Sergei Prokofjew: Romeo und Julia, Ballettsuite./Sergei Rachmaninow: Rhapsodie auf ein Thema von Paganini./Nicolai Rimski-Korsakow: Russische Ostern.

Konzertabend.          

Jos von Immerseel. Anima Eterna im Auditorium von Dijon.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 4. Dezember 2019.

 

 

Für Menschen, die in der Welt der Bücher leben, liegt das Paradies in Cologny überm Genfersee. Dort sind die Bestände der Fondation Bodmer aufbewahrt. Mario Botta hat die Ausstellungsräume so eingerichtet, dass die Glasscheiben unsichtbar sind und die Bücher zu schweben scheinen. Damit kann man sich dem Gedruckten und Geschriebenen ganz nahe zuwenden.

 

Auf der Wanderung ist Ausserordentliches zu entdecken. Zum Beispiel ein Exemplar der Don-Quijote-Erstausgabe. Der Buchdeckel ist geöffnet, man blickt aufs Titelblatt und stellt sich vor, man brauche bloss ein paar weitere Blätter umzulegen, um auf Cervantes' Vorrede zu stossen: "Müssiger Leser!"

 

Schon ist man gepackt vom Abenteuer des Anfangs: Wie war es, als der erste Leser diese Anrede aufnahm? Was ereignete sich, als sich zum ersten Mal der Kontakt schloss zwischen einem Gedanken, einem Werk und einem Menschen, in dem es zu leben begann?

 

Ein paar Vitrinen weiter findet sich eine Antwort. Sie liegt in Newtons Himmelsmechanik, Erstausgabe (selbstverständlich). Das Buch ist in der Mitte aufgeschlagen. Da stehen lateinischer Text und mathematische Formeln. Jemand hat die Ausführungen mit der Feder am Buchrand kommentiert und die Berechnungen in klitzekleiner Schrift nachkontrolliert.

 

Das Schild erklärt, dass das Buch dem Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz gehörte, Newtons Zeitgenossen. Und wieder stehen wir vor jenem Moment, in dem Materie (bedrucktes Papier) und Geist zusammenkamen. Da ereignete sich der Übergang von Gedachtem in Vorstellung; da entstand – durch Auseinandersetzung mit Dargebotenem – geistiges Leben in einer ganz bestimmten, konkreten, persönlichen Lage.

 

Und nun hat Jos van Immerseel mit Anima Eterna in seinem letzten Konzert eine Myriade solcher Momente ins vollbesetzte Auditorium von Dijon gebracht, passend zur Weihnachts­botschaft "und das Wort ward Fleisch". Auf dem Programm standen Kompositionen von Rimsky-Korsakow (russische Ostern), Rachmaninow (die Paganini-Variationen) und Prokofjew (Romeo und Julia).

 

Dabei ereignete sich – und da liegt das Aufsehenerregende - ein fortlaufendes, atemberaubendes Aushorchen der Ränder; also jener Stellen, in denen Musik in der Stille versinkt oder Musik aus der Stille entsteht; und ausgeforscht wurden jene Stellen, in denen die Musik durch obstinate Repetition Stillstand und fliessende Zeit so ineinanderfallen lässt, dass der belebte musikalischen Moment das Ewige zum Sprechen bringt.

 

Diesen Schritt in die Transzendenz, bei der letzte Grenzen überschritten werden, hat das Orchester schon an einzelnen Stellen von Dvoraks neunter und Beethovens sechster vollzogen. Nun ereignte sich das Wunder einen ganzen Abend lang. Dadurch kam das Konzert in den Bereich der Einmaligkeit.