Schauplatz ist die Ruine eines Variété-Theaters. © Arno Declair.

 
 

 

 

Ein Sommernachtstraum. William Shakespeare.

Komödie.

Kieran Joel, Belle Santos, Lenny Mockridge, Krysztof Honowski. Münchner Volkstheater.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 16. Januar 2019.

 

 

Das Ärgerliche an dieser Produktion ist, dass sie bloss einen einzigen Gedanken realisiert: "Machen wir's andersrum!" Weil die Komödie im Sommer spielt, lässt Regisseur Kieran Joel Schneeflocken vom Bühnenhimmel kommen. Weil der Schauplatz in einem "Wald in der Nähe von Athen" liegt, zeigt die Bühne (Belle Santos) die Ruine eines Variété-Theaters. Die Handwerker sind nicht mehr schwere, einfältige Volkstypen, sondern grazil herumturnende Zirkusartisten. Und wenn die Aufführung ungekürzt fünf Stunden dauert, so wird das Stück am Münchner Volkstheater auf knappe neunzig Minuten zusammengestrichen.

 

Zum Opfer fallen alle Elemente, mit denen Shakespeare Orientierung gibt. Dass im "Sommernachtstraum" vier verschiedene Geschichten in Parallele gesetzt werden, ist nicht mehr erkennbar. Kein einziger Bürger Athens kommt mehr auf die Bühne, kein Herzog, keine Königin der Amazonen mit ihrem Gefolge.  Die Inszenierung will eben keine Geschichten mehr erzählen, sondern bloss noch das archaische Durcheinander der Traumebene zur Darstellung bringen.

 

Wie wenig die Identität zählt, wenn der Rausch die Wesen erfasst, zeigt sich daran, dass die jugendlichen Liebespaare dasselbe Kostüm und dieselbe Perücke tragen. Wer wer ist, ist nicht mehr auseinanderzuhalten. Es spielt auch keine Rolle. Der Mensch ist nicht mehr länger Handelnder, sondern Behandelter; Raumschiff ausser Kontrolle. Dazu werden die Reste der Komödie - im wesentlichen die Welt der Elfen und des Spuks - zerschnipselt und durcheinandergerührt. Kein bildungsferner Zuschauer kann mehr erkennen, was oben ist und was unten, was vorne und was hinten. Die Aufführung wird zum Trip.

 

Lenny Mockridge unterlegt die Aktion mit einem Teppich von psychedelischen Klängen  (im Programmheft steht dafür: Musik), und die Schauspieler tragen Microports. Damit kann man ihren Stimmen Hall beimischen, und der steht dann, wie beim Augsburger Kindermärchen, für "Traumatmosphäre". O sancta simplicitas!  Die Einförmigkeit der Szene lockern verschiedene Videoeinspielungen von Krysztof Honowski auf: Wolkenbänder, Blitz und Donner, der Mond in Nahaufnahme. Hätte Kaiser Joseph II. das noch erleben können, er hätte gerufen: "Brav, lieber Krysztof, brav!"

 

Kieran Joel, der 34jährige Regisseur, gilt als internationale Nachwuchshoffnung. Darum durfte er letztes Jahr in Bern ein Schauspiel inszenieren. Schon damals – es ging um Gorkis "Kinder der Sonne" - zeichnete er sich durch rabiates Vorgehen aus. "Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt" notierte: "Überakzentuierung statt Feindosierung. Musik statt Stille. Fläche statt Tiefe. Graffiti statt Aquarellmalerei." Diese Inszenierungsweise ist beim "Sommernachtstraum" noch radikaler geworden. Die Kritik der "Süddeutschen Zeitung" vom 20. September 2018 lässt in ihren 31 Zeilen offen, was davon zu halten sei. Ich meine: nicht viel. Ich ziehe Komplexität der Simplizität vor. Darum schreibe ich auch meine "Besprechungen von Schauspiel und Oper für Menschen, die gerne denken". Die  aber würden vom "Sommernachtstraum" des  Volkstheaters enttäuscht sein.

 

Gleichwohl kann man die Vorstellung, wenn man am Ort ist, ohne Reue besuchen. Das Wunder bringen die Schauspieler zustande. Sie sind ein Labsal und eine Wonne: Agil mit Zunge und Körper, spielfreudig, intelligent, schön, jung und begabt. Kein Zweifel, Intendant Christian Stückl hat eine Truppe von Künstlern zusammengebracht, die jede Aufgabe glänzend bewältigt. Sogar den "Sommernachtstraum" von Kieran Joel.

Die schweren Handwerker wurden grazile Artisten. 

Und Oberon und Titania wurden Lustmolche.