Grosses Schauspielertheater. © Sepp Gallauer.

 

 

 

Der Engel mit der Posaune. Ernst Lothar/Susanne F. Wolf.

Roman/Schauspiel.                  

Janusz Kica, Karin Fritz, Emmerich Steigberger. Theater in der Josefstadt, Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 2. Mai 2018.

 

 

Wenn sich deutsche Grosskritiker – oh, selten genug! – zu einem Besuch des Theaters in der Josefstadt herunterlassen, dann schreiben sie als erstes über das schwer vergreiste, bürgerliche Publikum. Und in der Tat: An der Derniere von Ernst Lothars "Engel mit der Posaune" finden sich im ganzen Parkett nur gerade vier Personen unter dreissig Jahren. Der ganze Rest hat noch als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebt, steht also heute in den Achtzigern. Und weil die Wiener Friseure Weltmeister sind im Färben und Ondulieren, wird die Aufführung im Publikumsbereich zur Ausstellung kunstvoller Haarkreationen, die im Meer der kahlen und weissen Männerköpfe prächtig zur Geltung kommen.

 

Sobald der Vorhang aufgeht, fällt dem ausländischen Betrachter auf, in welcher unglaublichen Stille die Vorstellung abläuft. Die alten Leute haben in der Schule noch gelernt, still zu sitzen, und das können sie jetzt. Und sie haben, so scheint es, auch gelernt, Inhalte über die Sprache aufzunehmen und nicht nur übers Bild. Doch lässt die Reaktionslosigkeit bei einzelnen szenischen und sprachlichen Pointen mit der Zeit den Verdacht aufkommen, die Zuschauer fühlten sich in erster Linie müde und würden jetzt das Schauspiel absitzen wie früher den Gottesdienst.

 

Wenn man sich in der Pause horchend durch die Sträussel-Säle bewegt, wo alle an ihren Achterln oder Vierterln nippen, bestätigt sich die ganze Bandbreite der Hypothesen. Die einen sagen: "Es ist zu lang." Die andern blicken unsicher um sich und lassen sich von Altersgenossen, die das Feuer aufge­weckter Kinder behalten haben, das Gesehene erklären: "Der Stein ist der Sohn von der Köstlinger, und sie war die Geliebte von Rudolf!" "Aha."

 

Das internationale Grossfeuil­leton aber schreibt achsel­zuckend: "Schauspielertheater." Und damit ist die Sache einsortiert und abgetan. Denn die reisenden Kritiker verstehen sich in erster Linie als Trend-Scouts. Sie schreiben mit Vorliebe über das, was kommt (oder ihrer Meinung nach kommen sollte), und sie geben der Häme preis, "was heute nicht mehr geht": Schauspielertheater, wie es an der Josefstadt - und nur noch dort - zu sehen ist. Damit aber ist die Situation dieser Bühne im deutschen Sprachraum so einzigartig geworden, dass man sie unter Artenschutz stellen müsste wie die in der Schweiz fast ausgestorbene Lerche.

 

Was das für ein Verlust ist, zeigt sich gleich in den ersten Spielminuten. Da denkt man unwillkürlich: "Wenn sie das durchhalten können, wird's ausserordentlich"; und sie können's durchhalten und es wird ausserordentlich. Da ist zunächst der Raum (Karin Fritz), schwarz, leer, charaktervoll, ausstrah­lungsstark, an einzelnen Stellen bestossen wie alle echten Sachen, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein­ragen. Und da sind die Bewegungen, die den Raum mit einer Sicherheit bespielen, dass einem der Atem wegbleibt (Regie: Janusz Kica). Eine Figur wendet sich ab, und gleich wird ihr Profil durchs Licht herausgemeisselt (Beleuch­tung: Emmerich Steigberger). Drei Stunden dauert die Aufführung, und durch die ganze Dauer hindurch bleibt jede Veränderung so bedeutungsreich, dass sich ein ungemein dicht gewobener Abend ergibt.

 

Tragende Säule ist der Text. Susanne F. Wolf hat Ernst Lothars Roman, in dem Zeit- und Familien­geschichte kunstvoll inein­anderspielen, in eine geradezu atemberaubende Bühnen­fassung übersetzt. Mit lakonischer Eleganz transportieren ihre Dialoge gleichzeitig Exposition, Situation, Befindlichkeit, Intention und Handlung, so dass den ganzen Abend kein leeres Wort zu hören ist, auch wenn noch so beiläufig gesprochen wird. Das Ganze jedoch kommt zur Wirkung durch ein exquisites Form­bewusstsein, das immer ein Charakteristikum der Meisterschaft war.

 

So wird der Abend doppelt kostbar und doppelt einmalig: Wer könnte ausser der Josefstadt glaubhafter und stimmiger eine Geschichte wiedergeben, die im alten Kaiserreich einsetzt und über den Selbstmord des Kronprinzen Rudolf hinüberführt in den Ersten Weltkrieg, die Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuss und die Einverleibung der Ostmark ins Reich? Wenn am Schluss ein letzter Angehöriger der Welt von gestern im Untergrund über eine selbstgebastelte Radioanlage die Botschaft der Menschlichkeit, des Respekts und der Toleranz in den Äther sendet, ist klar: Die Geschichte, die das Theater in der Josefstadt zur Aufführung bringt, ist nicht vorbei.

 

Der Theaterstil der Josefstadt aber ist so selten geworden wie das Quartettspiel. Gleich wie uns erste und zweite Violine, Bratsche und Cello die kostbaren, aber unmodisch gewordenen Kompositionen von Brahms, Haydn, Beethoven, Ravel und Dvorák im Konzertsaal zu Gehör bringen, realisiert das Theater im 8. Wiener Gemeindebezirk eine Darstellungsweise, die in Beziehung auf psychologische Belebung, Nuancierung und Natürlichkeit einmalig geworden ist.

Bedeutungsreiche Nuancen.

Ein dicht gewobener Abend. 

 
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