Sensibel, fessenld, überraschend. © Andrea Kremper.

 
 

 

 

Médée. Luigi Cherubini./Medea Senecae. Iannis Xenakis./Medeamaterial. Heiner Müller.

Oper/Suite/Monolog.                  

Sebastien Rouland, Nathan Blair, Demis Volpi, Markus Meyer, Carola Volles, André Fischer. Saarländisches Staatstheater Saarbrücken.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 4. Februar 2019.

 

 

Als Tänzer hat Demis Volpi die verschiedensten Räume durchmessen, und als Choreograph weiss er, worauf es ankommt, dass sie wirken. Deshalb ist seine Saarbrücker Medea-Produktion auf überraschende Weise ganzheitlich. (Ich brauche dieses Wort zum ersten Mal.) Volpi kennt das Geheimnis, dass Räume durch Bewegung entstehen, und solch spannungschaffende Bewegungen stellt er jetzt durch ein sensibles Zusammenspiel von Position, Konstellation und Verschiebung her. Das Ergebnis: Cherubinins Steharien werden zu Fliessarien. Meisterhaft.

 

Der Abend kombiniert drei Werke, die sich mit dem Medea-Mythos befassen. Zuerst die französische "Médée" von Luigi Cherubini aus dem Jahr 1797, dann die lateinische "Medea Senecae" für sechs Instrumente und Männerchor von Iannis Xenakis aus dem Jahr 1976 und schliesslich das "Medeamaterial" von Heiner Müller aus dem Jahr 1983.

 

Im Verlauf des Abends mündet also die Oper in ein Chorwerk, und das Chorwerk in einen Monolog. Volpi interpretiert die unterschiedlichen Werke, als ob es sich um zusammenhängende Räume handeln würde. So wandert das Personal - gleich und doch verändert - von einer Darstellungweise in die nächste. Ein fabelhaftes Gespür für Identität und Differenz macht das Spiel mit den drei Medea-Versionen zu einem einzigen beglückenden Formerlebnis.

 

Der Eindruck steigert sich durch die überraschenden, stets fesselnden Veränderungen von Licht (André Fischer) und Bühne (Markus Meyer). Ungewöhnlich phantasievolle Kostüme (Carola Volles) grenzen die Personengruppen voneinander ab und machen deutlich, worum es bei Medea geht: um den tragischen Konflikt zwischen dem Gleich– und dem Fremdartigen.

 

Die Tragfähigkeit des Konzepts tritt im Lauf der Vorstellung immer eindrücklicher hervor. Der musikalischen Raum, den Luigi Cherubini mit der grazilen Tiefe der Mozart-Zeit eröffnet, hallt nach in der strengen Atonalität von Xenakis' Chorwerk. Und beide Klangwelten zusammen steigern die Stille zwischen den Wörtern von Müllers Medea-Monolog zum Erlebnis des Fatums. - Intensität, gewonnen durch Reduktion. Ein Geniestreich.

 

Wie tief die Werkidee die Beteiligten durchdrungen hat, zeigt sich an der Vermischung der Stile. Der Körper der Medea-Sängerin hat die Ausdruckskraft einer Tänzerin. Und der Text der Medea-Sprecherin hat die Qualität von Musik. - Zwei Dirigenten lösen einander ab. Sébastien Rouland leitet Cherubini vom Orchestergraben aus mit dem Stab, während Nathan Blair die Xenakis-Partitur mit offenen Händen auf der Bühne dirigiert. Und da werden er, Chor und Instrumentalisten sichtbar zu Mitspielern.

 

Selten noch war ein Bühnenexperiment auf Anhieb so überzeugend wie der Medea-Abend in Saarbrücken. Es ist naheliegend, dass man Volpi und seinem Team bald auch an anderen, bedeutenderen Spielorten begegnen wird. In der Zwischenzeit aber lohnt es sich, ins Saarland zu reisen, ganz abgesehen von der Küche.

Das Zusammenspiel von ... 

... Konstellationen ...

... schafft Spannung.