Die Götterfamilie in Viscontis Filmrealismus. © Klara Beck.

 
 

 

 

La divisione del mondo. Giovanni Legrenzi.

Oper.                  

Christophe Rousset, Jetske Mijnssen. Opéra National du Rhin, Strassburg.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 11. Februar 2019.

 

 

Wer mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Der blosse Wunsch, den Zeitgenossen zu gefallen, bedeutet den künstlerischen Tod. Diese harte Wahrheit bestätigt sich am Werk des katholischen Priesters Giovanni Legrenzi. 1672 wurde er im Alter von 46 Jahren Direktor des Conservatorio dei Mendicanti in Venedig, und 1685 (mit 59) Domkapellmeister an San Marco. Er galt zu seiner Zeit als einer der geistvollsten Komponisten. Trotzdem unterdrückt Percy A. Scholes in seinem grossen Handbuch "The Oxford Companion to Music" den Namen Legrenzi, um vom Stichwort "Legno" direkt zu "Lehár" zu springen. Schiller hatte recht: "Sobald der Mensch nur Inhalt der Zeit ist, so ist er nicht, und er hat folglich auch keinen Inhalt."

 

Die Strassburger Oper, seit Amtsantritt der Intendantin Eva Kleinitz (2017) spezialisiert auf vernachlässigte und vergessene Werke, setzt nun Giovanni Legrenzis "La divisione del mondo" auf den Spielplan. Am 4. Februar 1675 kam das Werk in Venedig zur Uraufführung. Und am 8. Februar 2019 erlebte es in Frankreich seine erste Premiere. Die lange Karenz hat ihm nicht gut getan. In der dazwischen liegenden Zeit sind die Kastraten ausgestorben, und neue werden nicht mehr zugeschnitten. Die Countertenöre (egal, wie hoch ihre Diplomnote ausfiel) sind ein ungenügender Ersatz. Ersatz ist ohnehin schlimm. Das erfuhr schon die Weltkriegsgeneration, die Eichel- statt Bohnenkaffee trinken musste. Unsere Generation hat Countertenöre anstelle von Kastraten. Auch kein Genuss.

 

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben uns die Schulreformen von Legrenzis Epoche noch weiter entfernt. Mit der Abschaffung der Fächer Griechisch und Latein an den Gymnasien und dem Verzicht aufs Latinum an den Universitäten ging die Kenntnis der antiken Mythologie verloren. Wenn heute "La divisione del mondo" in drei unendlich langen Akten die Götterfamilie auf die Bühne bringt (Grossvater Saturn, Vater Jupiter, Mutter Juno, Onkel Neptun und die Kinder Pluto, Venus, Mars, Apollo nebst weiteren Wesen der antiken Religion), dann geht an der Opéra du Rhin kein Ah! und kein Raunen mehr durch den Zuschauerraum. Die Personengruppe ist uns unbekannt. Und in Legrenzis Zeit war sie fad. Es hilft – und es half – der Oper auch nicht auf die Beine, dass sie zeigt, wie es bei den Oberen zugeht und dass es auch bei ihnen menschelt. Das wussten die humanistisch Gebildeten seit Homer, und die News-Streams bestätigen es mit jedem Push. Nil sub sole novum.


Regisseurin Jetske Mijnssen versucht zwar, das antike Stück näher an unsere Zeit zu bringen, indem sie das Spiel auf der Bühne im Stil von Viscontis Filmrealismus ablaufen lässt; aber nach 20 Sekunden hat man das begriffen, und nun muss man noch 2 Stunden und 45 Minuten (allerdings inklusive Pause) die langgesponnen Dacapo-Arien absitzen, bevor einen der Gewürztraminer vom Dämmerschlaf ins Leben zurückholen kann. Es genügt eben nicht, dass ein Komponist, wie G. Schumacher schreibt, "neben der Verwendung von Soloinstrumenten in seinen Arien erstmals in grossem Masse Gebrauch von volkstümlicher Rhythmik und Melodik macht (Sarabande, Gigue, Forlane, Villotta, Nio)", um uns heute zu erreichen. Anderes ist ausschlaggebend: "Alles was uns imponieren soll, muss einen Charakter haben", sagte Goethe. Und dieser Zug geht, es hilft nichts, der "divisione" ab. Aber was wollt ihr? "Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm ..." (Goethe)

Giovanni Legrenzi orientiert sich an Monteverdi; man hört das in jedem Ton und vermisst schmerzlich die Kraft des grossen Vorbilds. Anderseits waren "einzelne seiner Arien so bekannt, dass noch Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Haendel sich darauf bezogen." (G. Bachmann) Aber der Leipziger und der Londoner Komponist waren andere Kaliber. Sie brachten Gültiges hervor. An diesem Sachverhalt kann das engagierte Spiel der "Talens Lyriques" unter der Leitung von Christophe Rousset nichts ändern. Giovanni Legrenzi lag als Komponist zwischen einem grossen Gestern und einem grossen Morgen. Seine Gegenwart aber war unbedeutend. - Irgendwie bekannt, nicht?

Venus und Mars heute. 

Körpertheater. 

Und trotzdem Leere.