Jeder darf mal den König spielen. © Konrad Fersterer.

 

 

 

Macbeth. William Shakespeare/Philipp Preuss.

Tragödie.

Philipp Preuss. Staatstheater Nürnberg.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 16. Januar 2016.

 

 

Eigentlich sollte die Aufführung nicht "Macbeth" heissen, sondern "Etüden zu einem blutigen Putsch". Etüden sind kurze Stücke, bei denen eine bestimmte Passage unendlich oft wiederholt wird. In Nürnberg umfasst die Passage – stark gekürzt - die Anrufung der Hexen ("Heil dir, Than von Cawdor!"), die Vision des Dolchs (der Macbeth seinen Griff entgegenstreckt) und die Ermordung des Königs Duncan. Ist die Passage gespielt, wechseln im sechsköpfigen Ensemble die Rollen: Wer Than war, wird Begleiter; wer Begleiter war, wird König; wer König war, wird Than. Dann wird die Passage noch einmal gespielt. Und dann noch einmal. Und dann noch einmal. Insgesamt eine Stunde und dreissig Minuten lang. Der Vorhang geht derweil auf und zu, auf und zu, und bietet doch unverändert dasselbe Bild: Die Wiederholung des Putschs. Das Personal wechselt, aber die Geschichte kommt nicht vom Fleck. Mit diesem Ansatz illustriert Regisseur Philipp Preuss das französische Sprichwort: "Die Geschichte wiederholt sich nicht, sie stottert." (L’histoire ne se répète pas, elle bégaye.)

 

Dass Menschen von dämonischen Stimmen dazu verführt werden, die Macht durch Mord an sich zu reissen, ist ein uraltes Thema der Tragödie. Und auf dem schwarzen Kontinent zeigt die Aktualität von Jahr zu Jahr, dass ein Coup dem andern folgt. In diesen Ländern stünden Philipp Preuss' "Etüden zu einem blutigen Putsch" auf dem Index, und der Theatermann würde liquidiert. Aber in der Bundesrepublik, wo in zwei Jahren Wahlen sind und das Kabinett Merkel auf demokratischem Weg ersetzt wird, schrumpft die Bedeutung des Abends auf unverbindliches L'art pour l'art. Die Nürnberger Bürgerschaft kann nicken: "Herr Nachbar, ja, so lass' ich's auch geschehn: / Sie mögen sich die Köpfe spalten, / Mag alles durcheinander gehn; / Doch nur zu Hause bleibt's beim alten."

 

Bei Shakespeare endet die Tragödie damit, dass der Wald von Dunsinan heranrückt und den Usurpator beiseite schafft. Der Seher, der hinter dem Gezweig das unermessliche Heer erblickt, wird in der Aufführung durch einen Kunstkopf ersetzt. Er richtet seine Kameralinse ins Publikum. Auf dem Hintergrund­prospekt erscheinen die Zuschauerreihen des Theatersaals. Die Leute sehen, wie sie sitzen und auf die Bühne schauen. Ein Aufstand jedoch findet nicht statt. Niemand regt sich. Das Bild erstarrt. Nach einigen Minuten entschliessen sich einige zu klatschen. Jetzt kommen die Schauspieler nach vorn und nehmen den Applaus entgegen. So zeigt Philipp Preuss am Ende seiner Arbeit, dass sich an der Geschichte (nicht nur an der von Macbeth, sondern an der Geschichte allgemein) nichts ändern wird, solange sie die Zuschauer als blosse Vorstellung auffassen. Eingreifen, meint er, täte not; nicht gaffen.

 

Wenn man das so erzählt, sieht man, dass das Konzept eigentlich – wie oft bei szenischen Konzeptarbeiten – ganz gescheit ist; nur – und da liegt üblicherweise die Krux, auch hier - der Einfall trägt nicht durch den Abend. (Ça ne fonctionne pas.) Die Schuld liegt bei den Schauspielern. Sie haben nicht die Kraft, die szenischen Momente mit präziser Gebärde in den Raum zu stellen. Es ist nicht zu entscheiden, ob sie das Konzept nicht mittragen oder ob es an Begabung fehlt. Vielleicht liegt es an beidem. Jedenfalls bleibt der Nürnberger "Macbeth", der kein Schauspiel ist, sondern eine Etüde, bloss eine halbe Sache.

Jeder wird Mörder. 

Jeder wird blutig.

Jeder ist im Visier.