Die blonde Frau wird nun das Kind mitnehmen. © Marshall Light Studio.

 

 

 

Madama Butterfly. Giacomo Puccini.

Oper.                  

Manlio Benzi, Louis Désiré, Diego Méndez-Casariego, Mario Bösemann. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 9. Februar 2019.

 

 

Das Ereignis ist die Koreanerin Hye Myung Kang. Sie steht fast ununterbrochen auf der Bühne, vom Moment an, wo sie vom Kuppler ins Haus geführt wird. Zierlich tritt sie auf, und zugleich feierlich. Hinter dem Hochzeitsschleier verbirgt sich ein klopfendes Herz, aufgefangen durch jugendlich-grazilen Ernst. Sie ist erst fünfzehn Jahre alt, hat aber schon, was man eine Vergangenheit nennt. Nun geht es ums Kennenlernen, ums Sich-Einlassen in die Welt und das Wesen des Amerikaners, der sie begehrt. Sie schält sich aus dem Brautkleid. Eine schlichte junge Frau tritt hervor, bebend vor Liebe und Andacht. Der Zuschauer jedoch weiss, dass sie schon verkauft ist. Damit bewegt sich Giacomo Puccinis grosse Oper "Madama Butterfly" von Anfang an in der Mehrdeutigkeit von Illusion, Verhängnis, Doppelbödigkeit und unausgesprochenem Konflikt.

 

In Hye Myung Kangs überwältigendem Sopran schwingen diese widersprüchlichen Dimensionen mit. Die Stimme gleitet elastisch von Festigkeit zu Zartheit. Die Höhe ist vibratolos, klar und strahlend. Die Tiefe warm, dunkel, betörend. Anstrengungslos mischt die Sängerin Farben und Nuancen. Ihr steht die ganze Dynamik von Piano bis Forte zur Verfügung. Und so liefert Hye Myung Kang ein musikalisches Rollenporträt von höchster Vollendung. Doch gleichzeitig ist das, was sie realisiert, mehr als Gesang: Es ist Darstellung. Die Musik dient dazu, einen Menschen und sein Schicksal hervortreten zu lassen, und Hye Myung Kang wird dieser Aufgabe ergreifend gerecht. In den drei Akten der "Butterfly" durchläuft sie einen grossen Bogen. Ihn wollte Puccini mit seiner veristischen Oper schmieden, und ihm begegnet man nun in seiner ganzen makellosen Strenge.

 

Die Aufführung verdankt ihre Eindringlichkeit der Entscheidung zur Werktreue, kombiniert mit Askese. Regisseur Louis Désiré vertraut der Ausdruckskraft von Körpern, Kostümen, Stimmen und Orchesterbegleitung, damit sich die Handlung in ihrer ganzen Grösse entfalten kann. Sparsam an Gesten und Gängen unterlässt er viel, was sonst zur inszenatorischen "Butterfly"-Möblierung aufgewendet wird. Aber die entscheidenden, handlungsleitenden Zeichen, die das Libretto namhaft macht, setzt er minutiös um. Mit diesem Regiestil bekommt jedes Aufführungsdetail die Kraft der präzisen Gebärde. Und wie bei allem Tun aus der Konzentration ist die Zeit stets gefüllt. Die drei Akte verrauschen wie im Traum.

 

Der Entscheid zu werktreuer Zurückhaltung führt beim Gebärdenspiel, vor allem im ersten Akt, zu zwei, drei konventionellen Manierismen, die an den Folgevorstellungen vielleicht wegfallen werden (etwa wenn die Hand, um das Schauen in die Ferne zu illustrieren, beschattend auf die Stirn gelegt wird). Dem herkömmlichen Theaterstil entstammt auch das sogenannte Stimmungslicht (Mario Bösemann): Die Beleuchtungsänderungen haben nicht realistische, sondern evokative Absicht. Im gewählten Rahmen ist das vertretbar. Mit dieser Konzeption bildet das wechselvolle Spiel der Scheinwerfer neben dem Orchesterkommentar einen eigenständigen (und heutzutage eher seltenen) Beitrag zur Intensivierung des Geschehens.

