Ergiebiger ist der ernsthafte Blick auf die Sache. © Julian Baumann.

 
 

 

 

Dionysos Stadt. Christopher Rüping.

Antikenprojekt.

Christopher Rüping, Susanne Steinmassl. Münchner Kammerspiele.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 16. Januar 2019.

 

 

Regisseur Christopher Rüping hat mit seinen Schauspielern ein sog. Antikenprojekt erarbeitet. Die Aufführung dauert zehn Stunden. Sie besteht aus vier Teilen und führt (1.) von Prometheus oder "der Erfindung des Menschen" über (2.) Troja oder "den ersten Krieg" zur (3.) Orestie oder "den Verfall einer Familie" bis (4.) zu einer Art Bilanz unter der Frage: "Was hat das mit Dionysos zu tun?" durch Verwendung des Textes "La Mélancolie de Zidane". In den Pausen von Bayreuth-Länge kann man sich verpflegen mit allerhand exotischem Finger-food. Das Feste ist im Eintrittspreis inbegriffen. Währenddessen wird die Bühne zu einem neuen Bild umgebaut. Der zweite Teil ist der lauteste. "Aber die Jungen sind sich das von der Disco gewöhnt", erklärt die freundliche Garderobiere Tilly ("eigentlich Ottilie"). Dann murmelt sie: "Nehmen Sie das mit!", und schiebt ein Paket Ohrstöpsel über die Theke.

 

Christopher Rüping ist heute 33 Jahre alt. 2015 wurde er bereits ans Theatertreffen eingeladen, und 2018 noch einmal. Falls er es mit "Dionysos Stadt" wieder nach Berlin schafft, dann wird das dem Umstand zu verdanken sein, dass die Jury nach dem Prinzip "Ich sehe etwas, das du nicht siehst" funktioniert. Doch so funktioniert auch ein Teil des Kammerspiel-Publikums. Beim Prolog stellt es bereits seine gute Laune unter Beweis, indem es auf jeden zweiten Satz mit Gelächter antwortet. Es hält sich an Schönbergs Devise: "Im Zweifel für das Neue!" und verwandelt sie zum Vorsatz: "Im Zweifel für das Lachen!"

 

Weil nun die "Orestie" in die Verhältnisse der Gegenwart übertragen und mit Videokameras im Sitcom-Stil dargeboten wird, nimmt das Kammerspiel-Publikum die Tragödie als Schwank und produziert dazu das Lachen des verschworenen Einverständnisses, wie es bei den Bierrunden zu hören ist, wo die Pointen nur noch den Eingeweihten verständlich sind. Das Lachen bekundet in diesen Fällen: "Ich gehöre dazu! Ich weiss, was du meinst!" So dient jetzt der Theaterbesuch, wie in der Epoche des bürgerlichen Stadttheaters, zur Selbstbestätigung und Selbstvergewisserung. Ein klarer Fall für Berlin.

 

Ergiebiger jedoch ist der ernsthafte Blick auf die Sache. Der langgedehnte erste Teil bringt die Einsamkeit von Prometheus zur Erfahrung. Jahrtausendelang ist er im Kaukasus an einen Felsen geschmiedet, umweht von den Winden, von einem Adler gepeinigt. Manchmal ist das Blöken von Schafen zu hören (freudig begrüsst von aufgellendem Gelächter im Publikum). Unter einer Zotteldecke verborgen kriechen ein paar Schauspieler auf allen vieren ins Blickfeld. Nun drückt das Gelächter wohlgelaunte Anerkennung aus. Zum Jubel steigert sich das Lachen, als sich zwei Tiere am Fuss des Felsen begatten. Sex sells. Der tragische Kontrast zwischen der animalischen Gemeinschaft auf der Heide und dem verurteilten Titanen oben am Felsen wird als Pointe genommen. Ob man dafür ein Antikenprojekt stemmen soll? Der Prolog spricht von der verlorengegangenen Demut und der Überheblichkeit des Menschen. Hier sind sie mit Händen zu greifen.

 

Überheblich ist es ebenfalls, die "Orestie" als Schwank aufzufassen. Die Inszenierung zeigt auch keine Trottel, sondern Menschen wie du und ich in ihrer Alltäglichkeit. Beschränkt aufs Hier und Jetzt werden sie unversehens vom Gott geschlagen und vom Schicksal heimgesucht. Was das bedeutet, ist nicht zum Lachen. Das kann jeder bei seiner Krebsdiagnose erfahren. Und so zeigt das Antikenprojekt von Christopher Rüping und seinem Ensemble letzten Endes die Fragwürdigkeit und Gefährdung aller menschlichen Existenz, heute so gut wie vor zweieinhalbtausend Jahren: "Ja, mach nur einen Plan! / Sei nur ein großes Licht! / Und mach dann noch’nen zweiten Plan / Gehn tun sie beide nicht."

 

Zur Unplanbarkeit gehört, dass das Spiel im Theater durch Kameras verlangsamt wird (Video: Susanne Steinmassl). Das erwies sich letztes Jahr bei Christiane Jahaty an der Comédie-Française und bei Milo Rau an der Berliner Schaubühne; dieses Jahr bei Sebastian Klink am Berner Stadttheater und bei Christopher Rüping an den Münchner Kammerspielen. Was früher auf der Bühne gesagt wurde, will nun ins Bild, und das macht die Aufführungen träge.

 

Den antiken Zuschauern waren die blutigen Taten dem Blick entzogen. Um Schrecknisse zu übermitteln, verwendeten die Dramatiker den Botenbericht. Heute aber zeigt die Leinwand das Blut, in dem Agamemnon schwimmt, nachdem er in der Badewanne ermordet wurde, und sie zeigt Ägisths Auswurf in der Kloschüssel, nachdem er, ohne es zu wissen, dass Fleisch seiner Kinder verspeist hat.

 

Noch breiter wird die Darstellung im letzten Teil: "Was hat das mit Dionysos zu tun?" Die Antwort braucht fünfzig Minuten, um den Gedanken zu illustrieren, dass die grossen, rauschhaften Feste unserer Zeit im Fussballstadion zu erleben sind. Dafür schubsen sechs Darsteller auf einer grüne Matte einen Ball herum, während "La Mélancolie de Zidane" aufgesagt wird. Am Länderspiel von 2006 soll das grosse, lastende Schicksal, das die Antike zu formulieren suchte, am Kapitän der deutschen Mannschaft ablesbar geworden sein. Über diesen Vergleich lacht an den Kammerspielen niemand. Denn Fussball ist eine ernste Sache.

Was früher gesagt wurde, will nun ins Bild.

Die Darstellung zeigt den Mord und das Blut.

Was hat das mit Dionyosos zu tun?