand des Kongo-Stroms, vier Breitengrade unter dem Äquator. Drei Jahre war er allein. Dann machte er sechs Monate Urlaub in Europa, heiratete seine Frau und kehrte mit ihr für sieben weitere Jahre nach Afrika zurück. "Wir waren schon verlobt, bevor ich das erste Mal hinunterging", erklärt Paul Born. "Und wir haben abgemacht: Wenn wir uns nach drei Jahren noch gern haben, heiraten wir."

 

Es war Paul Borns ehemaliger Lehrmeister, der ihm riet, in die Schweiz zurückzukehren. "Du bist 29jährig", sagte er zu ihm. "In ein paar Jahren bist du zu alt, um hier noch ins Berufsleben steigen zu können. Überleg dir's gut! Was hast du dort unten zum Beispiel punkto Kultur?" –"Oh, ich kann jagen; und Karten spielen", antwortete der junge Mann freimütig. Darauf replizierte der Burgdorfer Bankdirektor trocken: "Verblödest du denn nicht dabei?"

 

Paul Born erneuerte den Kontrakt nur noch für weitere drei Jahre. 1955 kehrte er endgültig nach Burgdorf heim. Die Stelle, die er damals bei der Ivers-Lee antrat, hat er seither nicht mehr verlassen. Paul Borns Lebenslauf ist in den Stillen Ozean der geregelten Berufstätigkeit eingemündet.

 

Von aussen gesehen, führt Paul Born jetzt ein uninteressantes, bürgerliches Leben. Er baut ein Haus mit dem Geld, das er in Afrika beiseitelegen konnte. Seine Frau besorgt den Haushalt, stickt Gobelins, malt Blumenmuster auf Porzellan, spielt Klavier. Er geht einmal pro Woche an den Stamm zum Jassen. Später kommen die Theaterproben bei der Emmentaler Liebhaber-Bühne dazu. Warum auch nicht? Andere sind bei einem Hornusserverein oder bei einem Jodlerklub.

 

Aber man sollte vielleicht nicht so stark aufs Äussere achtgeben. Zählt nicht etwas anderes, Unwägbares? "In meinem ganzen Leben", findet Paul Born, "hatte ich Glück. Was kann ich dafür, dass ich in Burgdorf geboren wurde und nicht in der Sahelzone? Mein Vater war ein Vorbild, dem ich nacheiferte; und meine Mutter war ein Schatz. Ich hatte einen sehr netten Lehrmeister. Ich hatte Glück an der Abschlussprüfung und erreichte die Idealnote 1,0. Dass ich meine Frau kennenlernte, war ebenfalls ein Glücksfall. Es war ein Glück, dass ich diesen schönen Platz gefunden habe zum Bauen. Und es war Glück, dass ich in 28 Jahren nur gerade zwei Tage krank gewesen bin. Kurz, ich hatte sechzig wunderschöne Jahre."

 

Wie kommt jemand zu so viel Glück? Ist alles nur Zufall? Verdankt er sein Behagen nicht auch – ein bisschen wenigstens – seiner Lebenseinstellung? "Vielleicht", antwortet Paul Born und denkt nach. "Ich bin halt mit wenig zufrieden."

 

Er meint es so: "Ich stelle keine riesigen Ansprüche an mich selber. Ich stecke mir schon Ziele; aber sie sind nie so hoch, dass ich das Letzte von mir geben muss, um sie zu erreichen."

 

Aus dieser Einstellung heraus erklärt es sich, warum Paul Born vor zehn Jahren seinen Arbeitgeber bat, ihn zu entlasten. "Es ist nicht die Angst vor der Verantwortung, die mich dazu führt, zurückzutreten", erklärt er. "Aber ich möchte einfach nicht Tag und Nacht ans Geschäft denken müssen. Nach Büroschluss möchte ich abschalten können. Und ich möchte mehr Zeit haben für meine Hobbies, vor allem fürs Theater."

 

Wenn "Fritz Müller", der Bauunternehmer und Gemeindepräsident, so gelebt hätte wie Paul Born, dann hätte ihn der Tod nicht gestreift. Und dann hätte es auch kein Theaterstück aus ihm gegeben. Glückliche Menschen, die täglich ihr Leben meistern, sind für die Öffentlichkeit nicht interessant.

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