Das unbeschwerte Pennälerspiel ... © Brigtte Enguérand.

 

 

 

Frühlings Erwachen. Frank Wedekind.

Schauspiel.                  

Clément Hervieu-Léger, Richard Peduzzi. Comédie-Française, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 18. Mai 2018.

 

 

Bemerkenswert an dieser Aufführung ist die Zartheit und Wärme, mit der Clément Hervieu-Léger Frank Wedekinds "Kindertragödie" inszeniert. Als das deutsche Theater das Stück nach 1968 wiederentdeckte, unterstrich es die Kritik an Wilhelminismus, Frömmigkeit und Prüderie durch die Stillage der ätzenden Karikatur. Die Regisseure brauchten nicht weit zu suchen. Die älteren von ihnen hatten den Expressionismus noch erlebt; und allen, auch den jüngeren, waren die Lehrerfratzen des "Blauen Engels" und der kantige Stil der Brechtschen Lehrstücke wohlvertraut. So kam "Frühlings Erwachen" im deutschen Theater grell, rasch und kalt über die Bühne.

 

Wie anders jetzt in Paris! Hier nimmt man sich Zeit. Volle drei Stunden dauert die Wiedergabe. Keine Szene ist gestri­chen. Jeder Figur wird Raum zugestanden, ihrem Wesenskern Ausdruck zu geben, und sei er noch so verkrüppelt. Damit realisiert sich eine Art von höherer Gerechtigkeit, die aber furchtbarer und unbarm­herziger ist als das Pamphlet. Erwachsene und Kinder sind gleichermassen Opfer. Opfer der herrschenden Verhältnisse. Die düstere Ausweglosigkeit der wilhelminischen Ära drückt das Bühnenbild von Richard Peduzzi durch hohe, graue Wandelemente aus, die in ihren wechselnden Konstellationen immer nur die abgewandelte Wiederkehr des Gleichen herbeiführen.

 

Unter der Zartheit und Wärme, mit der Regisseur Clément Hervieu-Léger zu Werk geht, blühen die Jungen auf. Sonst hat die Darstellung der 14jährigen Frühpubertierenden durch 25jährige Jungdarsteller häufig etwas Mechanisches, Gezwungenes, Unwahres, Peinliches; es bleibt beim blossen Herbeizitieren von Melchior, Moritz, Wendla, Hänschen; auf die Bühne kommt lediglich das Schema, nicht aber der junge Mensch selbst.

 

Das liegt zunächst einmal an den technischen Schwierigkeiten: Nicht jede Bühne kann jede dieser Kinder­rollen deckend besetzen. Und wenn das auch möglich war, muss der Darsteller noch den Ton treffen. Und den Gestus. Und die Emotion. Und das Umkippen von einem Zustand in den andern, das sich in diesem fragilen Entwicklungszustand laufend ergibt. Wird das alles aber gemeistert, dann spielt das Alter der Darsteller keine Rolle mehr. In ihrem Spiel stellt sich eine Wahrheit höherer Art ein. Und dieser Wahrheit spürt Hervieu-Léger nach. Damit taucht hinter den drei Ausdrucksebenen, zwischen denen Wedekinds Drama wechselt, eine vierte, ungeschriebene auf.

 

Geschrieben und ausformuliert sind die Sätze der Epoche: Kalt, technisch, schnarrend wie die Dienstpragmatik der kaiser­lichen Beamtenschaft. Daneben die Sätze der Pennäler: Gestelzt, geschwollen, angeberhaft wie die hyperbolischen Ergüsse des Sturm und Drang. Und schliesslich die Sätze der Kinder: Zutraulich und direkt, wahr und ahnungslos wie die Schöpfung am ersten Tag. Indem die Inszenierung diesen verschiedenen Ausdrucksweisen Raum gibt, wird hinter jedem szenischen Moment etwas Neues vernehmbar: Die Wahrheit der Situation. Sie konstruiert sich als Geschehen zwischen dir und mir und ist, weil es sich um Wahrheit handelt, unerbittlich in ihrer Klarheit und Eindeutigkeit.

 

Der Zuschauer merkt sogleich, wann die Menschen "drin" sind (in der Unmittelbarkeit) und wann "daneben". Er merkt auch, dass ihnen nicht zu helfen ist. Sie sind der Ansprache des Lebens nicht gewachsen, die sich an ihnen ereignet. Deshalb tun sie nur zeitweise das Richtige. Und dann wieder nicht. Der Zufall entscheidet. Nicht ihr Ich. So handelt die "Kinder­tragödie" von den Erfahrungen der Menschenkinder, die jeden Tag vor neuen Aufgaben stehen, die sie überfordern. Wer aber meint, er habe das Leben "bewältigt", ist nur noch eine komische Nummer; auf der Bühne wie in der Wirklichkeit.

 

Nach der Premiere bedauerten verschiedene Kritiker die akustische Unverständlichkeit vieler Stellen und schrieben sie teils dem Bühnenbild zu, das den Schall nicht genügend nach vorn werfe, teils der Nervosität der jungen Darsteller; und sie hofften, das werde sich in den Folgevorstellungen verbessern. Doch einen Monat später ist die Situation unverändert. Das heisst auch: Unverändert deplorabel. Man müsste das Übel der verschwommenen Artikulation beheben. Und man müsste den Mut aufbringen, die Intensität der dreistün­digen Spieldauer durch die Wohltat einer Pause zu steigern. Halt um den Preis einer noch längeren Spieldauer. Dann würde dafür aus einer sehr guten Aufführung eine hervorragende. Das wäre schön!

... endet in der Kindertragödie. 

 
 
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