Schwankende Bandbreite: Antigone und Ismene. © Joel Schweizer.

 

 

 

Antiogone. Sophokles.

Tragödie.          

Deborah Epstein, Natascha von Steiger, Dorothee Scheiffahrth, Daniel "D-Flat" Weber. Theater Orchester Biel Solothurn in Koproduktion mit neuestheater.ch Dornach.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 1. November 2019.

 

 

Die Millennials und ihre jüngeren Geschwister haben ja keine Ahnung vom aufregenden analogen Leben, das ihre Urgrosseltern hatten! Im Stadttheater erlebten sie Schauspieler von einer Qualität, die seither in unseren Breiten nie mehr zu sehen war. Die Mimen kamen von den grossen Bühnen des Reichs und waren geflüchtete Juden. Ihre starken, unverwechselbaren Stimmen kannte zwischen Buchs, Wölflinswil und Kleinguschelmuth die ganze Schweiz. Denn in den Hörspielen des Landessenders Beromünster traten sie regelmässig auf. Bei diesen Sternstunden des Sprechtheaters versammelte sich jeweils die Familie vom Grossvater bis hinunter zum Sekundarschüler um den Radioapparat im Wohnzimmer, und alle taten dasselbe: stillsitzen und horchen.

 

Je nach Lage des Empfangsorts mussten sie die Ohren spitzen. Denn die Mittelwelle war nicht stabil und das Eingangssignal nicht überall gleich stark. Es gab Störgeräusche. Zum Beispiel, wenn in der Nachbarschaft ein Fön eingeschaltet wurde oder auf der Strasse ein Auto vorbeifuhr. Dann überdeckte das Knistern der elektrischen Funken die Botschaft aus dem Äther. Ab und zu drängte auch ein ausländischer Störsender mit seinem auf und abschwellenden Ton die Mittelwelle aus Beromünster beiseite. Dann wieder wurden aufgrund atmosphärischer Verschiebungen die Stimmen leiser, oder es mischte sich ein hohes Pfeifen in den Hörspielgenuss. Dann musste man der Frequenz unter leichter Drehung des Empfangsreglers nach rechts oder links nachfahren, bis die Töne wieder voll vernehmlich aus dem Lautsprecher kamen.

 

Der Unstabilität der Mittelwelle, die Grosseltern und Urgrosseltern noch kannten, können die Millennials und ihre jüngeren Geschwister jetzt in den Theatern von Solothurn, Biel und Dornach begegnen. Da läuft nämlich eine Koproduktion der "Antigone", bei der das Signal immer wieder von der geraden Linie abweicht und ins Off zielt. Das beginnt schon beim Frequenzband. Wenn in der ersten Szene Miriam Joya Strübel als Ödipustochter Antigone zu reden beginnt, zucken die älteren Herrschaften zusammen: "Um Gotteswillen! Ich muss unbedingt das Hörgerät zur Kontrolle bringen! Ich höre das S nicht mehr, und auch nicht mehr das F und das W." Doch wenn dann Liliom Lewald als Haimon auftritt, zeigt sich, dass die Wahrnehmung der Konsonantenschwäche nicht auf den Hörapparat zurückging, sondern aufs Sendesignal, das heisst auf die mangelhafte Artikulation der Hauptdarstellerin.

 

So schwankt in Solothurn, Biel und Dornach die Qualität der Aufführung wie seinerzeit die Tonübertragung auf Mittelwelle. Haimon ist glaubwürdig und exakt gefasst, Antigone dagegen immer etwas neben dem Peilstrahl und häufig im Modus des Hyperventilierens. Regisseurin Deborah Epstein aber geniesst den ganzen Abend das berauschende Vergnügen des Schwank(en)s. Mal wandert das Signal nach links, mal wandert es nach rechts hinaus. Manchmal meint man, das Stück heisse eigentlich "Kreon". In ihm, im König von Theben, liegt nämlich der Konflikt, nicht in Antigone. Die weiss, was sie will, und kommt keine Minute ins Grübeln. Ernst C. Siegrist spielt Kreon anfangs im Hemd des Machers mit dem Managerfoulard der Siebzigerjahre (damals wanderten die Hörer massenweise von der Mittelwelle zu UKW ab), am Schluss aber mit nacktem, blutverschmiertem Oberkörper, wie das heute bei den Tragödienaufführungen vom Saarländischen Staatstheater bis zum Volkstheater Wien gang und gäbe ist.

 

Auf diesen Bühnen wird ebenfalls, wie mit Daniel "D-Flat" Weber in Solothurn, Biel und Dornach, manches Schauspiel durch Perkussion begleitet. Und wie bei Simon Simon Stones "Medea", die ebenfalls in einem weissen Stoffdekor spielt, fällt in der Klimax ein wuchtiger Aschenregen auf die Szene nieder (Bühnenbild: Natascha von Steiger). In der "Totenhaus"-Inszenierung von Patrice Chéreau stürzt in der ebenfalls weissen Ausstattung gar ein halbe Tonne Bücher auf den Bühnenboden herab; aber der Meister übertraf nicht nur hier, sondern auch sonst das Übliche.

 

Eine schwankende Bandbreite weist ebenfalls die Übersetzung auf: Manchmal erinnert die Vorlage von Alfred S. Kessler an das Idiom von Wilhelm Kuchenmüller (Stuttgart 1955) oder Heinrich Weinstock (Stuttgart 1969), dann wieder begrüsst Antonia Scharl als übergeschnappte Eurydike im Callas-Look die Mitspieler ganz trendig mit "Hallo!", "Entschuldigung!" und "Verzeihung!" Und am Ende fällt ein Chormitglied gar in breites Schwäbisch.

 

Wechselhafte Sendesignale gehen auch vom Wächter, von Teiresias und vom Chor aus. In einem Kleid, das aus "Tintin au Tibet" stammt (Kostüme Dorothea Scheiffarth), gestaltet Liliom Lewald den Botenbericht zuerst als Clownsnummer, um dann, nach der dritten Wiederholungsschlaufe der Einleitung, zu nüchternem Ernst zu finden. Seine Performance wird, wie die des Chors, durch das Solothurner Premierenpublikum mit quietschendem Gelächter begleitet. Beim Auftritt von Teiresias indessen bleibt es irritierenderweise still, obwohl die Nummer aus dem Tuntenball stammt. Mit Trippelschritten und quäkender Stimme erinnert Severin Mauchle daran, dass der blinde Seher sieben Jahre lang Frau gewesen war, bevor er in einen Mann zurückverwandelt wurde. Daraufhin spricht der Nachwuchsschauspieler auch wieder mit normaler Stimme.

 

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die sophokleische Tragödie der "Antigone" bei den Kids von Dornach, Biel und Solothurn, die noch nie der Mittelwelle begegnet sind, durch ihr unstetes Schwanken ein gewisses Interesse auslöst, weil sie das Stilgemisch ans Surfen erinnert - und an die vertraute Mixität im Klassenraum. Aber DAB ist besser. Und Internet-Radio ohnehin.

 

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