Atina Tabé und Tom Kramer: In sich geschlossene Personenzeichnung. © Joel Schweizer.

 

 

 

The Who and the What. Ayad Akhtar.

Schauspiel.                  

Katharina Rupp. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 8. Februar 2019.

 

 

Während dem Applaus begannen sich die Schauspieler nach ihr umzublicken; und dann kam sie endlich hervor, Hand in Hand mit den Mitgliedern des Regieteams, verlegen wie immer, den Körper in Fluchtbereitschaft leicht abgewandt, als erwarte sie einen Buh-Sturm, die Lippen zu einem demütigen Lächeln verzogen: "Entschuldigung, dass ich euch das wieder angerichtet habe." - "Das" bedeutet: Ein Stück, das piano beginnt und am Ende heftige Erschütterungen auslöst. Bei der zweitletzten Szene griff die jüdische Regisseurin auf dem Nebensitz (sie arbeitet in Zürich und Paris) aufgewühlt zum Taschentuch. Sie war nicht die einzige. Katharina Rupp hatte es wieder geschafft, ihr Publikum in eine Aufführung hineinzuziehen, bis es wehtat.

 

Unauffällig beginnt das Stück mit dem Gespräch zweier Schwestern in der Küche. Die Schauspielerinnen sind noch nervös und fallen einander ins Wort. Man sieht gleich, dass es sich bei "The Who and the What" um ein Serienformat handelt, mit Menschen von heute in Verhältnissen von heute, im konkreten Fall um die Töchter eines pakistanischen Migrantenpaars. Und da liegt das Elend. "Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will." (Heimito von Doderer) Die Mutter ist vor ein paar Jahren gestorben. Der Vater hat sich nach oben gearbeitet. Er betreibt ein erfolgreiches Taxiunternehmen in Atlanta (USA). Die Tochter mit dem fabelhaften IQ konnte er in Harvard studieren lassen. Jetzt ist sie über dreissig und hat immer noch keinen Mann, während die jüngere Schwester schon als Kind beim Nachbarssohn unter die Haube kam. "Wir sind eine konservative Familie!", erklärt der Vater.

 

Damit packt uns das Stück, und die Aufführung auch. Eine Kindheit hatten wir alle. Der Unterschied zwischen den Kulturkreisen USA/Europa/Pakistan ist nicht so gross, dass wir uns nicht einfühlen könnten in die Verhältnisse, die Ayad Akhtar in seinem Schauspiel "The Who and the What" schildert, und wir möchten Heimito von Doderers pessimistischer Feststellung recht geben: "Wer sich in Familie begibt, kommt darin um."

 

Nun ziehen Stück und Aufführung unauffällig die Schraube an. Es geht um die Frage des Glaubens. Wir können uns ihr nicht entziehen. Die Kopftuch-Frauen tragen sie auf unsere Trottoirs. Wir stehen damit am selben Ort wie der Göttinger Physikprofessor Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), dem auf dem Gehsteig die Pastoren entgegenkamen. Er zog vor ihnen den Hut, doch in der Heimlichkeit seine Schreibstube legte er nachts seine Gedanken in Heften nieder. Er nannte sie "Sudelbücher" und dachte nicht daran, sie zu veröffentlichen. Erst lange nach seinem Tod kamen sie nach und nach zum Druck. Zu seinen Lebzeiten aber hätten sie ihm bloss Ungemach eingetragen. Etwa der Satz: "Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heisst vermutlich: der Mensch schuf Gott nach dem seinigen."

 

In der Weite seines Geistes sah Lichtenberg jedoch, dass die Menschen, die um ihn herum lebten, einen Glauben brauchten. Und so hielt er fest: "Ich glaube vom Grunde meiner Seele und nach der reifsten Überlegung, dass die Lehre Christi, gesäubert von dem verfluchten Pfaffengeschmier und gehörig nach unserer Art sich auszudrücken verstanden, das vollkommenste System ist, Ruhe und Glückseligkeit in der Welt am schnellsten, kräftigsten, sichersten und allgemeinsten zu befördern, das ich mir wenigstens denken kann. Allein ich glaube auch, dass es noch ein System gibt, das ganz aus der reinen Vernunft erwächst und ebendahin führt; allein es ist nur für geübte Denker und gar nicht für die Menschen überhaupt, und fände es auch Eingang, so müsste man doch die Lehre Christi für die Ausübung wählen. Christus hat sich zugleich nach dem Stoff bequemt, und dieses zwingt selbst den Atheisten Bewunderung ab. (In welchem Verstand ich hier das Wort Atheist nehme, wird jeder Denker fühlen.) Wie leicht müsste es einem solchen Geist gewesen sein, ein System für die reine Vernunft zu erdenken, das alle Philosophen völlig befriedigt hätte. Aber wo sind die Menschen dazu? Es wären vielleicht Jahrhunderte verstrichen, wo man es gar nicht verstanden hätte, und so etwas sollte dienen, das menschliche Geschlecht zu leiten und zu lenken und in der Todesstunde aufzurichten? Ja, was würden nicht die Jesuiten aller Zeiten und aller Völker daraus gemacht haben? Was den Menschen leiten soll, muss wahr, aber allen verständlich sein. Wenn es ihm auch in Bildern beigebracht wird, die er sich bei jeder Stufe der Erkenntnis anders erklärt."

