In die Ecke gestellt. © Annette Boutellier.

 

 

 

Kraft. Jonas Lüscher.

Schauspiel.          

Zino Wey, Davy van Gerven, Veronika Schneider. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 24. Mai 2019.

 

 

Heute ist der Nachlass im schweizerischen Literaturarchiv abgelegt: Fonds Roland Donzé. Bevor aber seine fünf Romane einen Verleger fanden (L'Âge d'Homme), kam Absage auf Absage. Rückblickend stellte Roland Donzé fest: "Die Handlung hätte in Paris spielen müssen, oder in Venedig oder New York - aber nicht in Biel. Geschadet hat mir auch, dass jeglicher Sex fehlt. Ich hätte zumindest einen Enkel einbauen müssen, der die Grossmutter fickt."

 

Diesen Fehler hat Jonas Lüscher nicht begangen. Es kommt bei ihm zu Sex (drei Kinder verdanken ihm das Leben), und ein lesbischen Paar geniesst in Kalifornien die Wonnen der Zweisamkeit. Mit diesen Elementen versehen wurde Lüschers Romanerstling "Kraft" 2017 vom renommierten Münchner Verlag C. H. Beck herausgebracht. 

 

Die Handlung hat nichts mit Bern zu tun, wo der heute 42jährige Autor aufgewachsen ist. Sondern sie führt an die ehrfurchtgebietenden Schauplätze Basel (Campus der pharmazeutischen Industrie, Universität), Berlin (Mauerfall, Freie Universität), Tübingen ("Im Juni 2012 erhielt die Universität im Rahmen der dritten deutschen Hochschul-Exzellenzinitiative den Exzellenzstatus." Wikipedia). Dann geht der Roman hinüber nach San Francisco und weiter an die Stanford University ("eine der forschungsstärksten und renommiertesten Universitäten der Welt", Wikipedia).

 

Daneben bringt "Kraft" ein beeindruckendes philosophie­geschichtliches Namen- und Themendropping von Leibniz und Pope bis zu Isaiah Berlin. Den reichbestückten bibliografischen Apparat ergänzt die Inszenierung durch Videozitate: das Testbild des deutschen Fernsehens und die bewegten Bilder von Margaret Thatcher, Ronald Reagan, Helmut Schmidt, Willy Brand, Erich Honecker und, und, und.

 

Sprachlich bewegt sich das Ganze auf der Ebene von Lüschers Dissertationsprojekt "über die Bedeutung von Narrationen für die Beschreibung sozialer Komplexität vor dem Hintergrund von Richard Rortys Neo-Pragmatismus" (Wikipedia). Damit haben wir den Stil des Romans auch schon erfasst: Ungelenk, wichtig­tuerisch, humorfrei.

 

Unter seinem Titel "Kraft" kommt nun der Roman auch zwischen den Bushaltestellen Hessstrasse und Hardegg Vidmar in Köniz auf die Bühne. Ei potz! Wenn das die Lokal­schriftsteller Jeremias Gotthelf (der seine "Schwarze Spinne" in Sumiswald ansiedelte) und Gottfried Keller (mit seinen Seldwyler Geschichten und Zürcher Novellen) noch erlebt hätten!

 

Für die Bühnenfassung hat Regisseur Zino Wey den distanzierenden Er-Erzählungsstil beibehalten. Drei Männer und drei Frauen sprechen den Text; die Männer (Alexander Maria Schmidt, Nico Delpy und Julian Lehr) perfekt, die Frauen nur mit Einschränkungen (Grazia Pergoletti, Marie Popall). Am schlimmsten ist die S-Schwäche bei Florentine Krafft. Da kann auch das Mikrofon nichts mehr helfen.

 

Den sechs Schauspielern ist das Darstellen verwehrt. Die Regie bewegt sie lediglich in verschiedene Ecken der breiten Bühne von Davy van Gerven und stellt sie da zu neuen Gruppen auf. Die Behandlung der Requisiten (Milchflaschen [?], Pflanzentöpfe, Rolltische, Sessel, Schnurmikrofone) und der Wechsel der Kostüme (Veronika Schneider) ist für die Aussenstehenden noch nicht lesbar.

 

Schauspieldirektor Cihan Inan wird gut daran tun, das Publikum und "Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt", wie angekündigt, in der nächsten Spielzeit weiter zu erziehen. Dann wird ihnen aufgehen, was ihnen geboten wurde. Die Jury, die den Schweizer Buchpreis vergibt, hat's schon gemerkt. 2017 verlieh sie ihre Auszeichnung für Jonas Lüschers "Kraft". 

 

Nichts Neues unter der Sonne. 1776 hielt der Göttinger Physikprofessor Georg Christoph Lichtenberg, eine Weltberühmtheit, in seinen Sudelbüchern fest: "Es glückt hier zuweilen auch einem jungen Menschen, von einem Rezensenten-Club den Namen eines Genies zu erhalten, wenn er ein paar Empfindungen besser zu Buch zu bringen weiss, als seine Kameraden, darum bekümmert sich aber das eigentliche Publikum so wenig, als sich die Obrigkeit um einen jungen König bekümmert, den die Schulkinder an einem Spieltage krönen und ausraufen."

 

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