Ein Minimum an Material: ein Fauteuil, eine Schauspielerin, ein Bild. © Laurent Sabathé.

 

 

 

Madame van Gogh. Cliff Paillé.

Schauspiel.          

Cliff Paillé, Studio Hébertot, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 24. November 2019.

 

 

Am 29. Juli 1890 starb Vincent unter unklaren Umständen. Am 25. Januar 1891 starb Theo an Syphilis. Der Maler wurde 37 Jahre alt, der Kunsthändler 33. Die Witwe, Madame van Gogh, erbte 850 Gemälde und 1000 Zeichnungen. Sie waren unverkäuflich. Denn sie hatten keinen Wert auf dem Kunstmarkt.

 

Diese Ausgangslage behandelt das Stück von Cliff Paillé. Es zeichnet sich aus durch seine dramaturgisch eleganten, erzähltechnisch klugen und menschlich anrührenden Wendungen. Mit ihnen lässt es die stur gebosselten, sperrigen Gegenwartsproduktionen des deutschen Sprachraums hinter sich und nähert sich dem funkelnden Nuancenreichtum des Marivaux-Stils.

 

Da Cliff Paillé auch für die Umsetzung von "Madame van Gogh" auf die Bühne zeichnet, nimmt die Inszenierung die Wendungen und Windungen des Stücks kongenial auf. Das führt zu einem belebten, immer wieder überraschenden und am Ende nachdenklich stimmenden Abend. Man hatte bei den vielen Uraufführungen der letzten Jahre schon fast vergessen, was das Theater an Differenzierung leisten könne. Jetzt ruft es einem das Studio Hébertot im Hof des "Boulevard Batignolles 78 bis" in Erinnerung.

 

Das Spiel ist schon im Gang, wenn das Publikum den Zuschauerraum betritt. Eine Frau sitzt lesend in einem Lehnstuhl (Lyne Lebreton). Aha, denkt man: Einpersonenstück. Die Vorstellung beginnt. Das Licht geht aus. Als es wieder angeht, ist die Frau weg, und ein junger Mann steht auf der linken Bühnenhälfte. Damit erfolgte die erste Wendung noch vor dem ersten Wort.

 

Der Mann (Romain Arnaud-Kneisky) arbeitet an einem Kondolenzbrief. Da sind seine Zeilen. Da sind seine Kommentare. Da sind seine Verbesserungen. Erneut zeigt das Stück Wendung auf Wendung.

 

Jetzt erscheint die Frau im Lehnstuhl. Sie liest den Kondolenzbrief. Sie schüttelt den Kopf. Sie kommentiert einzelne Formulierungen. Dann schreibt sie zurück. Aha, denkt man: Pingpong. Briefwechsel.

 

Doch – neue Wendung – der junge Mann belässt es nicht beim Schreiben. Er sucht die Witwe auf. Die Bilder Ihres Schwagers, sagt er, müssen der Welt gezeigt werden. Die Frau widerstrebt. Später vielleicht, sagt sie. Ich muss zuerst nachdenken.

 

Und schon sind wir im Konflikt: Warum sollen die Bilder gut sein?, fragt sie. Warum wollen Sie sie nicht ausstellen?, fragt er. Bei dieser Auseinandersetzung arbeiten sich die beiden aufeinander zu – aber auch auf das Werk und die dahinterliegende Geschichte. Mit jeder Wendung bekommt die Aufführung eine neue Dimension. Am Ende stehen wir vor der Unermesslichkeit der letzten Bilder.

 

Damit erweisen sich die Wendungen von Stück und Inszenierung recht eigentlich als Windungen. Mit ihnen bohrte sich Cliff Paillé Schicht um Schicht in die Tiefe. Er tat das mit einem Minimum an Material: einem Fauteuil, einer Truhe, ein paar Blättern. Dann kam ein Stuhl hinzu – er glich dem Holzstuhl, auf dem sich Vincent in den letzten Wochen porträtierte.

 

Das Spiel belebte Paillé durch intelligente Veränderung der Raumspannung und der Körperhaltungen. Dann erweiterte er die Dimensionen durch die Projektion von Bildern. Durch ein Stück Musik. Durch einen verlesenen Brief von Madame van Gogh aus dem Off. Und durch die Projektion eines Briefs von Vincents Grossneffen an die niederländische Regierung, während die Zuschauer aufstanden, um in ihre Gegenwart zurückzufinden, erfüllt vom Reichtum, den die schöne, kluge, menschlich vornehme Aufführung in ihnen hinterliess.

Der junge Mann und die Witwe.

Also ich muss zuerst nachdenken.

 
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