Die Menschen haben sich nicht verändert. Nur ihre Ausdrucksweise und ihre Kleider. © Reinhard Werner/Burgtheater.

 
 

 

 

Vor Sonnenaufgang. Ewald Palmetshofer/Gerhart Hauptmann.

Dušan David Pařízek. Burgtheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 20. November 2018.



Wer den Bachelor in Bauingenieurwesen anstrebt, lernt im ersten Studienjahr das Normenwesen kennen: Für welche Fälle es welche Formeln gibt, und wie sie miteinander kombiniert werden. Im zweiten Jahr dann werden die Formeln auf verschiedene Projekte angewandt. Und soweit ist Dušan David Pařízek jetzt. 

Das Projekt, das er bearbeitet, ist ein Stück von Gerhart Hauptmann: "Vor Sonnenaufgang". Zur Uraufführung kam es im Jahr 1889. Ewald Palmetshofer hat es auf die heutigen Verhältnisse und in die heutige Sprache umgeschrieben. Jetzt reden die Menschen von "googeln" und von "recherchieren". Und dem besoffenen Familienoberhaupt werden die Autoschlüssel weggenommen, damit es auf der Strasse niemanden gefährdet. Auf diese Weise soll dem Publikum aufgehen, dass die alten Geschichten heute noch aktuell sind. Die Menschen haben sich nicht verändert. Nur ihre Ausdrucksweise und ihre Kleider.

Bei Adaptationen spricht die Theaterkritik heute von "Überschreibung", die Filmkritik von "Remake". Aber das Verfahren ist uralt. An den athenischen Dionysien stellten die Dichter um 450 v. Chr. Jahr für Jahr die Göttergeschichten in neuen Fassungen vor. Und um 1850 arbeitete Nestroy französische Boulevardstücke laufend zu Wiener Vorstadtkomödien um.

Im Original provozierte Gerhard Hauptmanns Tragödie einen der grössten Theaterskandale Deutschlands. Zum ersten Mal wurden darin, wie Wikipedia zu berichten weiss, "Sexualität und Alkoholismus freimütig dargestellt". In ihrer Adaptation kochen Ewald Palmetshofer und Dušan David Pařízek nun die fünf Akte auf ein pausenloses zweieinviertelstündiges Geschehen ein. Auf einer Einheitsbühne rollt die Handlung ohne naturalistische Ortswechsel ab. Dass dabei ein Schauspieler und eine Schauspielerin bis auf die Haut ausgezogen werden, gehört zur Norm. Das Salz steuert Dušan David Pařízek dadurch bei, dass er auch ein Klo mit Deckel und Spülkasten auf die Bühne stellt. Der Patriarch erledigt darauf sein Geschäft mit heruntergelassenen Hosen. Und kotzen lässt sich in die Schüssel auch. Die Formel, die der Regisseur zur Anwendung bringt, heisst: Unterstreichen, grösser machen. Das Abseitige unter die Lupe nehmen.

Die zweite Formel, die nach heutigem Normenwesen Gültigkeit hat, heisst: Rezeptionsgewohnheiten unterlaufen. Wenn Hauptmann mit "Vor Sonnenaufgang" dem Naturalismus zum Durchbruch verhalf, so müssen heute die Darsteller das Spiel auf Posen, Schablonen und Stereotypien hin zuspitzen. Und nuscheln natürlich, das heisst in der Regiesprache: "Den Text nicht ausstellen!" Die aktuelle Norm kommt Marie-Luise Stockingers Sprechstil entgegen. Allerdings führt Kammerschauspieler Michael Maertens vor, dass man modern spielen und doch verständlich sein kann. Und da ist noch der grosse Verwandlungsschauspieler Markus Meyer. Zum fünften Mal in Folge wurde er vom Kritiker der "Stimme" nicht erkannt. Das hat der kuriose Rezensent davon, dass er das Programmheft immer erst aufschlägt, wenn die Besprechungen geschrieben sind!

Bei den starken Künstlern des Burgtheaters haben es aufstrebende Regisseure schwer. Es braucht sie eigentlich nicht. Es geht ihnen dabei wie den Dirigenten, die zum ersten Mal vor den Wiener Philharmonikern stehen. Um gleichwohl seine Marke zu setzen, greift Dušan David Pařízek deshalb zum Mittel des Prokischreibers. Vor zwei Jahren beleuchtete er am Volkstheater Thomas Bernhards "Alte Meister" mit solchen Hellraumgeräten. Heute  bringt er sie an der Burg wieder zum Einsatz, bloss ohne Folien. Und was will er uns damit sagen? Die Menschen sind die Folien! Das heisst: Flache Abbilder ohne Eigenleben!


Fürs zweite Studienjahr Bachelor in Bauingenieurwesen ist das alles ganz okay. Im dritten Jahr aber, da wird es aus sein mit dem Spiel. "Was kostet's, was bringt's?", werden die jungen Leute fragen lernen. Die gegenwärtige Produktion bleibt den Nachweis ihres Nutzens noch schuldig. Sie vermittelt bloss die Erkenntnis, dass heute nach anderen Normen gebaut wird als gestern, jedoch nicht unbedingt besser. Immer noch werden vorgefertigte Elemente verwendet. Ein Fortschritt ist das noch nicht.

In der Mitte unten, vorübergehend im Schatten: Die Kloschüssel. 

Kahlrasiert: Der grosse Verwandlungsschauspieler Markus Meyer.