Das Dreieck Faust-Mephisto-Gretchen. © Matthias Horn.

 
 

 

 

Faust. Johann Wolfgang Goethe. 

Tragödie.
Martin Kušej, Aleksandar Denić, Tobias Löffler. Burgtheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 1. Oktober 2019.

 

 

Die Art, in der Martin Kušej den "Faust" inszeniert, kam vor zweihundert Jahren auf. Sie blieb in Mode bis zum Absterben des Virtuosentums, das mit dem Tod Pablo de Sarasates 1908 zusammenfällt. Die Hervorbringungen hiessen – sie gingen in die Tausende – "Phantasien zu ..." Der Virtuose übernahm Themen und Motive aus populären Werken und komponierte sie um. Zweck war, die stupende Beherrschung des Klaviers oder der Geige unter Beweis zu stellen und das Publikum zu verblüffen.

 

Bei "Faust" nun ist es die stupende Beherrschung des Theaterhandwerks, mit der Martin Kušej das Publikum verblüfft. Das Licht von Tobias Löffler ist wahrscheinlich das beste Licht, das im Burgtheater je zu sehen war. Allerdings hatten die früheren Generationen solch potente Projektionskanonen auch noch nicht zur Verfügung. Aber das ändert nicht, dass sich der Besuch der Aufführung allein das Lichtes wegen lohnt.

Die Licht-Choreografie begleitet die Drehungen von Aleksandar Denićs monumentalem Bühnenbild. Es übersetzt die herkömmlichen Aufzüge "Kammer" oder "öffentlicher Platz" effektstark in die Trash-Architektur heutiger Unorte und drückt damit die Tatsache aus, dass "Faust" eine Nachtstück ist "in diesem Tale, das von Jammer schallt" (Brecht).


Martin Kušejs "Phantasien zu Faust" stellen, wie üblich bei diesem Genre, weit Auseinanderliegendes zusammen und kombinieren es neu. So tritt in der Aufführung des Burg­theaters neuerdings die Mutter auf und spricht zu Gretchen die Verdammungssätze von Lieschen und dem bösen Geist. Barbara Petritsch verkörpert dieses strenge Über-Ich (Gretchen: "... meine Mutter ist in allen Stücken / So akkurat!")


Der Anfang des Stücks behält zwar die Form einer monologischen Situation, zitiert aber als erstes ein Fazit aus dem fünften Akt des zweiten Teils: "Ich bin nur durch die Welt gerannt ...", verwendet dann ein paar Zeilen aus Goethes Gedicht "Zueignung" ("Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?"), kombiniert die Sätze des Erdgeists mit denen des Schülers und antizipiert den Schluss des Dramas mit dem Auftritt von Philemon und Baucis und dem Brand ihrer Hütte.

 

Wie bei den Virtuosen des 19. Jahrhunderts dient das assoziative Spiel zur Darstellung des nachschöpferischen Künstlertums. Dabei sind auch neue Motivelemente erlaubt, zum Beispiel das Wort "vegan" oder der Vers: "Die Hand, die am Samstag den Besen führt, / Am Sonntag besser masturbiert." Wer sich als Künstler versteht, sagt eben: "Ich will", und fragt nicht danach, was "es" will. Aber aufgepasst: Kritik, Distanz und Besserwissen sind bei einem Werk, vor dem Philo­logen, Bildungsbürger und Anthroposophen in die Knie gehen, keine a priori verwerfliche Haltung. Kušejs Auffassung bedeutet immerhin "Aufbruch, Weitergehen, Leben" (Brecht).

 

So ist es nichts als folgerecht, dass er die Gewichte und Sätze umverteilt. Die Szene von Auerbachs Keller zeigt nicht mehr eine Sauferei, sondern eine Rauferei. Und sie spielt nicht mehr unter dem Boden, sondern auf einem Flachdach. Beim Osterspaziergang wirft sich das Volk nicht mehr in die Natur, sondern übereinander, und die beeindruckendsten Schwarzenegger-Bodys treiben's zu dritt. "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / Durch des Frühlings holden, belebenden Blick ..."


Die Inszenierung nimmt Faust "das Faustische". Stattdessen zeigt sie in Werner Wölbern "die Banalität des Bösen" (Hannah Arendt). Bei Menschen wie unsereins, die sich im Stück wiederfinden, ist es die Gier, "die alles wirkt und schafft". Sie soll jene Leere zudecken, die das 21. Jahrhundert nur allzu gut kennt. Das Kokain hält Faust zwar aufrecht und treibt ihn an, führt ihn aber am Ende ins Nichts. Darum hat in Kušejs Fassung nicht Gott das letzte Wort. (Er ist gestrichen.) Der Teufel ist's, der nach vollzogener Entro­pie von der Rampe aus in den Zuschauerraum blickt.

 

Bibiana Beglau verkörpert Mephistos Riesenpart. An der Deuxieme mit rot entzündeter Kehle. Ihre Sprache ist nur noch ein heiseres Bellen. Als Sängerin hätte sie den Auftritt absagen müssen. Ein Fall für den Laryngologen. Wenn sie nämlich so weitermacht, ist die Stimme vor Ende der Spielzeit weg.

 

Unverständlich sind auch Gretchen und die Hexe (Andrea Wenzl und Marie-Luise Stockinger), und zwar immer dann, wenn ihre Rolle einem Höhepunkt zustrebt. Nun könnte man sagen: "Das Publikum kennt ja den Text", oder: "Spielt keine Rolle, es geht nur um den Ausdruck der Verzweiflung!" Man könnte aber auch abschauen, wie's die alten Komponisten machten: Bei den Wahnsinnsarien verlangsamten sie das Tempo und nahmen die Orchesterbegleitung zurück. - Merke: Virtuosen dürfen die Werke verheizen. Aber ihre Instrumente nicht.

Zuerst der Brand der Hütte.

Dann der Brand der Herzen.