Agnes Baltsa (Porträt).

Der Bund, 3. Dezember 1983.

 

 

Begegnung mit...

Agnes Baltsa: "Sich nicht verbrauchen lassen"

Die berühmte Mezzosopranistin, die in allen Opernhäusern der Welt singt, aber in Bern wohnt

 

Sie hat es geschafft. Ein geradliniger Aufstieg liegt hinter ihr, und heute – mit 39 Jahren – ist sie ganz oben. Sie ist "die" Carmen; sie ist "die" Cenerentola; sie ist "der" Octavian. Jede Rolle, die sie übernimmt, wird zum triumphalen Erfolg. Nach jedem Auftritt erntet sie donnernde Ovationen. – Als sie vor zwei Wochen Chicago verliess, wo sie an sieben Abenden gesungen hatte, titelte eine Zeitung: "Agnes Baltsa, don't forget our town!" (Agnes Baltsa, vergessen Sie unsere Stadt nicht!)

 

Es gibt keinen Zweifel, sie hat die ganz grosse Karriere geschafft. Sie ist ein Weltstar geworden. Sie singt in allen grossen Opernhäusern. Ihre Auftrittsorte sind die New York Metropolitan Opera, die Opéra de Paris, das Covent Garden Royal Opera House London, die Staatsoper Wien, das Festspielhaus Salzburg, die Staatsoper München, die Staatsoper Hamburg, das Teatro alla Scala di Milano, die Lyric Opera of Chicago und das Tokyo Opera House.

 

Wie zur Bestätigung ihres Ruhms erreichte sie vor ein paar Tagen aus Italien noch folgender Brief: "Infolge Ihrer Aufnahme in die Ausgabe 'Zeitgenössische Persönlichkeiten' und in Anbetracht des von Ihnen gesandten Materials über Ihre Tätigkeiten, das in unseren Akten zusammengestellt wird, hat der von Prof. Dokt. Nicoló Panepinto vorgesessene Ausschuss des 'Weltpreises der Kultur' für Literatur, Kunst und Wissenschaft beschlossen, Ihnen die Siegesstatue 'Persönlichkeit des Jahres' 1984 zu verleihen. Das ist eine Erkennung Ihres kulturellen und professionellen Engagements, das Sie im Bereich Ihrer Tätigkeiten bewiesen haben, und an einer Verbesserung der zeitgenössischen Gemeinschaft mitarbeiteten.

Centro Studi e Ricerche delle Nazioni, die Hauptsekretärin Angela Nicosia."

 

Nochmals: Agnes Baltsa hat es geschafft. Aber wie es so geht – auf der strahlenden Bahn des Ruhms wanderte der Schatten mit. Und heute, wo sie ganz oben steht, regt sich in ihr eine leise Angst. "Es geht mir zu gut", sagt sie nachdenklich. "Ein solches Glück kann nicht von Dauer sein. Ich fürchte, dass sich dahinter etwas ganz Schlimmes vorbereitet. Mehr kann ich nicht sagen; es ist einfach so ein Gefühl."

 

Es hat ja schon etwas Zwiespältiges, wenn man Agnes Baltsa heisst und seine Agenda aufschlägt. Ganze Wochen und Monate sind vergeben, auf Jahre hinaus. Bis 1989 steht "Chicago" im Kalender. Und "Salzburg" steht da. Und "London". So gefragt bist du, Agnes Baltsa. Die Leute wollen dich singen hören, dich! Bis 1989 musst du mitmachen. Und in dieser Zeit darfst du nicht müde werden, nicht nachlassen... "Es wird immer schwieriger", davon ist Agnes Baltsa überzeugt. "Es wird schwieriger – wegen mir. Mein Verantwortungsgefühl steigt von Jahr zu Jahr. Ich werde immer selbstkritischer, weil ich mein Publikum nicht enttäuschen möchte." So ist der Schatten mitgewandert auf der strahlenden Bahn des Ruhms, und er ist gewachsen. Der Ruf, den sie sich mit ihrem Gesang geschaffen hat, wird zur Herausforderung an sie selbst.

 

Dazu kommt, dass die künstlerischen Ansprüche gestiegen sind, die Agnes Baltsa stellt. Es genügt ihr nicht mehr, auf eine Bühne zu treten, ihre Arie abzuliefern, den Applaus entgegenzunehmen, die Gage zu kassieren und abzujetten. Sondern heute muss sie auf der Bühne etwas erleben. Und es genügt ihr nicht, schöne Töne zu singen, sondern sie möchte dem Publikum mit ihrem Gesang etwas mitgeben.

