Wie kommt dieser Typ Mensch an die Spitze der Macht? © Annette Boutellier.

 

 

 

Der grosse Diktator. Charlie Chaplin/Cihan Inan.

Schauspiel.          

Cihan Inan, Konstantina Dacheva, Daniel Stössel, Bernhard Bieri, Adrian Flückiger. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 20. Oktober 2019.

 

 

Bemerkenswert an dieser Aufführung ist die Bündelung von Stille, Gemessenheit und Ruhe. Sie erzeugt im Publikum einen aufnahmebereiten, fragenden, nachdenklichen Blick. Das wunderliche Geschehen auf der Theaterbühne erscheint uns gleich merkwürdig wie einem Zweijährigen die bewegten Igel-Figuren hinter dem Caran d'Ache-Schaufenster der Berner Bahnhofunterführung. Da läuft etwas ab, was wir nur halb verstehen: Wie kommt der Typ Mensch, den Charlie Chaplin in seinem "grossen Diktator" zur Darstellung bringt, an die Spitze der Macht? In der Hitler-Parodie trägt er den Namen Hynkel. Er hat ein schwarzes Schnäuzchen. Das Haar ist streng gescheitelt. Seine Nachfolger, wir sehen sie täglich in den Nachrichten, sind blond oder braun. Doch immer noch fragen wir uns: Wie kommt dieser Typ Mensch an die Spitze der Macht?

 

Die Bündelung von Stille, Gemessenheit und Ruhe, durch welche sich die Theateraufführung auszeichnet, hat nicht nur einen wirkungsästhetischen, sondern auch einen inhaltlichen Grund: "Alle Aktionsfelder einer Gesellschaft", erklärt der Berner Soziologe Farhad Afshar, "werden nach Zentrum und Peripherie geordnet. An der Peripherie des Realitätsfeldes haben Handlungen eine grössere Geschwindigkeit als im Zentrum. Im Zentrum des Realitätsfeldes ist die Geschwindigkeit klein, wodurch der Eindruck von Ruhe entsteht. - Unterschreibt ein Richter einen Haftbefehl, so sitzt er in seinem Büro und macht zehn Buchstaben. Wärter werden in Bewegung gesetzt, Fahnder werden ausgeschickt, die Bevölkerung wird mobilisiert (vgl. Fernsehsendung Aktenzeichen XY), Helikopter starten, ein Mensch wird gejagt. Der Richter sitzt im Zentrum des Aktionsfeldes Justiz – der Verfolgte rennt in der Peripherie um seine Freiheit."

 

Im Aktionsfeld Macht herrschen also Stille, Gemessenheit und Ruhe. Die Aufführung zieht dieses Tempo durch bis zum Ende – also über zwei Stunden. Die Nachdenklichkeit im Zuschauerraum verwandelt sich währenddessen in Beklemmung und schliesslich in stummen Abscheu gegen das Gezeigte, von dem wir wissen: Es ist wahr! Es hat sich ereignet! Was wir sehen, ist nur geringfügig stilisiert!

 

Auf diese Weise nahm seinerzeit Chaplin im Film und heute das Berner Schauspiel in der Bühnenadaptation die Wirklichkeit von Politik und Geschichte auf und spiegelt sie in einem Rahmen wider, der allen Details albtraumhafte Deutlichkeit zuweist. Kein Wischiwaschi. Kein Gefuchtel. Sondern klare, scharf abgegrenzte Darstellung. Sie entspricht Descartes' Definition von Erkenntnis: Wahr ist, was ich klar und deutlich sehe (clare et distincte percipere). Das macht die Aussage im "grossen Diktator" künstlerisch stark.

 

Für seine Bühnenadaptation hat Cihan Inan eine Erzählerin hinzuerfunden. Alle Fäden laufen bei ihr zusammen. Sie ruft die geschichtlichen Fakten in Erinnerung. Sie informiert über die Entstehungbedingungen des Films. Sie tritt in die Rolle einer Radiosprecherin und übermittelt Nachrichten aus dem Führerhauptquartier. Dann wieder ist sie Zuschauerin wie wir und blickt aus Reihe 1 am Rand des Portals nachdenklich, staunend und konzentriert auf die Handlung.

 

So schafft Chantal Le Moign mit ihrem gleichzeitig noblen und intensiven Spiel Verfremdung, Klarheit, Staffelung und Mehrdimensionalität. Ohne die Sichtachse der Erzählerin wäre die Handlung banal, und das Theater fiele gegenüber dem Film ab. Jetzt aber spielt es den Trumpf seiner einzigartigen Wesensart aus: Lebende Menschen führen lebenden Menschen am Vereinigungspunkt ihrer unterschiedlich gestalteten Gegenwart etwas vor, das sie unterhält, aufklärt und weiterbringt.

