Wir kennen unsern Nächsten nicht. © Gwendal-Le-Flem.

 
 

 

 

The Collection. (La Collection.) Harold Pinter.

Schauspiel.                  

Ludovic Lagarde, Antoine Vasseur. Théâtre National de Bretagne im Théâtre des Bouffes du Nord, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 25. März 2019.

 

 

Eine Seuche geht um in Frankreich. Sie heisst "sonorisation". Jahrzehntelang war ihr Herd eng umschrieben. Die "sonori­sation" beschränkte sich auf den Papstpalast von Avignon, weil man dort ohne Verstärkung fast nicht spielen kann; jedenfalls nicht realistisch. Seit diesem Herbst jedoch hat die "sonorisation" gute drei Viertel des Pariser Schauspiels erfasst. Man hört also, selbst in verhältnismässig kleinen, intimen Theatern, nur noch Lautsprecherstimmen - je nach Qualität der Soundanlage stärker oder weniger stark deformiert. Der natürliche Klang aber ist verschwunden.

 

"Muss das sein?", fragt jetzt eine dreissigjährige Kritikerin auf Radio France Culture. "Theater, das ist doch Unmittelbarkeit! Das sind doch Körper und Stimmen, konkret und sinnlich im Raum, und nicht Klänge aus dem Lautsprecher, Gesichter auf der Leinwand! Wenn ich die haben will, gehe ich ins Kino." "Was wollen Sie?", entgegnet der Techniker, "manche Schauspieler verlangen's. Ihre Stimmen sind sonst zu schwach. Auch können sie beiläufiger sprechen, und man hört sie immer noch." Die Verbreitung der Seuche wird befeuert durch die Miniaturisierung. Man kann seit kurzem die Mikrofone im Haar oder in der Brille oder am Ohr so verstecken, dass sie von den Zuschauersitzen aus nicht mehr wahrnehmbar sind.

 

Wahrnehmbar ist nur der Effekt: Das Frequenzband der Stimme ist eingeschränkt. Der Ton kommt irgendwo aus den Bühnenraum her und nicht exakt von der Stelle, wo der Schauspieler steht. Wenn er nach hinten geht oder spricht, wird die Stimme häufig lauter, als wenn er den Kopf zum Publikum dreht. Auf diese Weise reisst das unnatürliche Phänomen die Zuschauer immer wieder aus dem Schauen und Denken. Selbst die Indolenten, die alles Gegebene hinnehmen, blicken auf, wenn ein Zeitungsblatt umgeschlagen wird und das Rascheln als Knattern daherkommt. So produziert die "sonorisation" ungewollt einen V-Effekt nach dem andern.

 

Positiv entgegengenommen wird der Systemwechsel jedoch von den immer zahlreicheren Hörgeräteträgern. Sie bekommen jetzt den Sound präsent und ohne Hall ins Ohr geliefert. Angesichts der zunehmenden Überalterung der europäischen Gesellschaft im allgemeinen und des Theaterpublikums im speziellen lässt sich demnach die "sonorisation" als Zukunftsinvestition auffassen und das französische Schauspiel als Avantgarde für das, was der deutschen Sprechbühne noch bevorsteht.

 

Im Théâtre des Bouffes du Nord nun können die vier Schauspieler, die Harold Pinters Einakter "La Collection" aufführen, dank der "sonorisation" so beiläufig sprechen, als machten sie Film oder Fernsehen. (Ich wette aber, sie wären dazu auch ohne Technik imstande, so gut sind sie, angeleitet von ihrem Regisseur Ludovic Lagarde.) Die exzellente Übersetzung von Olivier Cadiot (die von Eric Cahane gilt, wohl zu recht, als veraltet) siedelt die Handlung in der Alltagsrealität zweier Paare an, und in diese Realität schleicht sich der Zweifel von der ersten Spielminute an. Ein nächtlicher Anrufer, der Bill verlangt und dann wieder auflegt, setzt Fragen in Gang. Vielleicht ist etwas vorgefallen, vielleicht nicht. Das Stück zeigt, dass es genügt, einem Verdacht nachzugehen, damit sich die Gewissheit verflüchtigt und das Rätsel, wer der andere Mensch ist und was er will, immer unbegreiflicher wird, bis jedes Vertrauen im bodenlosen Morast des Misstrauens versunken ist.

 

"Wer mit Menschen umgeht, in Gesellschaft oder bei der Arbeit, 'nimmt' die Menschen 'bei etwas'. Wir kennen unsern Nächsten nicht. Selten nur ist uns ein Blick in seiner Seele Grund vergönnt. So sind wir darauf angewiesen, uns ein Bild von ihm zu machen und ihn danach zu behandeln. Wir bilden aber dieses Bild nach dem, was uns von ihm erscheint. Bei seinen Mienen, seiner Haltung, seinen Worten, Taten und Gebärden müssen wir ihn nehmen, wenn ein Umgang möglich sein soll. Insofern ist dies Verfahren ähnlich dem, was die prosaische Sprache mit ihren Begriffen übt. Auch die Begriffe schöpfen das Wesen des begriffenen Dings nicht aus. Sie halten sich gleichfalls an ein Merkmal, das zur Unterscheidung dient, und genügen damit völlig dem alltäglichen Bedarf. Praktisch ist das also wohl. Doch ebenso erweist es sich als Quelle aller Missver­ständnisse, allen Irrtums und Betrugs." (Emil Staiger)

 

Vor einem Jahr schrieb "Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt" aus Anlass einer Pinter-Aufführung im Théâtre Lucernaire, Paris: "... dieses – nennen wir's: Konzept - kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass 'The Dumb Waiter' (deutscher Titel: Der stumme Diener) nur in gut ausgestatteten Theatern funktioniert, die eine naturalistische Kulisse herzustellen vermögen. Nur, wenn die Wände fest stehen und es wirkliche Türen gibt und einen echten Speiseaufzug, kann die unbestimmt wankende Situation ihr Potential entfalten. Flackerlicht und ein paar Lautsprechertöne sind nicht in der Lage, die Wirkung einer gebauten Dekoration zu ersetzen." Antoine Vasseur nun stellt solch eine gebaute Dekoration auf die Bühne, und das Spiel geht auf: gerade, weil es nicht als Spiel erscheint, sondern als Wirklichkeit. Die Glaubwürdigkeit der Personen und Situationen wird durch die "sonorisation" zwar gestört, aber nicht zerstört. So triumphiert am Ende die Sensibilität der Künstler über die Stupidität der Technik.

Zweifel von der ersten Spielminute an. 

Die Glaubwürdigkeit wird zerstört.