Astrik Khanamiryan drückt die Facetten der grossen Rolle ergreifend aus. © Joel Schweizer.

 

 

 

Giovanna d'Arco. Giuseppe Verdi.

Oper.          

Manlio Benzi, Yves Lenoir, Bruno de Lavenère, Valentin Vassilev. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 26. Oktober 2019.

 

 

1412 wurde Jeanne d'Arc geboren. 1431 wurde sie verbrannt wegen Häresie, Zauberei und Hexerei. Rehabilitiert 1456. Als Gottes Dienerin von der Kirche anerkannt 1904. Seliggesprochen 1908. Heiliggesprochen 1920. Es gibt über sie vier Opern, vier Epen, sieben Romane, neun Preisgedichte, zehn biographisch-chronikale Schilderungen und zweiunddreissig Dramen. In jedem dieser Werke erscheint Johanna als anderer Mensch. Mal ist sie schlichtes Bauernmädchen. Mal glänzende Heerführerin. Mal Amazone. Mal Hexe. Mal Geliebte. Mal Heilige.

 

Die Uneinheitlichkeit der Wertungen liegt nicht allein an der Figur, sondern auch an unserem Wahrnehmungssystem: "Man kann die selben Sachen nicht genug von verschiedenen Orten aus betrachten; von jedem neuen Standpunkt aus erscheint die Natur neu." (Histoire de l'académie de Paris 1700 sur les réfractions: "On ne saurait observer les mêmes choses de trop d'endroits différents, à chaque nouveau point de vue la nature paraît nouvelle.")

 

Die "Brechungen", von denen die "Histoire de l'académie de Paris" spricht, führt Yves Lenoir in seiner Inszenierung von "Giovanna d'Arco" auf den Umstand zurück, dass es sich bei der Jungfrau von Orleans eben wirklich um eine Jungfrau handelt, also um einen jungen Menschen, der auf der Kippe steht zwischen einem Noch nicht und einem Nicht mehr: Sie ist noch nicht Frau, und sie ist nicht mehr Kind. In diesem Zustand fällt sie von einem Extrem ins andere: Mal nimmt sie das Haupt des greisen Vaters in ihrem Schoss auf, dann wieder überschüttet sie ihr Bett mit Benzin.

 

Einerseits will nicht mehr Mädchen sein und versucht daher heftig, die Puppe unter dem Kopfkissen zu ersticken - anderseits fürchtet sie sich davor, sich und die Reinheit in der Liebe zu verlieren. Angstvoll weicht sie vor den Grossen zurück, die wirklich Grosse sind: Der Vater in seiner ganzen alttestamentlichen Autorität; Gott, der Herr der Heerscharen, in seiner ganzen Unfassbarkeit; und der König Karl VII in seiner ganzen Majestät. Dann wieder schlägt die Stimmung um, und Giovanna tritt den Grossen mit dem ganzen provokanten Selbstbewusstsein der Heranwachsenden entgegen.

 

Astrik Khanamiryan drückt die Facetten der grossen Rolle ergreifend aus. An ihrem Porträt zeigt sich einmal mehr, dass die Oper von Biel-Solothurn unter Dieter Kaegi von der Entdecker- zur Sprungbrettbühne geworden ist: Wer hier singt, gelangt in eine höhere Umlaufbahn. Verzweiflung, Innigkeit, enthusiastischen Schwung, mädchenhafte Verlorenheit und jungfräulichen Stolz durchlebt Astrik Khanamiryan in atemberaubendem Tempo. Komponist Giuseppe Verdi und sein Librettist Temistocle Solera haben nämlich Schillers fünfstündige Tragödie in zwei Stunden zusammengerafft.

 

Wie in den späteren Opern des Meisters hat bereits in der "Giovanna" die Vater-Tochter-Beziehung ihr "Gschmäckle". Die Mutter fehlt. Der Vater ist alleinerziehend. Die Tochter ist sein Ein und Alles, sein Schatz. Er mag sie mit niemandem teilen. Schon gar nicht mit dem König, der ihn überstrahlt. Da wird er böse. Da wird er tückisch. Michele Govi gestaltet dieses ambivalente Vater-Bild mit intensivem Engagement. Am liebsten möchte er sein Mädchen klein halten, und bei dieser Bemühung wird er selber infantil. Auf der Strecke bleibt (psycho-)logisch die seelische Reifung der Tochter. Giovanna kann nur nach oben streben, sterben und heilig werden. 