 

Die Frage nach dem herkömmlichen und dem fortschrittlichen Glauben ist nicht akademisch. Das zeigt unsere Gegenwart zur Genüge. Der fundamentalistische Glaubensbegriff ist zwar unvernünftig. Aber die Unvernünftigen lassen sich schwer bekehren. – Lichtenberg ja, der war weiter: "Ich kann mich daher nicht genug wundern, wenn berühmte Männer sagen, in einem Fliegenflügel stecke mehr Weisheit als in der künstlichsten Uhr. Der Satz sagt weiter nichts als: auf dem Wege, auf welchem die Uhren gemacht werden, kann man keine Mückenflügel, aber so wie die Mückenflügel gemacht werden, kann man auch keine Repetieruhren machen. Man muss billig sein und sich über dergleichen unnütz frömmelnde Anspielungen wegsetzen. Man muss es hierbei nicht sagen. Allein man muss die Kraft besitzen, so etwas zu denken, denn die Kraft ist nötig."

 

250 Jahre nach Lichtenberg erfindet nun der US-amerikanische Schriftsteller pakistanischer Herkunft Ayad Akhtar für sein Schauspiel "The Who and the What" eine Muslima, welche die Kraft hat, "so etwas" nicht nur "zu denken", sondern gleich auch zu "sagen". Die Wirkung kommt einer Bombe gleich. Sinnigerweise malt Stephan Bundi ein glimmendes Lesezeichen aufs Theaterplakat. Das Buch über den Propheten, das die junge Frau geschrieben hat, wird gleich losgehen. Und was das bewirkt, zeigt die Bühne mit unheimlicher Wucht.

 

Katharina Rupp hat am Jurasüdfuss nur ein winziges Ensemble zur Verfügung. Von Produktion zu Produktion kehren die selben Schauspieler wieder. Und immer, wenn man meint, man kenne sie in und auswendig, überraschen sie uns mit tiefen Verwandlungen. "Sie ist ein Genie", sage ich beim Hinausgehen zum deutschen Regisseur Thomas Schulte-Michels. Er widerspricht: "Sie ist kein Genie. Aber ein sehr guter Theaterhandwerker." Er hat recht; es ist eine Auszeichnung, wenn jemand am Theater noch das Handwerk versteht. Es bedeutet für die Schauspieler ein tiefes Eindringen in die Rolle, und für die Regisseurin die Fähigkeit, ihre Leute so zu führen, dass sie stimmen. Und wie schon beim Jesuiten-Stück vor einem Jahr ("Das heilige Experiment") versteht es die Rupp, die Intensität so zu dosieren, dass die Spannung nicht nur bis zum Ende anhält, sondern steigt.

 

Das Vertrauen der Schauspielchefin in ihre Darsteller und die Sensibilität für ihre Entwicklungsmöglichkeiten führen nun bei Atina Tabé und Tom Kramer zu vollkommen überzeugenden, in sich geschlossenen Personenzeichnungen. Man möchte glauben, die beiden seien noch nie so gut gewesen, und dabei ist die Spielzeit noch nicht zuende. Als jüngere Schwester ist Tatjana Sebben zwar glaubwürdig, aber sprechtechnisch noch nicht ganz auf der Höhe (zumindest an der Premiere). Günter Baumann als Vater vereinigt in sich die meisten Farben: Da ist der Selfmade-Man, der hinauf und wieder hinunter kommt; da ist der Familienvater und Moslem, der seine Männlichkeit behaupten muss und doch so feinfühlig ist; da ist der liebende und der verletzte Mensch – und da ist der Spiegel, in den sich die politische, kulturelle und religiöse Gemengelage am tiefsten einritzt. Gegenüber seiner Darstellung mischen sich die Empfindungen von Mitleid, Verständnis und Respekt. Damit gelingt es der starken Aufführung von "The Who and the What", unabhängig von allen ideologischen Positionen den menschlichen Kern herauszuarbeiten, den wir mit den vier Menschen auf der Bühne teilen.

 

Es ist unabweislich: Für Künstler, die etwas leisten wollen, muss es eine Wonne sein, bei Theater Orchester Biel Solothurn arbeiten zu können und von Produktion zu Produktion weiterzukommen.

 

Die Stimme der andern

> Solothurner Zeitung

> Der Bund

Das Buch bringt die Bombe zum Platzen.