Schwanken, lallen, umfallen... © Lena Roche.

 
 

 

 

Les Enivrés. Ivan Viripaev.

Schauspiel.                  

Clément Poirée, Erwan Creff, Elsa Revol. Théâtre de la Tempête, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 3. Oktober 2018.

 

 

Die Vorzeichen stehen auf Flop. Niemand in der Pariser Theaterszene kennt das Théâtre de la Tempête. Der kontaktfreudige junge Mann, der auf dem weitläufigen Gelände der Cartoucherie ebenfalls nach dem Haus sucht, ist, wie er sagt, ins Bois de Vincennes hinausgekommen, um zwei Kollegen zu sehen, die im Stück auftreten. Und auch einen seiner Professoren. Die will er studieren. "Ich bin Schauspiel­schüler." Dann aber zeigt sich am Schalter: Seine Aufführung läuft gar nicht im Théâtre de la Tempête, sondern im Théâtre de l'Aquarium. Also adieu!

 

Es riecht weiterhin nach Flop. Die Vorstellung nämlich beginnt im Vorraum. Ein phantasievoll kostümiertes Trio johlt herum und quatscht einzelne Zuschauer an. Doch während es das Rollenbild des lustigen Säufers wiederzugeben sucht, merkt man: Die können nichts. Das Publikum hat längst im Saal Platz genommen, und immer noch wird weitergealbert. Einzelne Burschen beginnen, auf das Gelalle mit frechem Gelächter zu antworten. Da tritt der erfahrene John Arnold auf und fasst sie ins Auge. Gleich wird es still. "Ah, le beau silence!", stellt er fest. Daraufhin wird es noch stiller. Mit einer Bewegung des Zeigefingers stellt er höchste Aufnahme­bereitschaft her. Doch wozu? Schon wird es auf der Bühne wieder laut.

 

Zwei Stunden lang müssen Leute mit völlig ungenügender Technik brüllen, schwanken, lallen, umfallen, kriechen, kauern. Eine Tortur für ihre Stimmbänder, und eine Tortur für die Zuschauer. Gottseidank sitzt der Schauspielschüler anderswo. Hier hätte er höchstens lernen können, wie man's nicht macht.

 

Einzelne Paare verlassen den Saal. Doch die Schulklassen, die mit zwei Bussen hergekarrt wurden, sind gefangen unter der Aufsicht ihrer Lehrer. Und eine Pause gibt's nicht. Ein paar Jugendliche versuchen zu dösen. Andere nuckeln an ihrer Petflasche. Die meisten aber spielen, wie in der Philoso­phie­stunde, den toten Mann.

 

Währenddem wird auf der Bühne mit dem obstinaten Stumpfsinn der Säufer weitergebrüllt. "Merde" ist das häufigste Wort. Die Scheisse reicht bis zum Arsch (cul). Wie kann das der "Seigneur" nur zulassen? ("Herrgott" ist das zweithäufigste Wort.) An dieser Anrufung merkt man, dass das Stück von einem Russen geschrieben wurde. Ivan Viripaev ist der in Frankreich meistgespielte Gegenwartsdramatiker.

 

Einzelnes ist gut: Die Beleuchtung (Elsa Revol). Das Bühnen­bild (Erwan Creff): Eine Doppeldrehbühne mit zwei Glasele­menten. Durch ihre Bewegung erinnern die Scheiben an den Schwindel des Rauschs, und durch das geschickte, lautlose Aufstellen von Requisiten entstehen wie von Zauberhand immer wieder neue Spielorte.

 

Dann die Darstellerin der Prosti­tuierten mit ihrer quäkenden Görenschnute (Mélanie Menn). Die Rolle ist leicht, wird aber geradlinig durchgezogen, und damit unterscheidet sie sich vom schwammigen Stil der andern Dar­steller. Zum Schluss kommt wieder John Arnold zum Einsatz. Er erklärt der Hure, warum wir in der Scheisse stecken: Weil uns Gott, dieser universale Mafiaboss, im Abort eingesperrt hat, bis wir alles zurückgegeben haben, was wir uns erschwindelt haben. Unsere Persönlichkeit, unsere Posen, unser Anspruch auf Geltung – alles Angeberei (baratinage). In Wirklichkeit sind wir nichts.

 

Ein einziger hat Gott alles Erschwindelte zurückgegeben: Jesus Christus. "Bist du's?", fragt die Hure. Mit diesem Satz endet das Stück. Er stellt das endlose Gelalle der Säufer in ein neues Licht. "Durch die Säufer spricht Gott zu uns", lautete eine der Wortschlaufen. "In jedem einzelnen verkörpert sich Gott", lautete eine andere. Wie käme es heraus, wenn wir diese Sätze gleich ernst nähmen wie die Besoffenen ihren Wahn?

 

Das unvermutete Aufscheinen der Transzendenz hinter dem Gebrabbel der "Enivrés" rechtfertigt die Übersetzung des Stücks ins Französische (Tania Moguilevskaia und Gilles Morel). Man könnte sich vorstellen, dass es mit andern Schauspielern und mit einem andern Regisseur als Clément Poirée den Besuch lohnte. Dann wäre "Flop" nicht das letzte Wort.

Bechern ... 

... schwanken ...

... zwei Stunden lang.