 

Das Bühnenbild von Bruno de Lavenère bringt die verschiedenen Aspekte des Werks eindringlich vors Auge: Der Riss, der sich in Giovannas Mädchenzimmer auftut, geht auch durch ihre Seele. Irdische Gefangenschaft und jenseitige Erlösung - ein weiteres Verdi-Thema - drückt die Inszenierung dadurch aus, dass sie im Spielort für "Giovanna d'Arco" hintergründigerweise das "Endspiel" von Beckett zitiert. Hier wie dort findet sich "trübes Licht" in einem "Innenraum ohne Möbel": "An der rechten und linken Wand je ein hoch angebrachtes Fensterchen." Um ins Freie sehen zu können, braucht Giovanna - wie Clov - "eine kleine Bockleiter". Und die zweite Person im Raum, der Vater, ist im übertragenen Sinn blind, wie Hamm im "Endspiel". So sind auch bei "Giovanna d'Arco" die Vorzeichen klar: "Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende ..."

 

Mit diesen Vorzeichen verscheucht die Produktion jeden Gedanken an vaterlandstrunkene Kriegsbegeisterung und "nationalistisch inspirierte Vereinnahmungversuche" (Norbert Oellers), die Schillers "Jungfrau von Orleans" im 19. Jahrhundert zu einem der meistgespielten Stücke machten - auch wenn es sich bei dieser Tragödie, wie George Bernard Shaw meinte, um "romantic nonsense" handelt. Ähnlich sah es Alfred Polgar: "Das Trauerspiel rührt an keine Frage, die unsere Zeit sonderlich beschäftigte. Unter den seelischen Konflikten, die ihre Menschen auszutragen haben, dürfte ein sehr seltener der zwischen irdischer und himmlischer Liebe sein."

 

Bei der "Jungfrau von Orleans" handelt es sich eben, wie schon Schillers Gattungsbezeichnung sagt, um eine "romantische Tragödie" im Sinne von August Wilhelm Schlegels "Universal­poesie": "Was schon in den alten Kosmogonien gelehrt ward, dass die Nacht die Mutter aller Dinge sei, dies erneuert sich in dem Leben eines jeden Menschen: aus dem ursprünglichem Chaos gestaltet sich ihm durch Liebe und Hass, durch Sympathie und Antipathie die Welt. Eben auf dem Dunkel, worin sich die Wurzel unseres Daseins verliert, auf dem unauflöslichen Geheimnis beruht der Zauber des Lebens, dies ist die Seele aller Poesie."

 

Diese romantische Auffassung von Poesie, mit der Verdi sein Publikum überwältigen wollte, drückt das Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit einer Intensität aus, die vom ersten Takt an packt, beglückt und ergreift. Manlio Benzi führt Musiker und Sänger in einen Bereich der Perfektion, in dem sich Schönheit und Energie so vereinigen, dass die Aufführung Theodor Fontanes Feststellung beglaubigt: "Alles in Jeanne d'Arc ist auf die Begeisterung gestellt".

 

Die romantische Begeisterung findet sich auch beim Darsteller Karls VII, Irkali Murjikneli. Durch Giovanna lässt er sich aus der Niedergeschlagenheit in den Enthusiasmus, und vom Enthusiasmus in die Liebe reissen, in der er sich gesanglich und emotional anrührend verströmt. Auf der andern Seite – meist hinter einem Vorhang - steht, geleitet von Valentin Vassilev, der aussergewöhnliche Chor: Warnend, raunend, dämpfend - dann aber auch wieder triumphierend.

 

Der Chor von Theater Orchester Biel Solothurn besteht nicht aus fest angestellten Sängern, sondern aus Amateuren, das heisst aus Liebhabern. Sie schenken der Bühne ihre Freizeit – und ihre Liebe. In Leben und Beruf haben sie schon manches erreicht. Das kommt ihrem Ausdruck zugute. So erscheint "das Volk" unter der sanft belebenden Hand von Regisseur Yves Lenoir mit lauter individuell geprägten Zügen nicht bloss als "Chor".

 

Aufs Ganze gesehen bietet Theater Orchester Biel Solothurn mit "Giovanna d'Arco" in eine geschlossene und gleichwohl differenzierte, eine gescheite und gleichwohl berührende Interpretation dieser selten gespielten Oper aus Verdis frühem Schaffen. Natürlich ist das Libretto noch grob, schematisch und rudimentär. Die Musik zwar effektvoll, aber nicht besonders raffiniert. Am Ende aber müssen wir uns, wie Fontane im Zusammenhang mit einer anderen "romantischen Tragödie" schrieb, "zu dem halb widerwillig, halb freudig gegebenen Geständnis bequemen: wenn wir das Stück in seiner Schönheit und Macht überhaupt wollen, so müssen wir auch das wollen, was uns an ihm verdross. Die Klarheit und Konsequenz des Gewollten, das uns überkommende Gefühl absoluter künstlerischer Notwendigkeit, entwaffnen zuletzt jeden Widerspruch."

 

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Der Riss geht nicht nur durch Giovannas Seele ... 

... sondern auch durch ihr früheres Mädchenzimmer. 

Und der Chor ist nicht nur "Chor", sondern "Volk".