Die Fragmente aus Schillers Original werden, wie beim Schul­theater, "au degré zéro" gegeben. © Joel Schweizer.

 

 

 

Tell. Daniela Janjic nach Friedrich Schiller.

Schauspiel.                  

Jérôme Junod, Isabelle Freymond, Nathalie Lutz, Anna von Zerboni, Tino Langmann. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 10. Mai 2018.

 

 

Beim "Tell"-Projekt von Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS) kommt die Kritik in die gleiche Lage wie vor 240 Jahren, fast auf den Tag genau, der vielzitierte Dr. Johnson, Londons angesehenster Literat. Am Samstag, den 25. April 1778 war er, zusammen mit ein paar andern illustren Gästen, beim Maler und Akademiepräsidenten Sir Joshua Reynolds zum Essen eingeladen. Das Tischgespräch wandte sich den Versen auf Irland von Lady Lucan und ihrer Tochter zu. "Miss Reynolds: 'Haben Sie sie gesehen, Sir?' Johnson: 'Nein, Madam. Ich habe eine Übersetzung von Horaz gesehen, von einer ihrer Töchter. Sie zeigte sie mir.' Miss Reynolds: 'Und wie war sie, Sir?' Johnson: 'Nun, sehr gut für die Verse eines jungen Fräuleins; - das heisst, verglichen mit dem Hervorragenden, nichts; doch sehr gut für die Person, die sie schrieb. Bei mir kommt immer Ärger auf, wenn mir auf diese Weise Verse gezeigt werden.' Miss Reynolds: 'Aber wenn sie gut sind, warum sollte man sie nicht herzlich loben?' Johnson: 'Nun, Madam, weil ich dann meine schlechte Laune noch nicht überwunden habe, die durchs Zeigen entstand. – Niemand hat das Recht, jemanden in solche Schwierigkeiten zu bringen, dass er entweder die Person verletzt, indem er die Wahrheit ausspricht, oder sich selber verletzt, indem er sagt, was nicht wahr ist.' "

 

Wie bei den Versen von Lady Lucan und ihren Töchtern liegt beim Projekt von TOBS das Ärgernis darin, dass niemand gern die vielen Menschen guten Willens verletzt, die sich mit Herzblut an "Tell" beteiligt haben. Ihre Absicht war, alles zusammenzubringen: Die Urschweiz mit der Gegenwart, die Leute der Waldstätte mit der multikulturellen Bieler Jugend, Schillers poetischen Flug mit der nüchternen Sprache der Jetztzeit, den körnigen Mythos der Eidgenossenschaft mit den faulen Waffen- und Bankendeals der Aktualität, und dazu noch die Verwendung der französischen und deutschen Sprache. Das stolzgeblähte Nationalbewusstsein der Rütli-Schweiz mit seinem simplen, unhaltbaren Schwarzweiss-Denken sollte von der Seeländer Metropole aus in Frage gestellt und dekon­struiert werden. - Wer, hochgeschätzter Herr Dr. Johnson, möchte diesem menschenfreundlichen, zeitgeistigen Anliegen den Applaus verweigern?

 

Dem steht schon der Werdegang von Daniela Janjic entgegen. Die Dramatikerin, so die Medienmitteilung von TOBS, wurde in Mostar geboren, wuchs in Bosnien, Herzegowina, Schweden und der Schweiz auf und absolvierte ihre Studien am schweize­rischen Literaturinstitut in Biel. "Bewusst bringt sie die verschiedenen Sprachen und Kulturen, die sich sowohl in ihrer persönlichen Biographie wie auch an ihren Wirkungsorten – insbesondere der als besonders multikulturell bekannten Stadt Biel – wiederfinden, zum Zusammenspiel und greift die Vielfalt und Pluralität unserer Gesellschaft lustvoll auf."

 

Das Lustvolle zeigt sich nun im wohl angelegten, engagierten Spiel der 16-28jährigen Mitglieder des Jungen Theaters Biel, die von Isabelle Freymond vorbereitet wurden: Aline Schüpbach, Vera Bolliger, Melani Kostadinova, Fabiola Fillipopulos, Eva Schneider, Jessica Woodtli, Nadine Bourban, Bequir Fetahi, Paul Wongprakon, Antonia Laubscher, Pajtime Dodaj, Martina Inniger, Fiona Fankhauser, Manuel Djurovic, Heston Graber, Gino Rösselet, Asso Husseini. Was sie bringen, ist untade­liges, ja vielleicht sogar überdurchschnittliches Schul­theater. Und wer, hochgeschätzter Herr Dr. Johnson, möchte solch sympathischen Nachwuchsdarstellern den Applaus verweigern?

