Wahnsinn bedeutet Eingesperrtsein. © Sabine Burger.

 

 

 

Radames/Lohengrin. Péter Eötvös/Salvatore Sciarrino.

Kurzopern.                  

Yannis Pouspourikas, Bruno Berger-Gorski, Dirk Hofacker. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 15. Dezember 2018.

 

Wahnsinn bedeutet Eingesperrtsein. Das wussten schon die alten Ärzte. Unter "Geisteskrankheiten" schreibt der legendäre Brockhaus von 1838, der Begriff bezeichne "solche krankhafte Zustände, in denen der Mensch seiner moralischen Freiheit, d.h. seiner Selbstbestimmung, bleibend oder in immer wiederkehrenden Anfällen beraubt ist; daher werden solche Kranke wohl auch Unfreie genannt. Verrückte nennt sie das Volk, und zwar mit recht, denn eben dadurch, dass die einzelnen Seelenkräfte untereinander verrückt worden sind, ist die Harmonie des Seelenlebens aufgehoben."

 

Im Faktor des Zwangs liegt der Unterschied zwischen dem Verrückten und dem Normalen. Das erklärte mir der Direktor der Waldau, Professor Wolfgang Böker, im Januar 1982: "Jeder Mensch hat seine Nachtseiten, jeder. Daher würde es mich beunruhigen, wenn ich nur noch 'normale' Gedanken hätte. Das wäre nämlich ein Zeichen, dass ich etwas in mir verdränge. Das entscheidende ist, dass ich die sogenannten verrückten Dinge in mir wahrnehmen kann, ohne immerzu an sie denken zu müssen. Ich bekomme anderseits auch keinen steifen Hals, weil ich Angst davor habe und ständig wegblicken muss. Sehen Sie: Breite und Vielfalt, das sind die Zeichen von seelischer Gesundheit – und die Fähigkeit, mit all dem umgehen zu können."

 

Dieser Aussage zufolge führt am Doppelabend von Biel-Solothurn bereits die erste Kurzoper lauter Verrückte vor. Der Titelheld in Péter Eötvös' "Radames" ist ein mehrfach Getriebener. Er ist (a) angetrieben vom Wunsch, es gut zu machen. Bei diesem Bestreben wird er zur Leistung getrieben von (b) einer Opernregisseurin, (c) einem Theaterregisseur und (d) einem Filmregisseur, die ihrerseits Getriebene sind von ihrem (e) Geltungsdrang, (f) Perfektionsdruck, ihrer (g) Bild- und (h) Ausdrucksvision. Und da ist noch, auf der Bühne, (i) die Rollenkonzeption und (j) die Partitur mit ihren Anforderungen (k) forte, (l) diminuendo, (m) accelerando etc.

 

Weil nun aber das Theater, so will es das Stück, am Ende seiner Mittel ist, wird der Countertenor noch in die Persönlichkeitsspaltung hineingetrieben: Er muss gleichzeitig die Rollen von Radames und Aida verkörpern. Zu diesem Zweck wird die linke Hälfte seines Gesichts weiblich geschminkt und die rechte männlich. Dazwischen befindet sich, eingequetscht, loyal und wehrlos, der verletzliche Künstler, der von der Masslosigkeit der gebündelten Anforderungen buchstäblich zu Tode gehetzt wird. - So illustriert "Radames" die Wahrheit des Satzes, das Theater sei ein Irrenhaus, und die Oper darin die geschlossene Abteilung.

 

Eötvös' kurzes Werk stellt, wie man sieht, die ernsthafte Frage, wo in diesem System die Kunst noch Platz habe. Stellvertretend für alle, die Geistiges hervorbringen, hat H. L. Mencken bereits 1933 formuliert: "Es ist eine allgemeine Legende, dass Druck einen wahren Journalisten entflamme und inspiriere und ihn dazu bringe, Meisterwerke herauszu­schwitzen. Das ist in Wirklichkeit nicht so. Wie jeder andere schreibende Mensch funktioniert er am besten, wenn er Musse hat und sich ab und zu von seinen Notizblöcken entfernen kann, um ein Zitat nachzuschlagen, einen Teller Ham and eggs zu essen oder aus dem Fenster zu schauen."

