Was für ein wunderbarer Traum! © Georg Soulek.

 
 

 

 

Die Stühle. Eugène Ionesco.
Tragische Farce.
Claus Peymann/Leander Haussmann. Burgtheater Wien.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 1. Oktober 2019.

 


Wenn das Burgtheater für Schauspielkunst steht, so zeigen Maria Happel und Michael Maertens in Ionescos "Stühlen", was darunter zu verstehen sei. Zunächst einmal: glauben machen. Die beiden bringen das Publikum dazu, ihnen abzunehmen, dass sie auf einer Insel leben, wo es abends um sechs Uhr schon dunkel ist. Ringsum sei nur Wasser. Es soll einmal eine Stadt namens Paris gegeben haben, doch sei sie vor 400'000 Jahren untergegangen. Man vernimmt's – und glaubt's.

Schauspielkunst bedeutet mithin: Heraufbeschwören. Wenn Michael Maertens eine Tür öffnet und eine Person herein­komplimentiert, so sieht man die Dame, der er einen Stuhl anbietet, auch wenn sie in Wirklichkeit gar nicht existiert. Und Maria Happel, die gleich zu schwatzen anfängt und vor Höflichkeit gurrt, sieht man an, dass sie die unsichtbare Dame auch sieht. So erscheinen vor unseren Augen – wie vor denen des Paars – ein Fotograf, ein Oberst, eine Mutter mit Zwillingen, ja sogar die allerhöchste kaiserliche Majestät.

Damit diese Suggestion eintritt, braucht es Modulation. Das Spiel muss so abgestuft sein, dass es von einem Klima ins nächste gleitet. Die Modulation von Körper, Stimme und Tonus ruft die neuen Personen hervor, und der Zuschauer denkt sich, angeleitet von den Schauspielern, in die neuen Gegebenheiten hinein.


Damit ist gesagt, dass gutes Spiel Geschmeidigkeit verlangt: je differenzierter die Handlung, desto lebendiger die Vorstellung. Das Zuschauen und Zuhören lässt unter solchen Bedingungen das blosse Entziffern hinter sich und wird zur Lust. 

 

Damit das eintreten kann, müssen Störungen ferngehalten werden: "Bitte schalten Sie Ihr Handy aus und lassen Sie es ausgeschaltet!", sagt eine Lautsprecherstimme. "Das Leuchten Ihres Displays ist ziemlich irritierend für Ihre Mitmenschen, im Publikum ebenso wie auf der Bühne."


Zu den Ablenkungen, die sich irritierend auswirken, gehört auch die Unverständlichkeit. Häufig geht sie zurück auf mangelhaftes Artikulationsvermögen. Darum verlangt Schauspielkunst die einwandfreie Beherrschung der Sprache. Maria Happel und Michael Maertens zeigen vor, wie Figuren durch Vernehmlichkeit und Vielfalt der Töne Lebendigkeit annehmen. 

 

Nun fährt Maria Happel (die Alte) mit abwesendem Blick dem schluchzenden Michael Maertens (der Alte) übers Haar: "Ja, Schätzchen!" Er erliegt einem momentanen Impuls, und sie denkt: "Schon wieder! Naja. Geht vorbei." - Solche Dissonanzen machen das Spiel reich.

 

Damit das gelingt, müssen die beiden zusammenstimmen. Die Regie (ein französisches Wort für "Regelung") koordiniert die Handlungen und steigert sie zur Aussage empor. Am Burgtheater war für "Die Stühle" der 81jährige Claus Peymann vorgesehen; sein Konzept hat Leander Haussmann (59) ausgeführt.

 

Es kommt einem der eindringlichsten Theatertexte des 20. Jahrhunderts zugute. Ionescos "Stühle" sind deutbar als Darstellung dessen, was Poesie vermag. Die Dichtung beschwört Orte und Zeiten herauf, die es nie gab. Sie hat, wie der Alte im Stück, "eine Botschaft". Sie richtet sich "an die ganze Menschheit". 

 

Um sich vernehmbar zu machen, ist die Poesie auf ein Medium angewiesen: die Sprache. (Im Stück: der Redner.) Doch die Rede ist der Botschaft nicht gewachsen. Sie versagt.

 

Dieses Problem hat schon Franz Kafka beschäftigt: "Unsere Sängerin heisst Josefine. Wer sie nicht gehört hat, kennt nicht die Macht des Gesanges. Es gibt niemanden, den ihr Gesang nicht fortreisst, was umso höher zu bewerten ist, als unser Geschlecht im ganzen Musik nicht liebt. ... Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es sich mit dieser Musik eigentlich verhält. ... Ist es denn überhaupt Gesang? Ist es nicht vielleicht doch nur ein Pfeifen?"

 

Die Antwort hat Paul Valéry gegeben. Sie steht in Paris über dem Eingang zum Völkerkundemuseum: Es hängt von dem ab, der vorbeigeht / Ob ich Grab bin oder Schatzkammer / Ob ich rede oder schweige / Das hängt nur von dir ab / Freund, tritt nicht ohne Verlangen ein. – "Il dépend de celui qui passe / Que je sois tombe ou trésor / Que je parle ou me taise / Ceci ne tient qu'à toi / Ami, n'entre pas sans désir."

 

Der Vierzeiler, nach dem der Betrachter das Kunstwerk macht, gilt auch für Ionescos "Stühle". Das Burgtheater aber macht durch die Darstellung von Maria Happel und Michael Maertens (ergänzt durch Mavie Hörbiger als Redner) darüber hinaus Novalis' alte Wahrheit erfahrbar, dass "man in Märchen und Gedichten / Erkennt die wahren Weltgeschichten". Was für ein wunderbarer Traum! (Ionesco)

Die wahren Weltgeschichten ... 

... erkennt man in Gedichten.