Eine Geschichte von Verhängnis, Unschuld, Mord und Tod. © www.lupisuma.com

 
 

 

 

Rojava. Ibrahim Amir.

Schauspiel.                  

Volkstheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 8. März 2019.

 

 

Ein Stück zur Aktualität. Also sollen sich die Beteiligten wiedererkennen: Einerseits die Wiener, anderseits die nach Wien geflüchteten Kurden. Für sie wirft das Volkstheater den Text in kurdischer Sprache aufs Bühnenportal. Weitere Ausländer finden daneben den englischen Text. Diese Übersetzung ist auch hilfreich für die deutschsprachigen Zuschauer. Denn Isabella Knöll hat keine Zischlaute und keine Frikativen. Wo aber nichts ist, kann auch das Headset, das alle Schauspieler tragen, nichts verstärken. Bei Claudia Stabitzer muss man, wie üblich, ebenfalls arg die Ohren spitzen, um hinter ihrer fragmentarischen Artikulation den Sinn des Gesagten zu verstehen.

 

Da ist also Uraufführung, und zwei Drittel der weiblichen Mitspieler genügen den elementaren Anforderungen nicht. Kein Ruhmesblatt für die glücklose Intendantin Anna Badora. Unter ihr gingen innert drei Jahren fünfzig Prozent der Zuschauer am Volkstheater verloren. Am Ende der nächsten Spielzeit geht nun, nicht ganz freiwillig, auch sie. So hat das Stück zur Aktualität eine Uphill-Battle zu kämpfen. Ein Sieg wird es nicht. Dafür fehlt ihm die Kraft. Aber es schlägt sich wacker. Also auch keine Niederlage. Sagen wir: Remis.

 

"Rojava" bringt die verworrene Lage im Norden Syriens zur Sprache. IS, Amis, Syrer, Kurden, Türken schlagen dort für bessere und weniger gute Sachen täglich aufeinander ein. Die Kurden, die es bis zur Uraufführung ins Volkstheater Wien geschafft haben, können bestätigen: "Ja, so geht es zu!" Täglich gibt es neue Tote, Familien werden ausgelöscht oder dezimiert, Verzweifelte suchen zu flüchten, andere Verzweifelte suchen, die Lage zu wenden oder wenigstens zu halten, und was herauskommt, ist zur Stunde unabsehbar. Schwierige Sachen sind schwierig.

 

Ibrahim Amir exemplifiziert am Geschick von sieben Figuren das Einerseits-Anderseits der Situation. Da ist  einerseits der Wiener Idealist aus der Josefstadt, Studienabbrecher und Sohn einer alleinerziehenden Mutter, der an die Utopie glaubt. "Rojava", sagt er im Stück, könne man googeln - und in der Tat, wer den Computer anwirft, wird fündig: Ökologie, Demokratie, Gerechtigkeit, Freiheit, gleiche Rechte für Männer und Frauen, das hat das Netz unter diesem Namen zu bieten. Andererseits führt das Stück einen dreissigjährigen Mathematiklehrer von der Kriegsgegend an die Donau, und zur Begründung für die Reise ruft er: "Ich habe das Recht zu leben!" Weil das in Syrien den Friedfertigen  nicht mehr möglich ist, dann halt anderswo. Doch in Wien sind die jungen Männer nicht willkommen, und sie erfahren hier, dass "Flüchtlinge Menschen dritter Klasse" sind.

 

Um die Darstellung von Aspekten, in denen sich Kurden und Wiener wiedererkennen, bühnentauglich zu machen, arbeitet Ibrahim Amir mit Beziehungen: Mutter-Sohn-Beziehung, Beziehung älterer Bruder - jüngerer Bruder. Daneben gibt es, im kurdischen Frauenbataillon, auch die militärisch definierte Beziehung der oberkommandierenden Tante zu ihrer Nichte und die Liebesbeziehung des ungelenken Österreichers mit der kampferprobten Nichte. Das Muster des Stücks liegt also darin, die politische Aktualität durch dramaturgisch motivierte Beziehungen nachvollziehbar zu machen. Der Sohn übermittelt der Mutter dank Skype Bilder und Nachrichten aus dem Lager der Kämpfer und gesteht die Sehnsucht nach ihren Eiernockerln. Anderseits nimmt die Mutter in der Josefstadt den geflüchteten Mittelschullehrer ins Zimmer des Sohnes auf.

 

Durch die Darstellung von Beziehungen macht uns der Autor die Figuren sympathisch. Denn hinter allen liegt eine Geschichte von Verhängnis, Unschuld, Mord und Tod. Das erweckt unser Mitleid. Anderseits muss das Stück für eine zweistündige Aufführungsdauer manches zurechtrücken und vereinfachen. Das Erfordernis führt Ibrahim Amir über seine Grenzen. Er verknüpft die Schauplätze Wien und Rojava chronologisch derart unelegant, dass seine Vor- und Rücksprünge nur mit Rührungsabsicht zu erklären sind. Und das ist fatal. Denn gute Absichten schaffen noch keine gute Literatur. Aus diesem Grund wird das Stück zur Aktualität seine Aktualität nicht überleben.

Sie schlagen täglich aufeinander ein ...  

... für gute und weniger gute Sachen.