Die beste Nummer liefert der Tod. © Joel Schweizer.

 

 

 

Sonny Boys. Neil Simon.

Komödie.          

Dominik von Gunten, Philipp Nicolai. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 7. Dezember 2019.

 

 

Die Premiere beginnt mit einem Tiefpunkt. Jörg Seyer, der grossartige Menschendarsteller, erwacht aus dem Schlaf, in dem ihn die Zuschauer beim Hereinkommen angetroffen haben. Er erhebt sich aus seinem Lehnstuhl und geht auf den blabbernden Fernseher zu. Dabei hinkt Seyer leicht, um anzudeuten, dass seine Figur alt ist, einen kaputten Rücken und verrostete Gelenke hat.

 

Aber im Solothurner Stadttheater – Thomas Schulte-Michels nennt es, zu recht, "die Stradivari unter den Schauspiel­bühnen" – wirkt das leichte Hinken schon zu gross. Denn man bekommt hier alles ganz genau mit. Und darum bekommt man nun auch mit, dass ein topfitter Darsteller Angeschlagenheit in derselben Weise mimt wie die fünfunddreissigjährigen Lehrer im Vereinstheater die Grossväter. Ein Tiefpunkt.

 

Doch nach weniger als zwei Minuten ist der realistische Stil erreicht. Ab jetzt ist alles, was die Bühne zeigt, glaubhaft; glaubhaft wie im Leben. Natürlich wird immer wieder das Fernsehkabel ausgerissen; natürlich klemmt immer wieder die Tür. Aber wer hat das nicht erlebt? Da gab es (noch im letzten Jahrhundert) auf Motorschiff Stadt Biel eine Serviertochter, der Saison für Saison nicht beizubringen war, dass der feuchte, schmutzige Tischlappen nichts neben dem Korb mit den Gipfeli zu suchen hatte. Aber gegen das mangelnde Hygieneverständnis der "Serviceaushilfe" (so ihre Berufs­bezeichnung im Telefonbuch) kämpften Götter selbst vergebens.

 

Es gibt eben eine Sturheit der Dummen, die jeden Vernünftigen zuerst die Wände hoch jagt und dann in die Resignation zwingt. Die Folge sind zwei verschiedene Kommunikationsarten. Untereinander verkehren die Vernünftigen rasch, direkt und unkompliziert. Mit den Dummen aber reden sie wie zu einem kranken Pferd oder zu einem Kind. Sie versuchen gar nicht mehr, ihnen gewisse Sachen beizubringen, weil sie wissen: Es geht doch nicht hinein! Lassen wir sie in ihrer Wahnwelt und bauen wir unsere Wege darum herum.

 

So funktionieren die Komödien: Falstaff und Harpagon (der Geizige) erliegen dem Komplott der Vernünftigen. Ihr Wahn schliesst sie von der Realität und der Gemeinschaft aus. Er verhindert, dass sie merken, wie das Spiel läuft, und darum fallen sie ihm zum Opfer. Bei ihren Komödien dachten Molière und Shakespeare noch, es genüge, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, um sie durch Selbsteinsicht zur Besserung zu bringen.

 

Doch es gibt Menschen, die zu dieser Selbsteinsicht nicht fähig sind, weil sie abgebaut haben. Drogensucht ist ein Faktor, Alter der andere. Da wird Repetition zur Tragödie und Sturheit zum Unglück. Es wird schwierig, mit den Betroffenen zu reden. Bei jeder Begegnung mit ihnen kommt man zum Vorwurf: "Du erzählst immer das Gleiche!" Und wenn man selber etwas Neues erzählen möchte, stellt sich die Frage: "Hörst du mir überhaupt zu?" Der Gipfel der Kommunikationslosigkeit ist erreicht, wenn – wie im Stück – ein Mensch zum andern sagt: "Sprich nur weiter! Ich kann derweil einschlafen."

