Cornelius Obonya auf der Bühne mit seiner Mutter Elisabeth Orth. © Reinhard Werner/Burgtheater.

 
 

 

 

Coriolan. William Shakespeare.
Carolin Pienkos. Burgtheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 20. November 2018.

Es braucht Mut, dieses Stück zu bringen. Schon auf dem Umschlag des Programmhefts steht ein anstössiger Satz: "Herrschaft des Volkes heisst, dass die Regierung nichts beschliessen kann ohne die Zustimmung der Dummen." Coriolan verwendet, wie man sieht, nicht die Sprache von Schlegel/Tieck, sondern die des Übersetzers Rainer Iwersen. In Vokabular und Satzbau bringt sie uns die Figuren aus der Geschichte des alten Roms so nahe, als ginge uns die Antike heute noch an.

Der Charakter Coriolans ist, wie bei allen Lust– und Trauerspielen, geprägt von monumentaler Einseitigkeit. An ihm verwirklicht sich, was Hofrat Winkler in "Professor Bernhardi" dem Helden voraussagt: "Wenn man immerfort das Richtige täte, oder vielmehr, wenn man nur einmal in der Früh, so ohne sich's weiter zu überlegen, anfing, das Richtige zu tun und so fort den ganzen Tag lang das Richtige, so sässe man sicher noch vorm Nachtmahl im Kriminal [Zuchthaus]."

 

In "Coriolan" zeigt Shakespeare also den Untergang eines Menschen, der recht hat. Und weil er recht behalten will, geht er unter. Denn recht haben ist im Leben nicht immer das Richtige. Die Forschung weiss Bescheid: "Coriolan hat Züge eines Psychopathen. Seine überragende Kampfkraft wurzelt in seiner eingeschränkten Imagination und entsprechender Gefühlsresistenz." Und an anderer Stelle hält die Publikation der Berlin University Press fest: "Coriolan ist von Anfang bis Ende genau das, was er um keinen Preis sein will, nämlich bloss Funktion eines Marktgeschehens."


Zum Glück fürs Stück lässt sich Regisseurin Carolin Pienkos von der Gelehrsamkeit der Kommentatoren und Kommentatorinnen nicht irre machen. Sie inszeniert die Tragödie so zurückhaltend und nobel, wie es zur Zeit Lindtbergs dem Burgtheater entsprach. Das Programmheft weist zwar die Funktionen Musik, Video und Sounddesign aus, aber man merkt nichts von ihnen. Die Schauspieler stehen immer noch im leeren Raum und sprechen ihren Text. Und was die Technik unterstützend beitragen kann, trägt sie unterstützend bei, ohne sich primadonnenhaft vorzudrängen.


Mit dieser Zurückhaltung ist zu erklären, dass das Drama in voller Klarheit zur Erscheinung kommt - sofern die Leute reden können. Am Burgtheater können sie das. Markus Meyer als Volskerfürst, Bernd Birkhahn als Konsul und Sylvie Rohrer als Volkstribun ragen heraus. Aber die einzelnen Stimmen aus dem Volk stehen ihnen nicht nach.

 

Und da ist die 82jährige Elisabeth Orth als Mutter Coriolans. "Mein Sohn", sagt sie zu ihm, und er antwortet: "Meine Mutter!" Cornelius Obonya, der auf der Bühne den Helden spielt, ist im Leben Elisabeth Orths Sohn. Es brauchte diesen Umstand nicht, um den Bitten der Mutter Eindringlichkeit zu geben. Aber die Konstellation einer Burgschauspielerfamilie, die bis zu Attila Hörbiger (1896–1987) und Paula Wessely (1907–2000) zurückreicht, gibt der Szene einen Nachhall, für den die Ästhetiker der Shakespearezeit das Wort "erhaben" brauchten.

Die Schauspieler stehen im leeren Raum ...

... und sprechen immer noch ihren Text ... 

... ohne dass sich die Technik vordrängt.