Die Menschen spielen Rollen. © Annette Boutellier.

 

 

 

Katja Kabanova. Leoš Janáček.

Oper.                  

Kevin John Edusei, Florentine Klepper, Martina Signa, Adriane Westerbarkey. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 20. Mai 2018.

 

 

In "Dr. Katzenbergers Badereise", einer komischen Erzählung von Jean Paul, fährt ein Medizinprofessor ins Bad Maulbronn, um dort "seinen Rezensenten beträchtlich auszuprügeln", weil der einfältige Mann den Wert von Katzenbergers gelehrten Aufsätzen nicht erkannt hat. Mit in der Kutsche sitzen auf dieser Fahrt Katzenbergers reizende Tochter Theoda und ein inkognito reisender Schriftsteller. Der ist entzückt, in der jungen Frau eine glühende Verehrerin des Dichters Theudobach zu entdecken, denn unter diesem Namen pflegt er seine Sachen zu veröffent­lichen. "Sie musste ihm nun sagen, was sie vorzüglich am Dichter liebe; 'grosser Gott', versetzte sie, 'was ist vorzüglich zu lieben, wenn man liebt? Am meisten aber gefällt mir sein Witz [= Geist] – am meisten jedoch seine Erhabenheit – freilich am meisten sein zartes heisses Herz – und mehr als alles andere, was ich eben lese.' "

 

Gleich wie der unschuldigen Theoda geht es jetzt in Bern dem abgebrühten Kritiker an der Premiere von Janáčeks Oper "Katja Kabanova". Wenn er sagen müsste, was er an der Auffüh­rung liebe, käme er ins Stammeln: "Am meisten der Glanz und die Behendigkeit der Streicher – am meisten jedoch die Schönheit der Bläserpassagen – freilich am meisten die scharfkantige Präzision der Schlagzeugeinsätze – und mehr als alles andere, was ich eben höre." Es ist Kevin John Eduseis Meisterschaft zu verdanken, dass die Spannung in der Musik nie nachlässt und dass sich durch alle drei Akte hindurch Schönheit an Schönheit reiht.

 

Dabei ist die Komposition alles andere als fasslich. Und wenn man das Haus am Kornhausplatz verlässt, kann man keine einzige Melodie nachsummen. Diese Tatsache stand anfänglich dem Erfolg des Werks im Weg. Im Gegensatz zu "Jenufa", die 1904 herauskam, verzichtet der Komponist 1921 auf grosse Chor­auftritte und folkloristische Melodieführung. Jetzt arbeitet er mit Wiederholung, Aufteilung und Neukombination kleintei­liger Motivelemente, in denen sich das Fliessen der Wolga (wo die Handlung angesiedelt ist) ebenso spiegelt wie Katjas Verlorenheit und Indezision. Die Struktur der Komposition aber entzieht sich bei der ersten Begegnung allen Hörern, selbst den fachkundigen.

 

So kam nach der Londoner Erstaufführung 1951 Ernest Newman in der "Sunday Times" zum Schluss, Janáček sei nicht in der Lage, einen musikalischen Gedanken länger als zwei oder drei Minuten zu verfolgen. Dem erwiderte der Musikwissenschafter Charles Stuart in der "Music Review" mit einer Reihe von Noten­beispielen, die vermeintliche Schwäche bedeute in Wirklichkeit einen kompositorischen Fortschritt. Das werde jedem klar, der sich die Mühe nehme, einen halben Tag mit der Partitur zu verbringen.

 

Diese Mühe erspart nun Kevin John Eduseis Dirigat dem Berner Publikum. Er führt es von einem starken Moment zum nächsten, und immer ist das augenblickliche Geschehen klangschön, fasslich, scharf umrissen und evident, das heisst: selbst­redend. Dafür allein lohnt es sich schon, "Katja" ein zweites Mal zu besuchen. Es werden einem dann, wie immer bei grossen Opern, noch viel mehr Schönheiten aufgehen.

