Was wird von diesen Momenten bleiben? © Janosch Abel.

 

 

 

Der Sohn. Elmar Goerden.

Schauspiel.          

Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 17. Oktober 2019.

 

 

Charles-Augustin Sainte-Beuve, "einer der entscheidensten, aber auch problematischsten Literaturkritiker der modernen Literaturgeschichte" (Helgard Brauns) hat es dadurch zur Unsterblichkeit gebracht, dass 1954 ein legendärer Essay herauskam, den Marcel Proust zwischen 1908 und 1910 verfasst hat. Er trägt den Titel "Contre Sainte-Beuve". Dieser Aufsatz hat den Namen des Kritikers für alle Zeiten in die Literatur­geschichte eingeschrieben.

 

Das Opus Magnum des Verewigten kennt jedoch nur noch die Spezialforschung: "Port Royal". So heisst Sainte-Beuves Geschichte des Jansenismus. "Die geistesgeschichtlichen Thesen dieses Werks prägten noch bis ins 20. Jahrhundert, zumeist indirekt, unsere Sicht des französischen 17. Jahrhunderts wesentlich mit." (Christoph Dröge) Die sechs Bände erschienen zwischen 1840 und 1859. Im Anhang des letzten Bandes nun finden sich Sätze, die direkt zu Elmar Goerdens neuester Produktion führen: "Der Sohn", dieser Tage im Spielplan von Konzert Theater Bern. Sainte-Beuve beschreibt - 160 Jahre vor unserer Zeit - die Situation, in der wir uns heute befinden:

 

"Früher, in der Literaturepoche des Regelmässigen, die klassische genannt, galt als bester Dichter, wer das perfekteste, schönste Gedicht geschaffen hatte, das klarste, das angenehmste zum Lesen, das vollendetste in jeder Hinsicht, die 'Aeneis', 'Jerusalem', eine schöne Tragödie. Heute will man anderes. Der grösste Dichter ist für uns, wer in seinen Werken dem Leser am meisten zu imaginieren und zu träumen gab, wer ihn am meisten anspornte, selber zu poetisieren. Der grösste Dichter ist nicht, wer es am besten gemacht hat: es ist, wer am meisten suggeriert, bei dem man anfänglich nicht recht weiss, was er hat sagen und ausdrücken wollen, der uns viel zu wünschen übriglässt, zu erklären, zu grübeln, viel selber zu vollenden. Es gibt nichts Höheres, um unsere Bewunderung zu wecken und zu nähren, als die unfertigen und unauslotbaren Dichter: denn heute will man, dass die Poesie im Leser sei, fast in gleichem Mass wie im Dichter. Seit die Kritik geboren und gross wurde, überflutet sie alles, überbietet sie alles, sie liebt die dichterischen Werke nicht, die rundum vom Licht umflossen und vollkommen sind; damit kann sie nichts anfangen. Das Unbestimmte, das Obskure, das Schwierige, wenn es sich mit einiger Grösse vereinigt, ist eher ihre Sache. Sie braucht Stoff zum Konstruieren und Schaffen für sich selbst. Sie ist überhaupt nicht verärgert, wenn sie einen Knäuel zu entwirren hat und wenn man ihr von Zeit zu Zeit Schwierigkeiten macht. Es missfällt ihr nicht zu spüren, dass sie ihrerseits in ein Schaffen kommt. Wenn ich sie einmal gesehen und bewundert habe in der Reinheit ihrer Zeichnung und ihres Umrisses, was soll ich da noch sagen zu Dido und Armida, Bradamante oder Clorinde, Angélique oder Herminie? Sprecht zu mir von Faust, von Beatrice, von Mignon, Don Juan, Hamlet, diesen Figuren mit zwei- oder dreifacher Bedeutung, Diskussionsgegenstände, in gewisser Hinsicht geheimnisvoll, undefiniert, unvollendet, dehnbar, ständig wechselnd und veränderlich: Sprecht zu mir von dem, was Grund und Vorwand gibt zu ewigen Grübeleien und endlosen Betrachtungen. Wenn man 'Le Lutrin' oder 'Athalie' gelesen hat, wurde der Geist erholt oder erhoben; man hat ein nobles oder feines Vergnügen genossen; doch alles ist gesagt, vollendet, fertig, unverrückbar; und dann ... gibt es hier nichts Rätselhaftes; alles erscheint recht flach."

Was Sainte-Beuve 1859 im Anhang zum sechsten Band von "Port Royal" polemisch niedergelegt hat, findet sich, 110 Jahre später, in Theodor W. Adornos 550 Seiten starker "Ästhetischer Theorie" zum Grundsatz erhoben: "Alle Kunstwerke, und Kunst insgesamt, sind Rätsel; das hat von altersher die Theorie der Kunst irritiert. Dass Kunstwerke etwas sagen und mit dem gleichen Atemzug verbergen, nennt den Rätselcharakter unterm Aspekt der Sprache. ... Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine."

Das Rätsel also ist die Kunstform der Moderne. Und da seine Wurzeln, wie Sainte-Beuves Zeugnis zeigt, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichen, können wir auch erkennen, was es braucht, damit ein künstlerisches Rätsel die Zeit überdauert: eine klare, scharf gefasste Form. Sie prägt so unterschiedliche Werke wie "Warten auf Godot", "Die Stühle", "Publikumsbeschimpfung", "Der Theatermacher". - Jedes Gedicht von Paul Celan, jeder "Maulwurf" von Günter Eich, jede Erzählung von Franz Kafka (von Doderers "Divertimenti" nicht zu reden) hat eine funkelnde, scharf umrissene, eigentümliche Gestalt. In ihr steckt – wie in den Rätseln der Turandot - die Verlockung: Dring in mich ein! Ich werde dich belohnen!

Und hier liegt die Krux. "Der Sohn" hat seine Form nicht gefunden. Zweimal schon hat Elmar Goerden für Konzert Theater Bern die Odyssee in unsere Zeit fortgeschrieben. Durch eine faszinierende Kombination von Absurdität und Alltäglichkeit warf er ein neues Licht auf die verschiedenen Teile des Epos. Auf diese Weise machte er Homers altes Lied überraschend vieldeutig. Beim letzten Stück der Trilogie indes stellen sich Bedeutung und Faszination nicht mehr ein. Und warum? Weil sich Goerden nicht gesteigert hat und der Stoff amorph blieb. Die Dramaturgie hätte das merken und den Entwurf zurückweisen sollen. Die Auseinandersetzung hätte zu Durchbruch oder Abbruch geführt, nicht bloss zu Bruch. (Programmheft-Beiträge und Einführungen, die darlegen, was gewollt war, beseitigen die Schwäche der Form nicht.)

 

Wenn in 150 Jahren der Hanser-Verlag Elmar Goerdens Werke und hinterlassene Schriften herausbringen wird, wird man möglicherweise unter dem Unveröffentlichten einen selbst­kritischen Eintrag finden wie den, welchen Georg Christoph Lichtenberg in Heft J seiner Sudelbücher vergraben hat: "Nachdem ich vieles menschenbeobachterisch und mit vielem schmeichelhaften Gefühl eigner Superiorität aufgezeichnet, und in noch feinere Worte gesteckt hatte, fand ich oft am Ende, dass grade das das Beste war, was ich ohne alle diese Gefühle so ganz bürgerlich niedergeschrieben hatte. (sehr sehr wahr)"

 

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