 

Das Bühnenbild demgegenüber mutet sich und den Zuschauern Askese zu. Diego Méndez-Casariego wählt nämlich eine herbe statt putzige Dekoration. Das Haus, in welches Butterfly einquartiert wird, weist die unregelmässige Modellierung von Knetmasse auf. So denunziert die Materialität der Bühne Pinkertons Heirat als kindisches, unreifes Spiel. Dem­entsprechend führt sich der Tenor auch auf. Er ist zwar erst Leutnant bei der Marine; aber er weist dem amerikanischen Konsul den Platz mit Gebärden an, als wäre er schon Admiral. Diesem infantilen Traum von der Grösse antwortet Butterflys infantiler Traum von der Liebe. Solche Verschränkungen nennt die Psychologie Kollusion: Zwei unterschiedliche Bedürfnisse werden durchs Arrangement eines Zusammenspiels befriedigt nach dem Motto: "Gibst du mir die Wurst, lösch ich dir den Durst." Das geht so lange gut, bis sich die Bedürfnisse eines Partners verändern, konkret: bis Pinkerton nach Amerika zurücksegelt. Dann muss sich der zurückgelassene Teil neu orientieren. Butterfly indes verweigert sich dieser Aufgabe. Durch das Festhalten am Traum gegenüber allen Wirklichkeitsargumenten wird sie für uns zum romantischen Gemüt, und das erklärt ihren Erfolg im Opernhaus, wo betrogene, einsame und unbeständige Menschen buntgemischt nebeneinandersitzen und die Bestätigung erfahren, dass es auf der Welt keine ewige Liebe gibt.

 

Mit seiner "Butterfly" beweist Intendant Dieter Kaegi einmal mehr seine glückliche Hand bei der Wahl der Sänger. Rodrigo Porras Garulos heldischer Tenor ist für die Pinkerton-Rolle stark genug, um sich auch im Forte gegenüber dem Orchester zu behaupten. Noch schöner, weil farbenreicher, ist Leonardo Galeazzis Bariton in der Sharpless-Partie. Butterflys Dienerin gibt Sunghee Shin mütterliche Züge, und Konstantin Nazlamov führt den Kuppler mit intensivem Körperspiel ins Dämonische. Zum Erfolg der Inszenierung trägt aber auch die stumme Rolle des Kindes bei. An der Premiere verkörpert es Lionel Willi. Im zweiten Akt tritt der Junge auf, und am Ende des dritten Akts verlässt er die Bühne an der Hand seiner neuen amerikanischen Ziehmutter (Louise Martyn). Unter dem Publikum im Palace (das jetzt Nebia heisst) war der Bieler Stadtpräsident zugegen. Es wäre nicht unangemessen, wenn er seinen Einfluss geltend machte, dass dem Kinderdarsteller ein Schuljahr erlassen wird. Wer die Partie so überzeugend trägt, hat bewiesen, dass er in die obere Klasse gehört.

 

Mit der "Butterfly" ist die renovierte Spielstätte an der Wyttenbachstrasse neu eröffnet worden. Akustisch ist sie jetzt ein gültiges Opernhaus. Die millionenschwere Investition hat sich gelohnt. Das Sinfonie Orchester Biel Solothurn kann hier voll aufspielen. Der Saal gibt jede Farbe getreulich wieder. Vom Piano bis zum Fortissimo und vom Solo zum Tutti geht nichts von der Klangschönheit der Partitur verloren. Dirigent Manlio Benzi hält die Musiker zu einer ehrlichen, herben und energischen Spielweise an. Nichts von Schmalz und Schmelz. Damit entspricht die orchestrale Seite der Aufführung dem inszenatorischen Konzept. Durch den geschlossenen Gesamtcharakter der Produktion erweist sich Theater Orchester Biel Solothurn einmal mehr als vollgültiges Mitglied im Klub der europäischen Opernhäuser.

 

Die Stimme der andern

> Bieler Tagblatt

> O-Ton

Die Hochzeit ist bloss eine Farce. 

Der Fluch des Priesters ist echt. 

Und das Kind wird geopfert.