 

Zumal die ganze Inszenierung von Jérôme Junod auf sie und ihr Weltverständnis ausgerichtet ist. Die Personen von Schillers Drama werden dem Publikum nahegebracht durch Verweis auf die Typen heutiger Filme und Serien. Entsprechend klischiert sind die Kostüme und Haltungen: Tell (Vincent Fontannaz) mit grober Kutte und struppigem Bart; Attinghausen (hier dargestellt von Barbara Grimm) gelähmt im Rollstuhl; und Ulrike von Rudenz (Tatjana Sebben) im schicken Hosendress klimpert während des Gesprächs mit ihrer Tante ungeduldig mit dem Autoschlüssel (Kostüme: Anna von Zerboni).

 

Die Fragmente aus Schillers Original werden, wie beim Schul­theater, "au degré zéro" gegeben, das heisst ganz naiv, ohne Hinterlist und Provokationsabsicht. Das im wörtlichen und übertragenen Sinn blasse Bühnenbild von Nathalie Lutz lenkt vom Text nicht ab, versteht sich aber so wenig auf Effekte wie die Beleuchtung von Tino Langmann, so dass der Gesslerhut am rechten Bühnenportal ein unauffälliges Dasein fristet. Aber wer wollte, hochgeschätzter Herr Dr. Johnson, der unambi­tiösen, aber sympathischen Nüchternheit des "degré zéro" den Applaus verweigern?

 

Dem Stil des Schultheaters entspricht das einfältige Pathos, mit dem die Profidarsteller ihren Part vortragen. Nichts von Zurücknahme und Psychologisierung wie seinerzeit bei Werner Düggelin am Schauspielhaus Zürich (mit Matthias Habich als Wilhelm Tell und Peter Brogle als Gessler). Doch nun zeigt sich: Schiller verträgt nicht bloss Pathos, er verlangt es sogar. Erst dann läuft das Drama, im wörtlichen und übertragenen Sinn, zur grossen Form auf. Und jedes der Fragmente ist so stark, dass es dem Kritiker momentweise den Herzschlag aussetzen lässt oder heimliche Tränen in die Augen presst. Damit ereignet sich mutatis mutandis, was Theodor Fontane bei der Aufführung vom 17. August 1870 im Königlichen Opernhaus Berlin beobachtete: "Der 3. und 4. Akt liessen die patriotische Erhebung zurücktreten; die dramatische Gewalt des Stückes wird hier eben siegreich über jede andere Empfindung."

 

Die dramatische Gewalt des Stücks zeigt sich in Biel-Solothurn gerade in den feinsten Momenten der Inszenierung: Wenn Hedwig Tell (Atina Tabé) ihren Buben nach der Apfel­schuss-Szene wieder sieht, läuft sie in höchster Erregung auf ihn zu und klatscht ihm gleich zwei Ohrfeigen ins Gesicht; dann nimmt sie ihn in die Arme und lehnt sich weinend an ihn. – Und später der grosse Monolog in der hohlen Gasse; er wird vom Chor der Jugendlichen gesprochen, während Tell selbst stumm bleibt - eine treffliche Zusammenfassung des Stückkonflikts:

 

"Ich lebte still und harmlos – Das Geschoss
War auf des Waldes Tiere nur gerichtet,
Meine Gedanken waren rein von Mord -
D u  [Gessler] hast aus meinem Frieden mich heraus-
Geschreckt, in gärend Drachengift hast du
Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt,
Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt –"

 

Hochgeschätzter Herr Dr. Johnson, wer möchte solch starken Momenten seinen Beifall versagen?

 

Die Stimme der andern

> nachtkritik

> Journal du Jura

> Der Bund

> Bieler Tagblatt

Die Jugendlichen sprechen den grossen Monolog von der hohlen Gasse. 

Das stolzgeblähte Nationalbewusstsein der Rütli-Schweiz.

Schiller verträgt nicht bloss Pathos, er verlangt es sogar.