 

"Erstmals", erzählt sie, "hatte ich beim Singen das Gefühl: Jetzt hat Gott die Hände über dir ausgebreitet. Und als ich geendet hatte, blieb es einen Moment still. Alle hatten Tränen in den Augen, auch Karajan." So möchte sie immer singen können. Aber dafür braucht sie, wie sie sagt, "einen Boden". Und der muss ihr vom Dirigenten bereitet werden. Oder vom Regisseur.

 

Sie erinnert sich an die Zusammenarbeit mit Jean-Pierre Ponnelle: "Die Carmen, die ich mit ihm einstudiert habe, hat mein Leben verändert." Die Inszenierung am Zürcher Opernhaus hatte so viele Farben, dass Agnes Baltsa beim Singen das Gefühl hatte, "ein ganzes rundes Leben zu durchwandern". Es war ein Höhepunkt. "Wenn man mir heute sagen würde: Du darfst diese Rolle nie mehr singen, würde mich das gleichgültig lassen. Ich kann darauf verzichten, denn ich habe es erlebt." Mit solchem Engagement möchte Agnes Baltsa immer auf eine Bühne treten: Singen, als wäre es zum letzten Mal.

 

"So eine Karriere verlangt enorme Kraft", stellt ihr Mann fest, und er muss es wissen. Denn er, Günther Missenhardt, ist selber Sänger. "Ich hatte nicht die gleiche Disziplin und den gleichen Durchhaltewillen wie sie. Ich bin zu gemütlich und zu lasch in meiner Einstellung. Sie können sich nicht vorstellen, was für einen ungeheuren Fleiss es braucht, um nach oben zu kommen."

 

Agnes Baltsa brachte die Disziplin mit. Als sie als junges Mädchen nach München kam, um dort Gesang zu lernen, verging sie fast vor Kummer und Heimweh. Aber sie erlaubte sich kein Weglaufen. "Du musst es aushalten", sagte sie zu sich selbst. "Sonst kannst du nicht Sängerin werden." Und diese strenge Selbstzucht muss sie auch heute noch aufbringen. Tag für Tag. Es nützt nichts, dass sie gestern gut gesungen hat. Heute muss sie sich bewähren. Das ist ihre ständige Herausforderung. Sie weiss: "Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich allein. Da kann mir keiner helfen." Alles hängt nun von ihr ab – und von ihrer Stimme.

 

Darum hält Agnes Baltsa die Stimme für das Wichtigste. Sie darf nicht verlorengehen. Die Sängerin weiss: "An diesem Organ hängt meine Karriere, mein Glück, mein Leben." Und um dieses Organ zu behalten, muss sie Opfer bringen. Sie darf nicht essen, was sie will. Das Rauchen ist ihr verboten, und auch das Reden. "Ich gehe gern in eine heisse Disco. Ich liebe das Tanzen, das Diskutieren. Ich lache gern mit Freunden. Aber all das schadet meiner Stimme."

 

So ist sie gezwungen, asketisch zu leben. Während eines Engagements verhält sich die temperamentvolle Frau schweigsam wie ein Eremit. Einem Sänger nämlich ist es verboten, am Tag der Aufführung zu reden. Ja schon am Tag vorher sollte er schweigen. Und am Tag nach der Aufführung muss er den Stimmbändern Erholung gönnen. Da darf er auch nicht reden. "Stellen Sie sich dieses Leben vor", seufzt Agnes Baltsa. "Als ich in Chicago war, hatte ich jeden dritten Tag eine Vorstellung. Insgesamt sieben. Und dazwischen lagen neunzehn Tage, an denen ich nicht hätte reden dürfen!"

 

Ein anderes Beispiel: Weihnachten. Da verbringt jeder den Abend im Kreis der Familie. Sie aber sitzt stumm in einem Hotelzimmer. Nach Hause kann sie nicht fahren, denn am nächsten Tag ist wieder Vorstellung. So steckt Agnes Baltsa in einem ständigen Dilemma: "Wenn ich als Mensch nicht leben darf, dann lebt auch die Person auf der Bühne nicht, die ich verkörpern muss. Anderseits schadet das meiste, was mir Freude macht, der Stimme."

