Eine betörende Kunstleistung. © Pascal Gely.

 
 

 

 

L'Angoisse du roi Salomon. Romain Gary (Émile Ajar).

Schauspiel.                  

Théâtre Lucernaire, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 3. Oktober 2018.

 

 

Die Aufführung ist sehr gut. Vielleicht sogar ausgezeichnet. Die Entscheidung hängt ab, welchem Kulturkreis man angehört. Der deutsche wird auf "sehr gut" optieren, der französische auf "ausgezeichnet". Der Divergenzpunkt liegt im Tempo. Der Angehörige der germanischen Welt (du monde germanique) wird sagen: "Kein Rhythmus; nur Takt." Der Angehörige der lateinischen Welt (du monde latin) wird zurückfragen: "Was fehlt Ihnen denn?" "Pausen. Verlangsamungen –" "Ah, mon cher, dann würde das Ganze zu schwer (trop lourd)."

 

Dieses unterschiedliche Empfinden manifestiert sich auch bei Konzertübertragungen. Ist das Stück oder die Arie fertig und prasselt der Applaus gleich los, dann kommt die Übertragung aus Frankreich oder Italien. Die Deutschen und Österreicher machen zuerst eine Andachtspause. So auch bei den Schall­plattenvergleichssendungen. Bei der "Diskothek" von SRF-2 Kultur zählt die Technik, bevor sie den Regler aufzieht, innerlich: "... uund eins!", während der "réalisateur" bei "Disques en lice" die CD an der Stelle startet, wo im Schriftbild der letzte Buchstabe steht: "Et maintenant, la version numéro deu|x."

 

Jetzt steht also Bruno Abraham-Kremer den ganzen Abend lang auf der Bühne und bringt – wenn wir von der Tempofrage absehen – eine hervorragende Leistung. Er spricht den letzten Roman von Romain Gary, "L'Angoisse du roi Salomon", publiziert 1979 unter dem Pseudonym Émile Ajar, ein Jahr vor dem Selbstmord des Autors. Ein Vater erzählt seinem Sohn, wie er als Taxifahrer mit Salomon Rubinstein zusammenkam, dem König der Konfektionsbranche. Er schlüpft von einer Person in die andere und durchlebt dabei eine Situation nach der anderen.

 

Anfangs wirkt sein Spiel etwas befremdlich: Geschulte, sonore Schauspielerstimme, exzellente, leicht überspitzte Diktion, und durchgehend illustrative Gestik. Wenn er sagt: "Ich setzte mich ins Taxi und fuhr los", dann bewegt er den linken Arm, wie wenn er die Tür zuschlagen würde, und legt dann beide Hände auf ein imaginäres Lenkrad, während der linke Fuss Gas gibt. Das geht so weiter und weiter, man gewöhnt sich daran und beginnt, die feinen Abstufungen des Spiels zu geniessen.

 

Bei den Dialogen wechselt Bruno Abraham-Kremer blitzschnell von einer Rolle in die andere. Der Tonfall ist so exakt getroffen, dass im Lauf von anderthalb Stunden ein grosses, facettenreiches Gemälde entsteht. Und die illustrative Gestik wird fürs Zuschauerauge zur Regieanweisung: Man sieht den geschminkten Mund der abgetakelten Chansonsängerin. Man hört, wie König Salomo seinen Stock aufschlägt. Man riecht die Zigarette zwischen den Lippen des mürrischen Concierge.

 

Eine abenteuerliche, betörende Kunstleistung; wie wenn zwölf Scarlattisonaten hintereinander gespielt würden, ohne dass ein Ton danebengeht. Das muss mal einer machen. Bruno Abraham-Kremer kann's, allein auf der Bühne, als Salomon, als Jean, als Cora, als Hausmeister, als Beifahrer, als Student, als Buchhändlerin, in der Verkörperung des volksreichen Pariser Lebens.

Anderthalb Stunden allein auf der Bühne.