Es zieht durch die Ritzen. © Georg Soulek.

 
 

 

 

Liebesgeschichten und Heiratssachen. Johann Nepomuk Nestroy.

Posse.                  

Georg Schmiedleitner, Volker Hintermeier. Burgtheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 8. März 2019.

 

 

Von den achtzig Stücken, die Nestroy geschrieben hat, sind ein paar zu Klassikern des Repertoires geworden. "Liebes­geschichten und Heiratssachen" gehört nicht dazu. Wenn man fragt, wodurch sich die Posse vom "Talisman", vom "Jux", vom "Färber", von "Kampl", von "Zu ebener Erde und erster Stock" und "Lumpazivagabundus" unterscheidet, so zeigt sich, dass hier – im Unterschied zu den "Klassikern" – jeder Herzenston fehlt. Das Stück enthält keine Verstossenen, keine Armen, keine Benachteiligten, die unser Mitleid wecken. Wir verfolgen mit kaltem Blick, wie Aventüriers zu Geld, schmachtende Frauen zu einem Mann und liebestrunkene Jünglinge zur Vermählung streben. Im Kabinett der bürgerlichen Lebensziele fehlt die Wärme.

 

Die kalte Mechanik der "Geschichten" und "Sachen" nimmt die Drehbühne von Volker Hintermeier mit metallischer Architektur auf. Es zieht durch die Stäbe. Die Menschen sind unbehaust. Nestroy benützt die Figuren zu einer Gleichung mit mehreren Unbekannten. Zur Täuschung der Väter (und Geldgeber) nehmen die jugendlichen Personen verschiedene Identitäten an. Der Zuschauer muss höllisch aufpassen, um im doppel-, ja mehr­bödigen Spiel nicht den Überblick zu verlieren. So wird die Komödie zur Prüfung für den Intellekt. Aber das Herz geht leer aus.

 

Fast drei Stunden braucht die Aufführung am Burgtheater, um das Exempel mit fünf erotischen Verstrickungen zu konstruieren und wieder aufzulösen. Die Ziele der Männer sind eine reiche Fleischerstochter, eine reiche Erbin, eine reiche Verwandte, ein Stubenmädchen und eine Wirtin. Georg Schmiedleitner, der Regisseur, führt sie an die Rampe und wieder weg. Daneben versucht er, mit allerhand Mätzchen über die Trockenheit des dramaturgischen Gerippes hinwegzutäuschen. Plötzlich sprudelt ein Wasserstrahl aus dem Schnabel des Zierflamigos; ein unglücklicher Liebhaber setzt sich in seiner Verzweiflung ins Planschbecken und kommt mit nassen Kleidern wieder heraus; und zwischendurch erscheint zur Abwechslung vom Schnürboden ein Kammerl. So zerfasert die Aufführung in verschiedene Richtungen. Zusammengenommen aber fehlt es ihr an Kraft, Biss und Schärfe.

 

Einen Moment gibt es, der herausragt: Es ist die Begegnung der beiden Väter, verkörpert durch Gregor Bloéb und Dietmar König. Da kommt die Inszenierung vom Hingetupften weg zu einer durchkomponierten körpersprachlichen Sequenz. Doch ein einzelnes Glanzlicht genügt nicht, um das graue Einerlei des Lustspiel-Handwerks aufzuhellen, dem Schmiedleitner und Nestroy bei "Liebesgeschichten und Heiratssachen" erlegen sind.

 

 

 

Post Skriptum.

 

Sehr geehrter Herr Kušej,

 

ab nächster Spielzeit leiten Sie das Burgtheater. Sie treten damit in eine grosse Tradition ein. Jakob Minor, der Kritiker und Begründer der Wiener Germanistik, stellte bei Adolf Sonnenthal fest (sein Porträt hängt im Umgang des ersten Rangs, wie auch das Bild "Lewinsky als Hamlet"): "Selbst die treuen Wiener sagten: 'Er redet wie verschnupft'. Zum Teil hing das ja mit dem Ansatz der Stimme tief hinten am Gaumen zusammen; zum grössten Teil aber war es die Schuld mangelhafter Artikulation. Hier merkte man, dass es im Burgtheater lange Jahre an einem treuen Spiegel gefehlt hat; dieser Spiegel, den auch der grösste Schauspieler nicht entbehren kann, ist der Direktor. Lewinsky und Robert haben bei Laube sehr scharf artikulieren gelernt." Ihr Lewinsky, sehr geehrter Herr Kušej, heisst Markus Meyer. In den "Liebesgeschichten" spielt er die Rolle des Nebel. Achten Sie bitte auf seine Diktion! Damit helfen Sie ihm, ab nächster Spielzeit den Rang der Unübertrefflichkeit zu gewinnen, den er schon längst verdient.

 

Mit freundlichen Grüssen,

 

Michel Schaer

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt

Aussen fix. 

Innen nix. 

Was soll man tun?