Schon ist der Kragen offen. © Annette Boutellier.

 
 

 

Król Roger. Karol Szymanowski.

Oper.          

Matthew Toogood, Ludger Engels, Ric Schachtebeck, Heide Kastler. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 2. Dezember 2019.

 

 

In "Król Roger" inszeniert Ludger Engels den Gegensatz zwischen freiem und gebundenem Geist. Der gebundene Geist, dargestellt durch König Roger, ist eingepasst in eine Struktur. Die Struktur ist grösser als er. Sie weist jedem seinen Platz und seine Rolle zu. Durch Einpassung entsteht Uniformisierung. Und durch Massierung Macht. Die Macht äussert sich als Druck. Sie wirft um.

Die Wirkung der gebündelten Macht erfährt der Zuschauer gleich zu Beginn der Aufführung. Die Bühne des Berner Stadttheaters ist vollgestellt mit hunderten von Menschen – so voll, dass sie sich kaum bewegen können. Die einen geigen, die andern blasen, die dritten schlagen - und die Masse singt, vom stämmigen Mann bis hinunter zum zarten Kind. Da erlebt man die Macht – und sei es nur die Macht der Töne – in ihrer vollen Wucht. Und man sieht, dass das fast unüberschaubar grosse Ganze gelenkt wird von einer einzigen Hand. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen. Sie trägt den Stab. Sie schlägt den Takt. Es ist die Hand des Dirigenten Matthew Toogood. Damit wird die szenische Form zu Inhalt. Ludger Engels bringt den Gedanken der "Mono-archie" zur Darstellung, indem er die Struktur der Oper zum Bestandteil der Aussage macht.

Im Gegensatz zur gebündelten Klangmasse steht der freie Geist. Er ist nicht greifbar. Man findet ihn mal hier, mal dort. Mal so, mal anders. In der Oper wird er verkörpert durch den Hirten, der mit dem Vieh durch die Natur zieht. In seinem Sologesang lebt er Ungebundenheit vor, und mit dieser Botschaft weckt er die Sehnsucht der Gebundenen nach Erlösung von den Zwängen. Die Inszenierung verwirklicht diesen Gedanken durch verschiedene Perücken und Kostüme (Heide Kastler), in denen Andries Cloete auftritt; mal mit Dornenkrone; mal in gelben Stöckelschuhen; mal mit Lendenschurz – doch immer mit nackter Haut, unverhüllt und "queer". (Vor fünfzehn Jahren verwendete man dafür noch das Wort "authentisch".)

Die herrschaftsfreie Liebe manifestiert sich als Aufbruch: Wände, Grenzen, Mauern fallen. Bewegung kommt auf. Die Menschen machen sich auf; sie machen sich auf füreinander, und sie machen sich auf in die Ferne – siehe Urchristentum, siehe Woodstock. Auf der Bühne binden sich Sänger und Statisten die Krawatte vom Hals. Sie legen ihr Namensschild ab und ziehen davon auf einen Weg, bei dem sie sich neu – und selbst – definieren wollen.

 

Der Zuschauerraum wird hell. Einzelne Ergriffene halten Plakate hoch. Ihre Botschaft lässt sich in einem Wort zusammenfassen: "Love!" Die Grenzen sind gefallen. Ein paar Zuschauer nehmen auf der Bühne Platz. Der Trend zur allgemeinen Vermischung ist so stark, dass er auch Roger erfasst. Er reisst sich die Kleider vom Leib, macht sich frei und singt dazu: "Der König wird Bettler." – So viel zur Macht des freien Geists im Gegensatz zur Macht des gebundenen Geists.

 

Das Ganze wird angereichert mit Video. Es bringt Ansichten der "Darsteller, die gefilmt und in die Kulisse projiziert werden, um eine Tiefe vorzugaukeln, die der Inhalt nicht bietet". So beschrieb kürzlich in der "Zeit" der Berliner Korrespondent der "Irish Times" das Verfahren. Erfahrene Zuschauer, die der Schwarzweiss-Projektion eines bewegten Augenpaars schon anderswo begegnet sind – etwa in Nürnberg, in Paris, Wien oder Strassburg – werden die Einblendungen als Hinweis aufs Auge Gottes auffassen ("sub specie aeterni­tatis"), das mal teilnahmslos, mal mit eigenen Gedanken beschäftigt, mal belustigt auf das menschliche Treiben niedersieht, im Ganzen aber zum Ausdruck bringt: Eure Wege sind nicht meine Wege, und euer Heil ist mir wurscht.

