Gemeinschaft ergab sich nicht. © Fiona Defolny.

 
 

 

 

Veillée de Famille. Gilles Gaston-Dreyfus.

Schauspiel.                  

Gilles Gaston-Dreyfus. Théâtre du Rond-Point, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 25. März 2019.

 

 

Das Stück ist ein Spiegel. In ihm erkennen sich die Franzosen wieder. Darum kommt im Publikum laufend Gelächter auf: Ja, so sind wir. Ja, so sprechen wir. Ja, so denken wir. - Der Spiegel wirft das Bild sehr getreu zurück, das sein Rahmen umfasst. Eine hochbetagte Mutter liegt am Sterben, drüben, in ihrem Zimmer. Die drei Kinder, zwischen fünfzig und sechzig, warten in der Küche auf den Exitus. Darum der Titel: Nachtwache in der Familie (Veillée de Famille). 

 

Es kann nicht mehr lange dauern. Der Kühlschrank ist leer. Auf dem Tisch hat es ein paar Gläser und eine angefangene Rotweinflasche. "Was passiert mit dem Haus?" "Es ist noch zu früh, davon zu reden." "Sei nicht so nervös!" "Es ist kein Geld mehr da, für die Pflege, für das Essen undsoweiter." "Was heisst undsoweiter? Wozu braucht es sonst noch Geld?" "Nichts."


Mit der Zeit zeigt sich, dass die Kinder den Kontakt zueinander seit langem verloren haben. Verloren haben sie auch den Kontakt zu ihren Ehepartnern und den mittlerweile erwachsenen Kindern. Alles ist so herausgekommen, wie sie es sich nie gewünscht haben. Das gilt auch für die Mutter, bewusstlos, stinkend, röchelnd: "Sie hätte nie so sterben wollen!"

Das Babyphon auf dem Küchentisch ist sprechendes Symbol für die abgerissene Verbindung. Die Sterbende kann nicht hören, was in der Küche gesprochen wird. Und in der Küche vernimmt man, wenn sich der sterbende Körper bewegt, nur unbestimmtes Rauschen aus dem kleinen Lautsprecher. "Ich möchte, dass sie geht!" "Sie ist noch nicht bereit loszulassen." "Wie lange soll das noch dauern?" 


Am Ende des Stücks ist der Tod immer noch nicht eingetreten. "Herr Godot kommt heute nicht, aber morgen." Die Wartenden gehen auseinander. Gemeinschaft ergab sich nicht. Wahr­scheinlich hat es sie nie gegeben. So ist das Stück ein Spiegel für die elende Alltäglichkeit des Durchschnitts­menschen. Er wurstelt sich durch. "Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab, - wir sind sehr einsam." (Georg Büchner: Dantons Tod)


Der Autor, Gilles Gaston-Dreyfus, der selbst auf der Bühne steht, inszeniert das Dreipersonenstück als "tranche de vie". Es handle sich, sagt er, um eine wahre Geschichte. "Ich kann nur wahre Geschichte schreiben." Das macht den Reiz, aber auch die Beschränktheit des Abends aus: Realistisches Spiel, realistische Dialoge, realistische Situation. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Der circulus vitiosus des Konkreten kennt keinen Ausweg. Da liegt das Verhängnis - auch für das Stück. Es hat keine Weite. Es hebt nie ab. Doch was wollt ihr? "Die Handlungen eines Menschen, die Beschaffenheit seines Hauswesens sind gemeiniglich Fortsätze seiner inneren Beschaffenheit, seines Gehirns usw." (Georg Christoph Lichtenberg)

Die drei erwachsenen Kinder um die fünfzig ... 

... warten auf den Tod der hochbetagten Mutter.