 

Einerseits – anderseits. Agnes Baltsa ist hin- und hergerissen. Sie liebt das Singen, aber sie muss gleichzeitig aufpassen, dass sie sich nicht verbrauchen lässt. Manchmal denkt sie: "Ich ersticke noch an der Disziplin!" Und sie sagt sich: "Ich bin doch nicht nur Sängerin! Ich bin doch auch ein Mensch!" In solchen Momenten der Mutlosigkeit lockern sich die Zügel der Disziplin, und Agnes Baltsa lässt sich gehen. Sie tollt ausgelassen herum, lacht und diskutiert bis in den Morgen. Dann schlägt das Pendel auf die andere Seite. Wut packt sie, dass sie sich so vergass und ihre Stimme gefährdete. Aufgebracht nimmt sie sich vor, den Fehler nie mehr zu machen.

 

Aber mit diesem Widerstreit wird sie zu kämpfen haben, solange sie singt. Und immer wieder wird es vorkommen, dass sie vom Kampf gelähmt wird, der sich in ihrem Innern abspielt: "Ich komme nach Hause, habe furchtbar viel zu lernen, und ich sitze da, einfach da. Ich rühre keine Hand, obwohl ich weiss, wie dringend es wäre. Aber etwas in mir will nicht mitmachen, obwohl mir der Boden unter den Füssen brennt."

 

"Man müsste sich mehr entspannen können", stellt Agnes Baltsa in sachlichem Ton fest. "Man müsste mehr Zeit haben, um bewusst eine Blume anzuschauen, bewusst zu geniessen." Ihr selber fehlt diese Gelassenheit oft. In ihrem Kopf ist eine Mühle, die noch lange dreht, wenn sie verletzt worden ist. "Ich habe keine dicke Haut", gesteht sie. "Auch wenn ich nach aussen hin mit Bestimmtheit auftrete." So macht die Sensibilität, die sie fürs Singen braucht, Agnes Baltsa fürs "gewöhnliche" Leben verletzlich. Und durch die Anforderungen, die an einen Star gestellt werden, wird sie reizbar. Einmal, sagt sie, einmal möchte sie die Ruhe finden, um Karriere und Leben zu überdenken. Aber es gelingt ihr nicht, sich zu sammeln: "In zwei Wochen muss – nein: darf ich nach Hamburg, und dann nach München, und im Februar singe ich in Wien... Ich weiss ganz genau, wie das Publikum sich freut. Da kann ich doch nicht einfach aussteigen und die Verträge brechen." In der Tat, selbst eine Agnes Baltsa könnte sich das nicht leisten. Ein Sänger, der als unzuverlässig gilt, findet kein Engagement mehr, Begabung hin oder her.

 

"Das ist eben der Preis der Karriere", stellt ihr Mann in gemütlichem Bayrisch fest. Agnes Baltsa nickt wortlos. Und Günther Missenhardt fährt fort: "Anders wäre es ungerecht. Man kann nicht in Glanz und Gloria leben und alles bekommen, was man sich wünscht, ohne dafür auch irgendwie zu zahlen."

 

Zu ihrer Karriere haben Agnes Baltsa und Günther Missenhardt ein professionelles Verhältnis. Sie wissen, dass die Stimme eines Tages abnehmen wird. Und dann werden sie von der Bühne abtreten. Bereits haben sie die nötigen Vorbereitungen getroffen und in Bern Wohnsitz genommen.

 

"Bern", erläutert Günther Missenhardt, "ist eigentlich ein Zufall. Als wir vor zehn Jahren heirateten, hatte ich am Stadttheater ein Engagement für fünf Jahre. Und so haben wir uns hier niedergelassen." Agnes Baltsa hat keine ausgesprochene Vorliebe für die Zähringerstadt. Natürlich wohnen hier Freunde, die sie schätzen gelernt hat. "Aber im Grund ist es nicht so wichtig, wo ich lebe. Ich muss mich überall wohlfühlen." Diese Anpassungsfähigkeit verlangt der Beruf. "Wir Sänger", erläutert sie, "sind wie Bäume. Jeden Monat werden wir verpflanzt. Und trotzdem müssen wir an jedem neuen Ort wieder Blätter tragen und Blüten hervorbringen."

 

Und wozu all diese Entbehrungen, Kämpfe, Ängste? Warum wählt jemand solch ein wechselvolles, anforderungsreiches Leben? Agnes Baltsa: "Aus Freude an der Musik. Die Musik trägt mich in eine Welt, in der alles Kleine, Enge und Sinnlose wegfällt. In der Musik erlebe ich eine unendliche Schönheit. Sie beflügelt mich, und ich spüre: Hier ist die Vollkommenheit, wenn sie überhaupt existiert..."

 

Agnes Baltsa verstummt nachdenklich. "Davon", murmelt sie, "davon möchte ich dem Publikum etwas mitgeben."

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]