 

Wenn diese Lesart stimmt, dann liegt hier – in der Höhe, über allem – das (selbst-)ironische Salz, das der Aktion auf der Bühne, der Komposition und dem Libretto in fatalem Mass gebricht. Denn die Oper spricht nicht nur mit Engelszungen vom neuen Himmel und der neuen Erde, sie formuliert auch das Libretto, an dem der Komponist mitgewirkt hat, mit einem abschreckenden "pötischen" Glaubensfeuer: "Unsere empfindsamen Enthusiasten, die nicht bedenken, dass man stark empfinden könne, ohne davon zu schwatzen. Empfindet euch bis in den dritten Himmel hinauf, lasst eure Empfindungen Kraft zu guten oder zu grossen Taten geben, nicht das Sprechen aus Empfindung ist, worüber ich lache, der Allmächtige bewahre mich für mich vor so etwas, sondern das Geschwätz von Empfindung. Glaubt Ihr etwa, Ihr fühlt allein, was Ihr allein Torheit genug besitzt, malen zu wollen?" (Georg Christoph Lichtenberg, 1742-1799, Professor der Physik)

 

Die zweite Art Video, die Ludger Engels in "Król Roger" einsetzt, besteht aus mitgeschnittener, das heisst vervielfältigter und vergrösserter Handlung. Sie bringt den Aspekt der Selbstdarstellung und Selbstinszenierung ins Spiel, ohne die Macht nicht zustande- und auskommt. Der Vorteil für die Aufführung liegt indes vor allem darin, dass auf der Kulisse hie und da etwas läuft, während die Handlung steht.

 

Die Handlung steht dauernd. Da liegt der Schwachpunkt der Oper. Verständlich, dass sie seit ihrer Entstehung im Jahr 1924 in der Schweiz noch nie gezeigt worden ist. Der Komponist strebte, wie viele seiner Zeit, eine neue, persönliche Sprache an, ohne die Tonalität aufzugeben, und suchte sie in der grossen, unbestimmt fliessenden Form, bei der nicht die Vertikalität des Takts, sondern die Horizontalität der Melodie das Ganze bestimmt.

 

Doch auf Karol Szymanowskis "Król Roger" trifft zu, was George Eliot (wir feiern heuer ihren zweihundertsten Geburtstag) irrtümlicherweise auf Richard Wagner münzte: 1854 hielt sich die später bedeutendste Schriftstellerin des viktorianischen Zeitalters in Weimar auf und sah dort im Hoftheater "Lohengrin", dirigiert von Franz Liszt. Nach der Aufführung notierte sie, das Werk werde sich nicht halten können, denn es fehle ihm eine elementare Eigenschaft: Abwechslung. Die Eintönigkeit, die George Eliot bei "Lohengrin" diagnostizierte, können wir nun bei "Król Roger" beklagen.

 

Es liegt nicht am Einsatz: Kinderchor, Erwachsenenchor, Video, Statisterie, das Berner Symphonieorchester in voller Besetzung, herrlich strömende, starke Stimmen (vor allem Mariusz Godlewski als König Roger, Andries Cloete als Hirt und Young Kwon als Erzbischof, daneben, zurückgenommener und dadurch inniger, Evgenja Grekova als Königin) – sie alle können nicht verhindern, dass die Oper auf der Bühne von Ric Schachtebeck dermassen an Ort tritt, dass einem die 1 Stunde 20, die das Werk dauert, dreimal länger vorkommt als der gleich lange zweite Akt "Lohengrin".

 

Die Stimme der andern

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Bewegung kommt auf - siehe Woodstock, siehe Urchristentum.