Die drei Knaben sind kostümiert als weisse Clowns. © Jan-Pieter Fuhr.

 
 

 

 

Die Zauberflöte. Wolfgang Amadeus Mozart.

Oper.                  

Lancelot Fuhry, Andrea Schwalbach, Anne Neuser. Staatstheater Augsburg.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 16. Januar 2019.

 

 

Im 20. Jahrhundert, als die Zeitungen noch mit Blei gedruckt wurden, war es nötig, die Fotos zu rastern. Das Bild setzte sich also aus breiten und schmalen Punkten zusammen. Wenn man scharf hinschaute, sah man zwischen ihnen das Weiss des Zeitungspapiers. Ähnlich verhielt es sich bei der Scheibe des schwarz-weissen Röhrenfernsehers. Heute nun bietet die Inszenierung der "Zauberflöte" in Augsburg dieses gerasterte Bild.

 

Die schwarzen Punkte bilden die Ideen der Regisseurin Andrea Schwalbach. Sie hat Philosophie und Theaterwissenschaft studiert. Also fällt ihr zur Oper viel ein. Die drei Damen (sonst Nebenrollen) wertet sie auf zu Hauptfiguren, ja wahrhaften Strippenzieherinnen. Wenn der Vorhang nach den ersten Bläserakkorden aufgeht, sieht man sie als Arbeiterinnen in einem Fabrikbunker emsig am Stricken. Und während die Streicher die verknäuelten Begleitfiguren herunterspielen, entsteht das Bild der Nornen, welche Schicksalsfäden knüpfen.

 

Strippenzieher ist auch Sarastro. Als Direktor einer Budenstadt veranstaltet er mit Tamino und Papageno das Spektakel verschiedener Proben und Prüfungen. Dazu lachen und klatschen die Chorsänger, die als Zuschauer auf die Bühne gestellt wurden. Mit diesen Einfällen denunziert die Inszenierung das Aufklärungsideal der Logenbrüder Mozart und Schikaneder als blosse Show. Konsequenterweise schreibt die Übertitelung nicht, wie Tamino singt: "Wann wird das Dunkel schwinden?", sondern: "Wann wird die Decke schwinden?" Eine vielsagende Fehlleistung.

 

Dem Zirkusambiente entsprechend erscheint Pamina als muntere Columbine. Dicke Fäden bewegen die drei Knaben, kostümiert als weisse Clowns. Und die Königin der Nacht, ebenfalls von dicken Fäden gezogen, zeigt die ruckartigen Gesten der Olympia aus "Hoffmanns Erzählungen". Auf diese Weise bereitet die Inszenierung einen Raster von breiten und schmalen Ideen über das Werk. Aber Ideen sind, wie der Dramaturg Urs Bircher zu sagen pflegte, "wie Läuse im Pelz. Die hat jeder."

 

Vater Shandy misstraute dem Naheliegenden. Er meinte, erste Gedanken seien bloss Versuchungen des Teufels (first thoughts were always the temptation of the evil one). Wir würden bei all unseren Darstellungen und Forschungen von ihnen heimgesucht. Sie kämen aus den Vorurteilen, welche uns die Bildung vermittelt habe (heute universitär). Dabei seien sie nichts als Wischiwaschi aus der Klappe von Ammen, Nonsens von den alten Weibern beider Geschlechter. (Prejudice of education is the devil. We are haunted, brother Toby, in all our lubrications and researches with a farrago of the clack of nurses, and of the nonsense of the old women [of both sexes] throughout the kingdom.)

 

Ähnlich steht es mit den Ideen zur "Zauberflöte" in Augsburg. Sie bilden zwar einzelne Momente der Inspiration, doch dazwischen hängt die Aufführung durch, und die Sänger stehen und gestikulieren so uninspiriert und konventionell wie eh und je. Gesanglich sind alle dem Part gewachsen und erfüllen damit die Mindestanforderungen an ein Staatstheater. Bemerkenswert aber ist nur Columbine, will sagen: Jihyun Cecilia Lee als Pamina. (Die drei Damen sind auch ganz gut.) Das Spiel der Augsburger Philharmoniker weist einzelne Intonationsmängel und rhythmische Impräzisionen auf. Doch das sei bloss im Vorübergehen festgehalten. Irritierender ist, dass die musikalische Interpretation den ganzen Abend die Ebene des "matter of fact" nicht verlässt. Liegt es am Stab von Lancelot Fuhry oder an der aufziehenden Niederschlagszone? Jedenfalls liegt, was Sänger und Orchester anbelangt, noch ein ganzer Schritt zwischen "ordentlich" und "gut".

Die drei Damen sind Strippenzieherinnen.

Die Königin der Nacht (unten) ist weiss.