 

In Biel-Solothurn inszeniert nun Bruno Berger-Gorski die Anklage gegen den überdrehten Kunstbetrieb als überdrehte Karikatur. Damit verdoppelt er das Stück und macht aus der Aufführung, wie Franz Josef Bogner definierte, Kitsch: "Kitsch ist, wenn man zweimal dasselbe tut; zum Beispiel auf der Bühne 'Ja' sagt und dazu nickt." Fatalerweise wird diese Spielweise durch die Darsteller unterstrichen. Sie tragen so dick auf, dass sie im Vereinstheater landen - also im falschen Stil. Differenziert ist einzig die Sängerin, Céline Steudler. Darstellerisch und gesanglich agil, zieht sie die Blicke durch ihr künstlerisches Engagement und ihre fein abgestufte Darstellung auf sich.

 

Céline Steudler führt nach der Pause hinüber ins nächste Stück. Dafür wechselt sie von einer Nebenrolle in die Hauptrolle und von der Expressivität in die Intensität. In "Lohengrin" von Salvatore Sciarrino ist sie allein auf der Bühne. Die dicken Wollfäden, die Radames strangulierten, sind ausgewachsen zum Gespinst (Bühne: Dirk Hofacker). In diesem Kokon webt und dämmert Elsas einsame Seele daher wie die beschädigten Figuren von Becketts spätesten Stücken. Wahnsinn auch hier, nur zurückgenommen vom Äusseren ins Innere.

 

Wenn Eric Berne, der Vater der Transaktionsanalyse, darlegte, Psychotherapie habe die Aufgabe, die Grenzen zwischen den verschiedenen Bereichen der Seele zu festigen, damit keine Konfusionen entstehen könnten zwischen Wunsch und Realität, Trieb und Moral, Vernunft und Traum, so fliesst in "Lohngrin" alles ineinander - Klang, Geräusch, Sprache, Gesang (solistisch und chorisch, "secco" und mit Instrumental­begleitung), und dementsprechend nennt der Komponist das Werk auch eine "Azione invisibile per solista, strumenti e voci". Das Sinfonie Orchester Biel Solothurn realisiert das Werk unter der Leitung von Yannis Pouspourikas ganz vorzüglich.

 

Das Faszinierende geschieht in der Musik. Darum hat Salvatore Sciarrino beim Komponieren nicht an die Bühne gedacht, und aus diesem Grund betreibt Bruno Berger-Gorski mit seiner Inszenierung hier nicht Verdoppelung, sondern Ausformulierung. Das Vage der träumenden Seele wird umgesetzt in eine bestrickende Bildinstallation. Und indem die Sängerin zur Darstellerin wird, kann Céline Steudler der Interpretation ein eigenes Gesicht geben. Die Nachtkritik der "Stimme" sprach diesem Zusammenhang von "Sog". Das Wort brauchten ebenfalls die Zuschauer beim Verlassen des Hauses, und es findet sich im Programmheftbeitrag von Max Nyffeler.

 

Damit bringt Theater Orchester Biel Solothurn einen beeindruckend mutigen und klugen Abend zuwege. Er kombiniert zwei Kontrafakturen, die von verschiedener Seite her die Klassiker "Aida" und "Lohengrin" beleuchten. Die Verbindung zwischen den beiden unterschiedlichen Kurzopern liegt in der verstörenden Tatsache des Wahnsinns. Er äussert sich in flirrerenden, abschüssigen Klängen. - Keine Produktion fürs breite Publikum. Aber für Leute, die bereit sind, sich bewegen zu lassen, ein Abend mit Sogkraft. Sie erfahren an ihm die Wahrheit von  Professor Bökers Aussage: "Keiner der Menschen, denen Sie hier in der Waldau begegnen, hat sich soweit entfernt, dass er für andere nicht erreichbar wäre. Es gibt auf dem Gebiet der Geisteskrankheiten nichts, in das sich ein 'Normaler' nicht einfühlen könnte."

 

Die Stimme der andern

> Neue Zürcher Zeitung

> Bieler Tagblatt

> Mittwochs um zwölf

> Online-Merker

Die Wollfäden sind ausgewachsen zum Gespinst. 

In der überdrehten Karikatur einer Probe ...

... wird der Countertenor zu Tode gehetzt.