Das Verhängnis zwingt alle in die Knie. © Jan Versweyveld, coll. Comédie-Française.

 

 

 

Elektra/Orest. Euripides.

Tragödien.          

Ivo van Hove. Comédie-Française, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 24. November 2019.

 

 

"Elektra" und "Orest" heissen die beiden Euripides-Tragödien, die an der Comedie-française in zwei Stunden ohne Pause hintereinander gegeben werden. Das Haus kann die beiden Titelrollen vorzüglich besetzen. Als Agamemnonstochter bringt Suliane Brahim jene Energie, Kompromisslosigkeit und Geradlinigkeit ins Spiel, die das Verhängnis verlangt, um von Mord zu Mord fortschreiten zu können. Die junge Frau vibriert im Furor des Rechthabens, und ihr Körper verzehrt sich im Verlangen nach Rache am Tod des Vaters. Wenn sie die Glieder bewegt, nehmen sie jene gebrochenen Linien an, mit denen Edvard Munch Wahnsinn und Passion auszudrücken pflegte.


Noch unnachahmlicher ist Christophe Montenez. Als Orest bringt er Herzenstöne, zu denen kein Schauspieler nach Moissi mehr fähig war. Das Intensitätsgenie der Comédie-française, das heisst der besten Schauspieltruppe der Welt, kennt Abstufungen, bei denen nicht zu entscheiden ist, was stärker fesselt: die Intelligenz, mit der Montenez die Gefühlssprache gestaltet, oder das Leid, das er durch sie ausdrückt.

 

Regisseur Ivo van Hove hat das Ensemble mit Kopfmikrofonen ausgerüstet. So kann er die Handlung von vier Schlagzeugern begleiten lassen; Elektra kann nach hinten sprechen oder den Kopf am Bruderbusen bergen; Orest kann sich auf der nassen Erde wälzen oder sein blutiges Gesicht unter den Armen vergraben, man hört ihn immer noch. Aber man versteht ihn nicht. Sowenig wie seine Schwester und die andern Mitspieler.

 

Denn die Salle Richelieu, 1900 als reine Sprechbühne eingeweiht, ist für die Verstärkung von Text nicht ausgerüstet. Die Lautsprecher sind zu billig, zu klein, zu alt. Als man sie unter dem vorletzten oder vorvorletzten "administrateur" am Portal aufhing, war die Truppe stolz auf ihre Sprechkultur. Auch heute noch können die "sociétaires" und "pensionnaires" sprechen, in jedem Stück und unter jedem Regisseur. 

 

Wie das klingt, lässt sich am Tragödienabend an den beiden Darstellern ermessen, denen – aus Zufall oder Absicht – das Mikrofon weggerutscht ist, so dass das volle Timbre ihrer Stimme und die volle Struktur ihrer Sätze vernehmbar wird. Denis Podalydès heisst der Star, der in der Rolle des Menelaos die Kraft hat, sich ohne akustische Krücken zu bewegen; und Loïc Corbery als Pylades tut es ihm gleich.

 

Bei den andern Rollen können die jungen Zuschauer erfahren, wie es klang, als Radio Europe I noch auf Langwelle sendete, und sie können auch nachvollziehen, wie wenig ihre Grosseltern von einer Konversation mitbekommen, wenn sie auf ein Hörgerät angewiesen sind. Das Frequenzband ist zu schmal, um alle Laute der Sprache einwandfrei wiedergeben zu können. 

 

Nun aber finden junge Leute Text ohnehin "alt". Im Fall von Euripides sogar "uralt" (nämlich, um genau zu sein, 2432 Jahre im Fall von "Elektra", und 2427 Jahre im Fall von "Orest"). Die ergrauten Zuschauer aber wagen nicht, sich über Unverständlichkeit zu beklagen, aus Angst, man schicke sie sonst zum Ohrenarzt. So erklärt sich der donnernde Schlussapplaus in einem Haus, das die führende Sprechbühne der Welt repräsentiert. Bei Ivo van Hoves Inszenierung merkt man davon wenig. Dafür entfernt Elektra dem toten Ägisth auf offener Bühne mit dem Messer den Penis, beisst seine Eichel ab, kaut sie an und speit sie wieder aus.

 

"Spektakel müssen sein", statuierte Kaiser Franz Josef II. Am 17. Februar 1776 erhob er das Theater nächst der Burg zum deutschen Nationaltheater. Vorgesehen war, Lessing als Dramaturgen zu gewinnen. Gotthold Ephraim hätte die postmortale Kastration gestrichen und durchgehende Textverständlichkeit eingefordert. Aber das war gestern.

Elektra wird von Orest erkannt.

Und Klytämnestra wird umgebracht. 

Dann kommt die Reihe an Ägisth. 

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