 

Diese Situation erleben heute die Erwachsenen, wenn sie ihre Eltern in die Demenz abgleiten sehen. Bei der Uraufführung der "Sonny Boys" am Broadway 1972 war kaum jemand vom Thema betroffen; die Menschen lebten noch nicht lange genug. Das Wort "Demenz" kam deshalb nur in medizinischen Fachbüchern vor (senile Demenz). "Alzheimer" war unbekannt. Die Ärzte sprachen von "Arterienverkalkung". Die "schweizerischen Volkssterbe­tafeln" wiesen eine durchschnittliche Lebenserwartung von 76 Jahren nach.

 

Doch nun kommt Neil Simons Broadway-Komödie der "Sonny Boys" in Biel-Solothurn auf die Bühne und erscheint in einem vollkommen neuen Licht. Die Situation ist nicht länger mehr exotisch, sie ist aktuell. Und die Thematik ist nicht länger mehr zum Lachen, sie ist zum Weinen.

 

Regisseur Dominik von Gunten belässt das Stück in seiner Entstehungszeit; er bläst nur da und dort etwas Staub weg; der junge Mann hat ein Handy, und der Präsident heisst Obama. Aber das New Yorker Hotelzimmer, in dem Jörg Seyer seine Tage verbringt, während der alte Röhrenfernseher vor sich hinblabbert (Bühne und Kostüme: Philipp Nicolai), ist herrlich heruntergekommen und trefflich charakterisiert. Es ist da ein Stil getroffen, der minutiöser nicht eingestellt sein könnte. Fadengerade bewegt sich der Realismus auf dem Grat zwischen Komik und Tragik. Und während wir den Figuren zuschauen, wecken sie in uns Mitleid und Liebe.

 

Gleichzeitig hält die Aufführung auch der Blickweise des Adorno-Seminars stand. Die "Sonny Boys" nämlich thematisieren, wie viele grosse Theaterstücke, die Uneinholbarkeit der Vergangenheit. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun (auch nicht im Stück), sondern mit Sein und Zeit. Durch eine stupende Demonstration in Form einer "Philosophie der Dinge" erleben wir, wie uns – und den Figuren – die komische, einst 32 Jahre lang höchst erfolgreich gespielte Doktor-Nummer auf immer entgleitet. Das ausgerissene Fernsehkabel trennt den schlummernden Komiker und das Publikum mit einem unsentimentalen, unbarmherzigen Schlag von dem ab, was einmal war. Wenn Kafka die Solothurner Aufführung noch gesehen hätte! Er hätte dem Theater ein Telegramm geschickt.

 

Günter Baumann gibt den einen Komiker (den mit der Diabetes und der nahenden Blindheit) mit der sanften Grandezza der Resignation, Jörg Seyer den andern (den infarktgefährdeten Uneinsichtigen) mit den cholerischen Aufwallungen der Kämpfernatur. Beiden geht es darum, im Bröckeln ihre Würde zu behaupten. In diesem uneingestanden Bestreben treffen sie sich und zollen einander, hinter allem Fauchen und Aufbegehren, Respekt. Die Aufführung zeichnet die verknäuelte, aber ach, so verbreitete menschliche Gemengelage mit feinem Pinsel nach. Das hebt sie aus der heutigen Theaterroutine heraus.

 

Den Kitt zwischen den beiden vergangenen Broadway-Grössen bildet Matthias Schoch. Er ist Theateragent und Neffe des Cholerikers. Er spielt die für alle Lustspiele unabdingbare Rolle des Vernünftigen und bildet auf diese Weise die Kontrastfigur zu den Verrückten und Einseitigen (im Stück neben den beiden Komikern auch die Charge der Krankenschwester, dargestellt von Barbara Grimm). In Matthias Schochs rührender Durchschnitt­lichkeit können sich die Durchschnittszuschauer wieder­erkennen. Durch ihn schlägt die fünfzigjährige Komödie von Neil Simon den Bogen vom Gestern ins Heute und Morgen. Und die Familien werden ihren Vertrauten begegnen; und der Schreck wird ihnen ans Herz greifen. Grossartig.

 

Die Stimme der andern

> Solothurner Zeitung

Hinter der Bezahlschranke

> Bieler Tagblatt

Der Rest ist Schweigen.