Wer bist du? © Jean-Louis Fernadez.

 

 

 

A la trace. Alexandra Badea.

Schauspiel.                  

Anne Théron. Théâtre national de la Colline, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 18. Mai 2018.

 

 

Nach 1968 ist das Schauspielpublikum nicht gescheiter geworden. Aber es hat gelernt, seine Dummheit zu verbergen. In der Folge davon ist das Buh ausgestorben, das früher den Premierenapplaus belebte. Heute kann man dem Publikum bringen, was man will, es wird klatschen. Schon nur aus Urteilslosig­keit und Unkenntnis. Und weil es sich schämt, des Kaisers neue Kleider nicht zu sehen. Denn seit der Romantik – also seit zweihun­dert Jahren – haben die Künstler dem Publikum eingehämmert, es sei spiessig und zurückgeblieben. Am Ende hat es die Lektion gelernt. Nun klatscht es brav und angepasst, um ja nicht länger als spiessig und zurückgeblieben zu gelten. Und ein knappes Jahrhundert nach dem Aufkommen der Neuen Musik hat es auch Schönbergs Imperativ verinnerlicht: "Im Zweifel für das Neue!" So kommt es, dass das Publikum heute klatscht, wo es buhen sollte. Und es benimmt sich damit gleich dumm wie eh und je.

 

Als der legendäre Hugues Gall von der Direktion der Pariser Oper zurücktrat, widmete ihm der "Figaro" eine mehrseitige Hommage, und der Bayerische Rundfunk ein halbstündiges Interview, das der Befragte in fliessendem Deutsch bestritt. Am Ende wurde er gefragt: "Herr Gall, nachdem Sie Ihre Karriere mit der Zusammenführung von Garnier und Bastille gekrönt haben - gibt es überhaupt noch etwas, was sie erleben möchten?" – "Eine Vorstellung mit lauter Leuten, die verstehen, was ihnen geboten wird."

 

Ein wenig erinnert dieser Wunsch an die Resignation jenes Architekturprofessors, der vorzeitig in Pension ging, weil er die Empfindung hatte, dass seine Studenten das Gebotene nicht zu würdigen verstünden. "Sie sitzen da wie die Mehlsäcke", schimpfte er. Und wenn er niedergeschlagen aus einer Vorlesung zurückkam, seufzte er: "Wieder einmal Perlen vor die Säue geworfen!" (Es war derselbe Mann, der in der Mitte seiner Laufbahn feststellte: "Jetzt, wo ich endlich weiss, wie man baut, gewinne ich keinen Wettbewerb mehr.")

 

Das süsse Martyrium des Verkanntwerdens beschränkt sich indes nicht nur auf die kleinteilige Schweiz und die elitären Opernhäuser, sondern es erstreckt sich auch auf das linkspro­gressive Théâtre national de la Colline in Paris. Je ungelenker dort der zeitgeistige Stuss ausfällt, desto resoluter klatscht das Publikum. Doch nun bringt die Colline eine Produktion, die die Haupt­ingredienzien des Gegenwarts­theaters aufnimmt (Ständer­mikrofon, Headset, Aufteilung der Personen, Kombination von Video und Bühnenspiel) und ihnen mit überlegener Meisterschaft (endlich!) einen Sinn zuweist – und die Vorstellung läuft vor leeren Zuschauerreihen ab. Die Grande Salle ist nur zu einem Drittel gefüllt. Und unter den Anwesenden zeigt niemand Begeisterung. Das Gejaule und Getue, mit dem sonst landauf, landab die Mediokritäten beklatscht werden, bleibt aus. Perlen vor die Säue.

 

Wer einen Flügel hat, kennt die Situation: Die Kinder patschen mit ihren Händen auf der Klaviatur herum, und die Erwachsenen lächeln dazu nachsichtig. Dann kommt ein Wolfgang Amadeus und berührt die weissen und die schwarzen Tasten dergestalt, dass aus ihrer Verbindung ein hör- und erfahrbarer Sinn entsteht. Doch Kaiser Joseph verbeugt sich bloss zeremoniell und murmelt: "Zu viele Noten, Mozart. Zu viele Noten." (Das Ganze erinnert mutatis mutandis an die Anekdote vom Kammerdiener: "Es gibt, sagt man, für den Kammerdiener keinen Helden. Das kommt aber daher, weil der Held nur vom Helden erkannt werden kann. Der Kammerdiener wird aber wahrscheinlich seinesgleichen zu schätzen wissen." [Goethe])

 

Was nun die Schriftstellerin Alexandra Badea und ihre Regis­seurin Anne Théron zuwege bringen, ist pures Theaterglück: Alles, was sie auf Bühne und Leinwand zeigen, erschliesst sich mit der Zeit und macht Sinn. Es geht einem dabei wie mit Heimito von Doderers 1345-seitigen Staatsroman "Die Dämonen": Am Schluss kommt alles zusammen; das grosse, reiche, faszinierende Puzzle geht auf, und man versteht, wozu das Gesehene und Gehörte gut war.

 

Doch solches ereignet sich nur in der Kunst, und in der Kunst nur durch Kunst. Darum sind Aufführungen wie "A la trace" so selten. Wenn man ihnen aber begegnet, weiss man wieder, warum man das Theater liebt. Und warum man mit dem Durchschnitt nicht zufrieden sein darf, dem man jahraus, jahrein begegnet. Auch wenn er beklatscht wird und bejubelt wie wild.

 

Aufspaltung der Figuren. 

Kombination Video-Bühne. 

Verkehr über Skype.