 

Über die Inszenierung wird sich dasselbe nicht sagen lassen. Florentine Klepper, die in Freiburg i.Br. einen überwältigen­den "Giulio Cesare" herausgebracht hat, versagt diesmal mit ihrem Konzept gegenüber dem Werk. Man sieht schon, was sie vermeiden will: die naive Illustration. Also bringt ihre Bühnenbildnerin Martina Signa keinen öffentlichen Park an der Wolga, keine Allee für die Spaziergänger, keine Bänke, keine Büsche, keine Nachmittagssonne; und natürlich auch keine Datscha, keine Holzveranda und keinen Samowar wie in Peter Ustinows Inszenierung von 1985 an der Hamburger Staatsoper. Für heutige Augen wären solche Bilder bloss volkstümlicher Gemütskitsch.

 

Stattdessen verfolgt Florentine Klepper den Gedanken des Lebens als Bühne. Die Menschen spielen auf ihr Rollen; zugewiesene Rollen, die sie in der Unmündigkeit halten. Deshalb werden sie von der Kostümbildnerin Adriane Westerbarkey mit riesigen Puppenköpfen und Puppenhänden ausgestattet, die sie in ihren natürlichen Bewegungen behindern. Damit steht das Leben an der Wolga unter dem Vorzeichen starrer Unsponta­neität.

 

Doch indem die Regie den gesellschaftlichen Zwangscharakter unterstreichend denunziert, aus dem Katja für einen Moment auszubrechen versucht, um sich am Ende, von Reue zerrieben, in die Wolga zu werfen, gerät die Aufführung selber in die Falle der naiven Illustration. Bezeichnenderweise wird die Symbolik der Gewitterszene mit Donner, Blitz und Regen beibehalten. Und das Symbol des Schlüssels, mit dem das Gartentor geöffnet und der Weg ins Freie gewonnenen werden kann, leuchtet in grässlichem Neonrot, damit die blinde Berliner Waschfrau mit ihrem Stock ja sieht, an welcher Leine sie die Wäsche aufzuhängen hat. Stumpfe Undifferenziertheit und belehrende Überheblichkeit sind damit die Markenzeichen dieser Inszenierung.

 

Zum Glück entziehen sich die Gesangslinien der Einkastelung. In der Titelrolle bietet Johanni van Oostrum dem Ohr pure Wonne. Ihr grosser Sopran ist strahlend schön und zeichnet alle Schattierungen von Katjas Frauenschicksal taktgenau nach. Dafür allein lohnt es sich schon, "Katja" ein zweites Mal zu besuchen. Es werden einem dann, wie immer bei grossen Leistungen, noch viel mehr Facetten aufgehen. Bemerkenswert auch die drei Tenöre: Der Einspringer aus Freiburg i.Br. Joshua Kohl als Wanja, daneben Alessandro Liberatore als Boris und Andries Cloete als Tichon.

 

Am Ende ihrer Karriere entdeckte Leonie Rysanek die Rolle der Kabanicha: "Götz Friedrich hat mich überzeugt, Kabanicha sei nach Katja die wichtigste Rolle der Oper; das stimmt zwar nicht, ist es aber dank ihm geworden. Er machte aus ihr den genauen Widerpart zu Katja, die nicht zum geschlossenen Milieu der Kabanovs gehört, nichts mit dieser Familie, nichts mit diesem kleinen Wolgadorf zu tun hat und nicht angepasst ist an ihre soziale Umgebung." Mit ihrer etwas schwachen Altstimme hat Ursula Füri-Bernhard diese Konzeption nicht unterstützt. Katja überstrahlt sie unangefochten.

 

Die Stimme der andern

> Berner Zeitung

> Der Bund

> Neue Zürcher Zeitung

Strahlend schön: Der Sopran von Johanni van Oostrum. 

Aber der grosse Traum von der Liebe ...  

... zerschellt am gnadenlosen Über-Ich.