 

Am Anfang steht die Bühne im Finstern. Aber in die Eingangssätze der Erzählerin mischen sich Töne, Klänge und Geräusche. Und von da an ist schon klar, dass die meisterliche Tonspur (Livemusik Daniel Stössel) den ganzen Abend lang Faszination, Atmosphäre und Information übermitteln wird. - Auch in diesem Punkt also: Staffelung; Mehrdimensionalität. Das Rauschen der Mittelwelle ist ebenso zu hören wie das Pfeifen der Granaten, das Brummen der Bomber und die parodistische Begleitung der Slapstick–Gebärden. Einzelne Klänge sind von überraschender Zuspitzung. Etwa wenn die Nazi-Oberen nacheinander die Hände zum Gruss aufstrecken oder wenn Adenoid Hynkel seine üble Laune am Klavier auslässt.

 

Das Licht tritt hinzu. Bernhard Bieri heisst der Mann, der mehr kann als beleuchten. Seine Scheinwerfer folgen einer Partitur, die das Ganze zusammenhält und ihm Einheitlichkeit verleiht. Unter seinen Strahlen beginnt das genial einfache Bühnenbild von Konstantina Dacheva zu leuchten. Eigentlich hat es nur zwei Seiten: mehrstöckiges Gerüst mit Treppen einerseits, durchlöcherte Wandpaneele anderseits. Durch das Spiel mit Beleuchtung, Verschiebbarkeit und Zerlegbarkeit aber bekommt die Dekoration geschätzte 38 Facetten, alle passend zur Situation, zum Ort der Handlung und zur geforderten Stimmung.

 

Die klare Umrisslinie bei sensibler Verteilung der Gewichte (der Kenner glaubt, die Handschrift des neuen Chefdramaturgen Adrian Flückiger herauslesen zu können) führt bei Gabriel Schneiders Darstellung von Adenoid Hynkel zu einem Rollenbild von überwältigender Vielgestaltigkeit, Akkuratesse und Eindringlichkeit. Es gibt da nicht nur Poltern, Angeben und Auftrumpfen, sondern auch Winseln und Jaulen - und eine Kindlichkeit, die abwechslungsweise Mitleid, Befremden und Sympathie wachruft. Wie der grosse Diktator selig mit dem Weltball spielt, ist von rührender clownesker Poesie. Sie lässt uns beinahe vergessen, dass gerade die Infantilität des Diktators – der Diktatoren – die Gefährlichkeit dieses Schlags ausmacht.

 

Dafür verkennen wir nicht, welch unheilvollen Einfluss die Entourage auf den Führer hat. Man findet bei ihr, wie Adolph Freiherr von Knigge schreibt, "Verspottung der Einfalt, Unschuld, Reinigkeit und der heiligsten Gefühle; Flachheit; Vertilgung, Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit, Persiflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inkonsequenz, Nachlallen; Rang- und Titelsucht, Vorurteile aller Art; sklavisches Kriechen, um etwas zu erringen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit, Klatscherei, Kabale; Schadenfreude ..." Die Typen Schultz (Hans-Caspar Gattiker) Garbitsch (Jürg Wisbach) und Hering (Stefano Wenk) sind ganz vorzüglich getroffen und in den Raum gestellt.

 

Auf der anderen Seite – im Dunkel des Gettos – finden wir schlichte Menschlichkeit und Herzenstöne. Daniela Luise Schneider als Hannah bringt uns mit ihrer Redlichkeit ins Träumen, etwa wenn sie sich und ihre Haare den Händen des kleinen jüdischen Friseurs überlässt. Es handelt sich bei ihm, wie auch beim grundanständigen, milden Herrn Jäckel (Jürg Wisbach) und Napoloni (Hans-Caspar Gattiker) um eine Doppelrolle: Gabriel Schneider, der grosse Diktator, verkörpert sie.

 

So ist Cihan Inans gescheite Inszenierung, die sich volkstümlich und lesbar gibt, durchzogen von einem konsequenten Einerseits–Anderseits. Künstlerisch gibt es der Aufführung Relief; menschlich dem Publikum Stoff zum Nachdenken. Die Ambivalenz nämlich hat "Beweiskraft dafür, dass man", wie der ehemalige KZ-Häftling Viktor E. Frankl schrieb, "dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Und es gab ein 'So oder so'! Und jeder Tag und jede Stunde im Lager gab tausendfältige Gelegenheit, diese innere Entscheidung zu vollziehen, die Entscheidung des Menschen für oder gegen den Verfall [an die Unmenschlichkeit]".

 

Wie konnte das geschehen? Einen Film auf die Bühne bringen und dabei nicht den Kürzeren ziehen? Ein Wunder war's nicht, und ein Zufall auch nicht. Hinter dem beeindruckenden Erfolg, den das Berner Schauspiel mit Chaplins "grossem Diktator" eingefahren hat, steckt eine Reihe künstlerischer Tugenden: Ehrlichkeit, Zurückhaltung, Gespür, Sinn für Dosierung und Tempo, exakte Schauspielerführung und ein – ja, brauchen wir das Wort: Ethos, das die Herzen der Zuschauer erreicht. Ihre Prägnanz schliesslich verdankt die Aufführung dem hervorragenden Ensemble, welches mit glücklichen, wohlumrissenen Leistungen glänzt. Endloser Premierenapplaus.

 

Die Stimme der andern

> Tagblatt

> Berner Zeitung

Hinter der Bezahlschranke

> Der Bund

Einerseits: Gerüst mit Treppen. 

Anderseits: Duchlöcherte Pannele.