"Mehr ist mehr", sagt der Kapitalismus. © lupisuma com.

 
 

 

 

Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss. Horace McCoy.

Schauspiel.

Miloš Lolić, Nevena Glušica. Volkstheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 1. Oktober 2019.

"Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss" heisst das Schauspiel, mit dem sich das Wiener Volkstheater am immerwährenden Krieg zwischen Kapitalismus und Kunst beteiligt. Der Kapitalismus behauptet: "Mehr ist mehr." Die Kunst sagt: "Weniger ist mehr." Das Volkstheater legt die Argumente beider Seiten in die Waagschalen und lässt das Publikum urteilen.


In die Schale des "Mehr ist mehr" kommt 1 Kurzroman von Horace McCoy aus dem Jahr 1935, deutsch unter dem Titel: "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss" (64 Seiten). Dazu kommt 1 Film von Sidney Pollack aus dem Jahr 1969, "They Shoot Horses, Don’t They?", mit Jane Fonda (2 h 09 min). Dazu kommen 2 Schau­spieler des Volkstheaters als Showmasterin und Showmaster (Evi Kehrstephan und Jan Thümer). Sie sprechen "Zwischentexte", die der Dramaturg Roland Koberg, der Regisseur Miloš Lolić und das Ensemble hervorgebracht haben. Dazu kommt 1 Soundtrack mit Musik von Nevena Glušica. Dazu kommen 10 Schauspieler. Sie spielen 8 Szenen aus legendären Volkstheater-Produktionen: "Reigen" von Arthur Schnitzler (1921), "Die heilige Johanna" von George Bernard Shaw (1943), "Geschichten aus dem Wiener Wald" von Ödön von Horvath (1948), "Mutter Courage und ihre Kinder" von Bertolt Brecht (1963), "Die Hinrichtung" von Helmut Qualtinger (1965), "Change" von Wolfgang Bauer (1969), "Krankheit oder Moderne Frauen" von Elfriede Jelinek (1990), "Vor dem Ruhestand" von Thomas Bernhard (2005). Das Ganze wird angereichert mit x Überblendungen aus dem Film von Sidney Pollack, y Videosequenzen aus den Korridoren des Volkstheaters und z Projektionen einer Live-Kamera. Spieldauer der Uraufführung: 1 h 45 min. Damit sind die Zutaten beisammen, die in der Schale des "Mehr ist mehr" liegen.


In der Schale des "Weniger ist mehr" liegen die kurzen Szenenausschnitte: Die Begegnung des Soldaten mit der Dirne bei der Augartenbrücke. Die Auseinandersetzung Johannas mit dem Inquisitor. Das Gespräch des Feldkaplans mit der Mutter Courage ... Das Bühnenbild fehlt. Die Schauspieler stehen im Raum und rufen lediglich durch den Dialog die Szene herbei. Und man merkt sogleich: Sie können's noch. Die Intonationen stimmen. Die Pausen haben die richtige Länge. Nach wenigen Sätzen knistert es zwischen den Figuren. Spannung kommt auf. Das Theater der Dichter war eben – im Gegensatz zum Theater der Performer - in jeder Szene gefüllt. Die Handlung, die sich in der Begegnung ereignete, kam von irgendwo her und führte irgendwo hin. Blosses Zappeln beziehungsweise blosses Zappen gab's nicht. 

 

Nach 1 h 45 min ist die Verhandlung geschlossen. Das Ergebnis ist klar: "Weniger ist mehr" hat das künstlerische Recht auf seiner Seite. Aber "mehr ist mehr" beherrscht das Feld. Denn "weniger ist mehr" verlangt Geist; "mehr ist mehr" ver­langt lediglich Material - und das liefert die Elektronik zuhauf. Darum ist "mehr ist mehr" billiger. Das erweist das Volkstheater mit beeindruckender Deutlichkeit. Q.e.d.

"Weniger ist mehr", sagt die Kunst. 

"Das Leben ist alles", sagt die Mutter Courage.