In der Tiefe der Bühne erscheint eine reglose Gestalt. © Clara Beck.

 
 

 

 

Rusalka. Antonin Dvořák.

Oper.          

Antony Hermus, Nicola Raab, Julia Müer, Bernd Purkrabek, Martin Andersson. Opéra national du Rhin, Strassburg.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 11. November 2019.

 

 

Und nun also "Opernhaus des Jahres". Hochverdient. Die dritte Spielzeit der Intendantin Eva Kleinitz. Mit ihrem Amtsantritt hat sie die Opéra national du Rhin mit einem Schlag an die Spitze gebracht. Im November letzten Jahres verliess die "Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt" "Pelléas et Mélisande" mit weichen Knien und vergab drei Sterne. Dann kam "Barkouf", eine Offenbach-Ausgrabung. Wieder drei Sterne. Und nun "Rusalka". Drei Sterne, was sonst?

 

Eva Kleinitz hat die Spielzeit noch vorbereitet. Die Produktion von Antonin Dvořáks Wasseroper trägt ihre Handschrift. Aber die Intendantin ist letzten Sommer im Alter von 42 Jahren dem Krebs erlegen. Die laufende Saison ist ihr Vermächtnis. Und ihr Geist weht immer noch durchs Haus: "Freunde, nehmt es leichter! Nehmt es grösser, nehmt es weiter!" (Hanns Dieter Hüsch)

 

Mit diesem Programm der Öffnung wird "Rusalka" zur Offenbarung und zum Ereignis. Offenbarung von Talenten, Offenbarung von Werkideen. Und das Ereignis liegt darin, dass die Aufführung zeigt, was Oper im besten Sinn sein kann: Etwas unfassbar Schönes, etwas unfassbar Grosses und etwas unfassbar Tiefes. Mit einem Wort: In der Strassburger Oper werden Grenzen gesprengt. Da liegt das Ereignis.

 

Es beginnt damit, dass Dirigent Antony Hermus ungewöhnlich lange wartet, bevor er vor schwarzem, geschlossenem Vorhang das Zeichen gibt. Aber nur so können die tiefen Töne aus der Stille aufsteigen wie das Blubbern am Waldteich von Vysoká, an dem sich Dvořák zum Komponieren täglich stundenlang niederliess.

 

Die Partitur kommt in Fluss. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die herrlichen Musiker des Orchestre national de Strasbourg am Rhein beheimatet sind. Sie mischen die Farbtöne mit einer Subtilität, dass einem beim Hören der Mund offen bleibt. Und immer ist da ein Zug in der Sache, ein Strömen und Verströmen, welches die Tragik des Geschehens fasst, begründet und begleitet.

 

In der Tiefe der Bühne erscheint – und ich muss das Wort in Anführungszeichen setzen, um auszudrücken, dass es wörtlich zu verstehen sei – im schwarzen Dämmer der Bühnentiefe "er-scheint" eine reglose Gestalt. Es ist die Nixe Rusalka, die sich ans Licht sehnt. Und dieses Licht erfasst bald die Handlung. Es beginnt mit ihr zu spielen. Es meisselt die Situationen heraus. Es streift über die Gesichter. Es schafft Bezüge. Bernd Purkrabek heisst der Künstler. Er ist einer der gefragtesten Beleuchter in der Opernwelt. Und nun arbeitet er am Opernhaus des Jahres.

 

Unterm Fliessen und Quirlen der Musik verwandelt sich die Szene, und durch das Wegziehen von Vorhängen, durch Überblendungen, durchs Aufdimmen und Erlöschen von Kulissen (Bühnenbild: Julia Müer) tritt allmählich Nicola Raabs Inszenierungsgedanke zutage: Darstellung der Mehrschichtigkeit eines lange unterschätzten Werks, das dem Verhältnis von Schaffen und Vernichten, Macht und Liebe, Rationalität und Irrationalität nachspürt. Die Spannweite reicht vom schlichten Kindermärchen über mitreissende Natursymbolik bis in die unfassbare Verschlungenheit von "Mann und Weib und Weib und Mann" (Schikaneder).

 

In der Aufführung der Opéra du Rhin erscheint diese Verschlungenheit jedoch nicht als Gedanke, sondern als Form. Da liegt das Ereignis. Es wird unterstrichen, ja recht eigentlich hergestellt durch die Einmaligkeit von Martin Anderssons Videobeitrag. Er bestätigt den alten Satz: "Du kannst auf der Bühne alles machen, vorausgesetzt, dass es gut ist."

 

Martin Anderssons Video ist nicht nur gut, sondern sehr gut, ja ausgezeichnet über alle Massen. Und warum? Weil es gescheit ist, hintergründig und sensibel. Es bringt, zu 99 Prozent schwarz-weiss (nur das Blut ist rot), die abstrakte Dimension der Bewegung ins Spiel, mit aufrauschenden Wellen, ziehenden Wolken, wimmelnden Spermien, bewegten Blättern und Bäumen – und damit die ganze Weite – und Beziehung - vom Mikro- zum Makrokosmos.

 

Durchs Filmfilmzitat erweitert das Video Handlung und Raum ums Assoziative, und das so akkurat, dass jeder Stimmungswechsel in Libretto und Komposition von der Bewegung aufgenommen, wiedergegeben und ins Bild übersetzt wird. Das Wunder erklärt sich durch Anderssons Biografie: Der Mann ist Jazzpianist, Film- und Fernsehkomponist, Multimedia-Künstler und Kreator von Klang-Installationen für Galerien und Festivals. Seine Arbeit für "Rusalka" macht klar: Theater dürfen nur noch Video-Leute engagieren, die diese Qualifikationen mitbringen! Dann kommt es endlich gut.

 

Aber da ist noch die Titelfigur. Pumeza Matshikiza "ver-körpert" die Wassernixe (und wieder muss ich das Wort in Anführungszeichen setzen, um auszudrücken, dass es wörtlich zu verstehen sei). Unfassbar - und gleichzeitig überwältigend -, wie sie ihrer Riesenrolle in diesem Riesenraum eine solche Intensität abgewinnt, dass man bei allem Sehen und Fühlen und Staunen miteinbezogen und ergriffen wird vom Schicksal des kleinen tschechischen Fabelwesens - als wäre seine Geschichte nicht ein Märchen, sondern eine Tragödie.

 

Anders verhält es sich mit der Opéra national du Rhin. Ihr Aufstieg ist zwar märchenhaft, aber nicht unerklärlich. Man muss sich, um Opernhaus des Jahres zu werden, bloss an Eva Kleinitz' Rezept halten. Und das lautet in jedem Belang: "Simply the best".

Die Spannweite vom Kindermärchen ... 

... über Macht und Vernichtung ...  

... bis zur unentrinnbaren Tragödie.