Ein kluges, ja hintersinniges System von Staffelungen. © Joel Schweizer.

 

 

 

Der Weg ins Morgenland. Dominique Ziegler.

Schauspiel.          

Robin Telfer, Vazul Mausz. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 21. September 2019.

 

 

Der Berliner Kritiker Alfred Kerr (tätig ab 1890 bis zur Emigration im Jahr 1933) unterschied beim Schauspiel zwischen "Gerüst" und "Behang". Unter "Behang" verstand er die Oberfläche, und unter "Gerüst" die Tiefenstruktur. Das Schauspiel von Dominique Ziegler nun verwendet ein ausser­ordentlich robustes und bewährtes Gerüst. Es geht zurück auf die französische Klassik. Da wurde, unter Rückgriff auf Aristoteles, die Befolgung von drei Einheiten verlangt: Einheit der Handlung, Einheit der Zeit und Einheit des Orts.  

 

Diesen drei Einheiten begegnet man auf dem "Weg ins Morgenland" wieder. Einheit des Orts: Das Stück spielt im Verhörraum eines französischen Quartierkommissariats. Ein einfacher Tisch, zwei einfache Stühle. Auf dem Tisch ein Laptop. Einfacher kann man sich die szenische Einrichtung kaum denken. Aber Bühnenbildner Vazul Matusz lässt es dabei nicht bewenden. Sondern er erfindet ein kluges, um nicht zu sagen: hintersinniges System von Staffelungen.

 

Das Bühnenbild entblösst den Kern der Handlung nämlich Schritt für Schritt, gleich wie sich die Handlung Schritt für Schritt der dramatischen Verwicklung nähert. Das ist schon mal klug. Dass aber die erste Dekoration, die dem Vorhang entspricht, das Publikum zurückspiegelt, und dass sich das Drama schliesslich, sobald alle Kulissen hochgezogen sind, in einer sogenannten bi-frontalen Anlage ereignet, das ist hintersinnig.

 

Die Aufführung spielt auf diese Weise mit der Dialektik von Abgeschirmtheit und Öffentlichkeit (einem zentralen Gedanken des Stücks). Und indem die Zuschauer hinter der Spielfläche andere Zuschauer beim Zuschauen erblicken, rückt die Aufführung das Problem in unsere Mitte: Tua res agitur.

 

Einheit der Zeit: Die Aufführung dauert achtzig Minuten. Gleich lange wie das Verhör. Spielzeit und gespielte Zeit sind deckungsgleich. Was die Bühne zeigt, entspricht einem kohärenten Wirklichkeitsausschnitt - einer "tranche de vie".

 

Durch Rede und Gegenrede kommt die Fülle des Lebens in den Raum. Und damit entsteht noch einmal Dialektik. Diesmal eine Dialektik zwischen dem, was sich drin abspielt, und dem, was draussen ist. Die Rede, die im Jetzt laut wird, verknüpft die Gegenwart mit Vergangenheit und Zukunft, und das Faktische wird verwoben mit seinen vermuteten beziehungsweise verborgenen Wurzeln. Diese Beziehungen machen die Aufführung dicht.

 

Einheit der Handlung: Es geht, wie schon um 425 v. Chr. bei der Tragödie "Ödipus" des attischen Dramatikers Sophokles, um eine einzige Frage: Wer bist du? Du sagst zwar dies und jenes – aber stimmt es auch? Liegt die Wahrheit nicht woanders? Nämlich in der Schwärze des Verhängnisses? Auf dem "Weg ins Morgenland" wird das Fortschreiten der Zeit zu einem Vorschreiten in die Erkenntnis. Und wir erfahren, dass die handelnden Figuren nur Puppen sind, von unbekannten Mächten gezogen.

 

Das Gerüst von Dominique Zieglers Drama beruht auf dem Ursprung des Theaters. Anfänglich versammelte sich die Bürgerschaft von Athen nur zum Gottesdienst. In der Mitte eines Kreises (der Orchestra) stand ein Altar. Auf ihm brachte ein Priester das Opfer dar. Dann begann er zu rezitieren. Er trug den Mythos vor, der das Opfer verlangte. Bald aber erkannten die Griechen, dass die kultische Handlung spannender werde, wenn eine zweite, ebenfalls kostümierte Person auftrete. So wurde der erste Schauspieler - der Protagonist - mit einem zweiten konfrontiert: dem Deuteragonisten. Durch ihn wechselte Rede mit Gegenrede ab, und aus dem Monolog erwuchs der Dialog. Dialog aber bedeutet: gesprochene Handlung. Da liegt der Kern des Theaters. In Biel-Solothurn kann man ihm wieder begegnen. In einem modernen Behang.

 

Inhaltlich verhandeln der Protagonist Günter Baumann und der Deuteragonist Matthias Schoch die Frage, wer der junge Mann sei, der seinen französischen Namen abgelegt und einen arabischen angenommen hat. Für den Polizisten deutet der Identitätswechsel auf islamische Radikalisierung. Im Lauf der Befragung kommt ein Detail ums andere ans Licht  - und damit erhält der "Weg ins Morgenland" eine zusätzliche Dimension.

 

Dominique Ziegler hat für sein Stück so gut recherchiert, dass am Abend der deutschsprachigen Erstaufführung in Solothurn die Nachrichtensendung "10 vor 10" des Schweizer Fernsehens alle inhaltlichen Elemente, mit denen das Stück spielt, beglaubigt: "Er soll zusammen mit einer Gruppe von Komplizen in Frankreich Anschläge geplant haben – er sprach über mögliche Attentatsziele in der Schweiz, darunter das Schienennetz und einen Nachtclub in Lausanne ... Das Profil von Daniel D. erinnert an speziell ausgewählte Personen im IS, die im Ausland Personen finden und anleiten sollen, um Anschläge selbstständig durchzuführen, ohne sich zuvor physisch beim IS aufgehalten zu haben, sogenannte Inspiratoren ... Daniel D. selber dementiert vehement, in Anschlagspläne verwickelt gewesen zu sein. Er sei nach Syrien gegangen, um nach den Gesetzen Allahs zu leben, wie er sagt. Gearbeitet habe er mitunter als Pizzaverkäufer ..."

 

Ein Theater, das solche Themen auf die Bühne bringt, darf nicht nach Theater aussehen. Dafür braucht es von den Schauspielern einen ganz zurückgenommenen, feinen, realistischen Stil. Günter Baumann und Matthias Schoch verwirklichen ihn so beiläufig, dass man ihre künstlerische Leistung übersieht und das Spiel als Begegnung erfährt. Sie erreicht den Zuschauer in der Tiefe. Regisseur Robin Telfer aber balanciert die Wirklichkeitebene durch eine explizit theatralische Einrichtung wieder aus, und mit dieser Dialektik führt er das Stück über seinen dokumentarischen Behang hinaus in die Sphäre der Kunst.

 

Es ist unabweislich: Indem sich das Theater von Biel und Solothurn so exakt, so sorgfältig und bohrend mit der Gegenwart befasst, weist es seine gesellschaftliche Berechtigung spielend nach.

 

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