Bei diesem Spiel gibt es nur Ansichten. © Annette Boutellier.

 

 

 

Frau verschwindet (Versionen). Julia Haenni.

Schauspiel.          

Marie Bues. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 8. September 2019.

 

 

Wer erklären will, wovon die Uraufführung von "Frau verschwindet (Versionen)" handelt, greift am besten auf Schillers Brief vom 25. Mai 1792 an Christian Gottfried Körner zurück. Da beschreibt der Dramatiker, wie es bei der Entstehung seiner Werke zugeht: "Man sagt gewöhnlich, dass der Dichter seines Gegenstandes voll sein müsse, wenn er schreibe. Mich kann oft eine einzige und nicht immer eine wichtige Seite des Gegenstandes einladen, ihn zu bearbeiten, und erst unter der Arbeit selbst entwickelt sich Idee aus Idee."

 

Bei der "Arbeit" im Berner Schauspiel wachsen nun Text und Aufführung aus den Worten: "Frau verschwindet". Der Nukleus ist gleich unscheinbar wie der Selbstmord der Delphine Delamare, die im normannischen Dorf Ry mit einem unbedeutenden Landarzt verheiratet war, aus Langeweile die Ehe brach, Schulden machte und sich 1848 vergiftete: Frau verschwindet.

 

Aus dieser Zeitungsmeldung entwickelte Gustave Flaubert in fünfjähriger, geduldiger Arbeit seine epochale "Madame Bovary". Um die Wirkung von Gedanken und Sätzen zu prüfen, schritt er auf und ab und sprach – wie Schiller – laut vor sich hin. Er nannte das Zimmer, in dem er schrieb, den Schreiraum (le gueuloir).

 

Solch einen Schreiraum bildet jetzt die kleine Halle von Vidmar 2. Da ringt aber nicht ein schwerer, grauhaariger Dichter mit dem Stoff, sondern drei alerte Schauspielerinnen erkunden leicht, spielerisch und improvisatorisch die Möglichkeiten, die das Faktum "Frau verschwindet" erklären könnten. Auf diese Weise wird die Vorlage der Hausautorin Julia Haenni am Berner Schauspiel zur dreistimmigen Fuge. Wirklichkeit, Möglichkeit, Phantasie, Kritik und Kommentar durchdringen sich gegenseitig.

 

Das Theater führt mithin ein Rätsel vor, das sich noch nicht zur fertigen Geschichte verfestigt hat. Im Suchen, Erkunden, Entwerfen und Verwerfen bilden die "Versionen" vielmehr den flüssigen Zustand des Schöpferischen ab. Mit ihm hat auch bei Schiller das Schreiben begonnen: "Das Musikalische eines Gedichtes schwebt mir weit öfter vor der Seele, wenn ich mich hinsetze, es zu machen, als der klare Begriff von Inhalt, über den ich oft kaum mit mir einig bin." - Im Unterschied zur Klassik, wo Geschlossenheit und Vollendung angestrebt wurden, bemüht sich nun aber das Theater des 21. Jahrhunderts um Offenheit und Partizipation. So greifen die Menschen im Zuschauerraum das eine oder andere heraus und bilden aus den "Versionen" ihre eigene Geschichte.

 

Marie Bues' Fassung und Inszenierung des Texts ist geprägt von Mehrbödigkeit, Humor und Hintersinn. Das macht die Sache stark. Dazu werfen die Schauspielerinnen Florentine Krafft, Grazia Pergoletti und Irina Wrona die Wirklichkeits­partikel so artistisch in die Luft, als wären sie schwerelos. Doch beim Aufblitzen streift ein scharfes Licht die Verhältnisse unserer Zeit. Damit gelingt, was sich manch einer wünschte: "Die Schlechten fürchten deine Klaue. / Die Guten freuen sich deiner Grazie. / Derlei / Hörte ich gern / Von meinem Vers." (Bertolt Brecht)

 

Die Stimme der andern

> Der Bund

Wirklichkeitspartikel ... 

... kommen schwerelos ...

... in die Luft.