Selbstbespiegelung. © Pedro Malinowski.

 
 

 

 

Xerxes. Georg Friedrich Haendel.

Oper.

Wolfgang Katschner, Clarac-Deloeuil > le lab. Staatstheater Nürnberg.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 16. Januar 2019.

 

 

Als erstes stellt die Regiefirma "Clarac-Deloeuil > le lab" eine Halfpipe auf die Bretter des Nürnberger Opernhauses. Dann schickt sie drei Nürnberger Skater ins U. Manchmal werden sie von einer Kamera eingefangen. Dann sieht man ihre Figuren aus der Vogelperspektive auf einer Leinwand. Dort erscheinen die Gesichter der Gelenkigkeitskünstler auch vor der Kulisse der Stadt. Auf dem Museumsplatz, wo sie eben über die Bänke fegten, sprechen sie ins Mikrofon und geben Einsicht in ihre – sagen wir: "Philosophie". Skaten, vernehmen wir, bedeute "Freiheit", denn "man braucht sich nicht an Trainingszeiten zu halten". Selbstverständlich könne man Mädchen damit imponieren (auch wenn die drei Twens, die sich als Brüder betrachten, zur Zeit noch solo sind). Ihre Definition lautet: "Skater sind Romantiker". Es gehe ihnen nicht ums Geld oder ums Ranking, sondern um den Fun. Das Nürnberger Publikum jubelt über die sympathischen Statements der Jungs, und nach dem letzten Take applaudiert es spontan.

 

Szenenapplaus bekommt auch der virtuose Kunstradfahrer, der seine Geschicklichkeit durch Turnübungen an der Lenkstange und den Radachsen demonstriert. Während diesen Nummern gleiten zuweilen zwei Discokugeln aus dem Bühnenhimmel und werfen  gemächlich ihre Reflexionen ins Publikum und in den Saal. Dazu spielt die Musik: das Nürnberger Staatsorchester unter Leitung von Wolfgang Katschner, verstärkt durch Theorbe, Barockgitarre und Cembalo.

 

Man möchte beinahe vergessen, dass Haendels Oper "Xerxes" auf dem Spielplan steht. Freundlicherweise kürzt die Inszenierung einiges am Material der fünfzig Arien, was den Abend beschleunigt. Jetzt folgt Lied auf Lied in der üblichen Single-Länge. Damit dauert die Aufführung trotz Film-Einsprengseln eine Stunde weniger lang als herkömmliche Produktionen. Die Sänger halten sich brav (mit Ausnahme einer Nebenrolle), doch werden ihr Mangel an Bewegungsfähigkeit und ihre tendenziell fülligen Körper durch die Skaterkostüme unvorteilhaft herausgestrichen. Und weil sie die Regie bei der Aufgabe im Stich lässt, ihre Personen zu finden, behelfen sie sich mit dem konventionellen Gestenrepertoire.

 

Die Regiefirma "Clarac-Deloeuil > le lab" verfolgt indes konsequent ihren Grundgedanken - auch wenn es sich dabei, wie die Franzosen sagen, um eine "fausse bonne idée" handelt. Die Figuren der Haendel-Oper werden als Liebes-Junkies interpretiert und Skateboard-Junkies gleichgesetzt. Vernachlässigt wird dabei das historische Fundament der Oper. Xerxes war der grösste Monarch des Altertums und der gefährlichste Feind der griechischen Städte. An seinem Hof herrschten Terror, Unterdrückung, Intrige. Seine Liebespläne waren dynastisch bestimmt und dienten dem Machterhalt. Haendels Zeitgenossen haben die Machinationen der Prinzessinnen, Generäle und Clanmitglieder noch durchschaut; es genügten kurze Andeutungen. Denn die Öffentlichkeit war mit den Vorgängen am englischen Königshof vertraut.

 

Die Oper entstand unter Georg II. Er war der letzte König, der noch an der Spitze seiner Truppen in die Schlacht zog (Dettingen 1743). Trotzdem wurde er vom Volk verachtet für seine Ungeschliffenheit und seine Frauengeschichten. Der "symphonisch-pastorale Charakter" der Rezitative von "Xerxes" (Programmheft) steht also in hintersinnigem Gegensatz zur versteckten (aber nicht verdeckten) politischen und kritischen Dimension des Werks. In Nürnberg wird sie durch Mätzchen verstellt. Zur Freude des Publikums hält sich die Regiefirma "Clarac-Deloeuil > le lab" bei ihrer Arbeit an den Titel der Schweizer Schriftstellerin Erica Pedretti: "Harmloses bitte!" Tja.

Kostümierte Sänger ... 

... Mode-Requisiten ... 

... und Video. Das wär's.