Eine geladene Dreierkonstellation. © Evelyne Desaux.

 

 

 

Adieu Monsieur Haffmann. Jean-Philippe Daguerre.

Schauspiel.                  

Jean-Philippe Daguerre. Théâtre Montparnasse, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 18. Mai 2018.

 

 

Das gut gebaute Stück (la pièce bien faite), wie hat man es belächelt, als es auf unseren subventionierten Bühnen noch zu sehen war! Doch nun, wo es abgewandert ist in Fernsehserien, Privattheater und andere Tatorte, trauert man ihm nach. So seufzte die Doyenne der Theaterkritik nach der x-ten Uraufführung dieses Winters beim Verlassen des Hauses: "Ich möchte so gern wieder einmal eine Geschichte sehen!" Immerhin, sie gestand's, während Gottfried Benn, ein tonangebender Lyriker der Moderne, seine grosse Liebe, den Kriminalroman, verheimlichte. Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht eine gut gebaute Detektivgeschichte verschlang. Hätte er das aber zugegeben, dann hätte er sich in den Kulturkreisen und Feuilletons ebenso unmöglich gemacht wie jener deutsche Intendant, der berichtete, jedesmal, wenn er in die Schweiz komme, gehe er zuerst in eine Migros und kaufe sich eine Cervelat und ein Büürli. So etwas Gutes bekomme er sonst nirgends.

 

Und dann der grosse Killy. Am Abend seiner Ankunft in Bern wurde er von Donzé in Vertretung des Dekans vom Bahnhof zum Essen in den Schweizerhof geführt, und da begann gleich das Feuerwerk des literarischen Austauschs. Ausgehend von der Frage, ob der Herr Kollege diesen oder jenen Autor kenne, entdeckten die beiden im andern den lang entbehrten Freund, den zweiten grossen Leser mit weitem Horizont, mit dem man nicht bloss über die bedeutende Literatur seines eigenen Sprachraums reden konnte, sondern auch über die der Italiener, der Skandinavier, der Spanier, der Russen, der Japaner ... Sie fanden sich in der Hochschätzung von Flannery O’Connor ("Übertrifft Kafka!") und Gotthelf (" 'Anne Bäbi Jowäger' ein Meisterwerk! Aber auch 'Geld und Geist'. Und 'Die Käserei in der Vehfreude'!"). Mit wachsender Begeisterung warfen sie sich die Bälle zu. "Und jetzt der Test: Was halten Sie von 'Gone with the Wind'?" – "Der Roman ist ausserordentlich beeindruckend. Meine Frau und ich lieben ihn." – "Ich kann Ihnen nicht widersprechen, auch wenn ich das als Germanist nicht laut sagen darf."

 

Was "Gone with the Wind" von andern gut gebauten Sachen unterscheidet ist die Tatsache, dass die Geschichte in einer sehr ernsten Zeit spielt. Das gibt ein romantechnisch höchst wirkungsvolles Gegengewicht zum Leichtsinn der Scarlet O'Hara. Und solch eine höchst wirksame Grundierung für seine Pièce bien faite hat nun auch der Schauspieler Jean-Philippe Daguerre gefunden.

 

Das Stück erfüllt alle Voraussetzungen für einen Erfolg. Im Théâtre Montparnasse, wo es der Autor selbst in Szene gesetzt hat, läuft es seit zwei Spielzeiten sechs Mal die Woche vor ausverkauften Zuschauerrängen mit zwei alternierenden Besetzungen.

 

Bemerkenswert ist schon das Tempo, mit dem die Geschichte erzählt wird; und statt einer langen Analyse genüge der Hinweis, dass hier Handlungsbeginn und Exposition zusammen­fallen. Man ist also vom ersten Satz an mitten drin und wird dann neunzig Minuten lang durch einen Strudel gerissen, den der Autor aus einer einzigen Situation mit drei Personen herzustellen versteht. Das Huis-clos aber, in dem die Handlung spielt, ist dadurch legitimiert, dass die Geschichte im besetzten Paris angesiedelt ist, wo ein junges Ehepaar einen Juden versteckt hält.

 

Wie das dramatische Potential der Dreierkonstellation ausgeschöpft ist, tauchen zwei weitere Personen auf: der (historische) Botschafter Deutschlands, Otto Abetz, und seine Frau. Und damit erfährt die Handlung eine neue dramatische Steigerung, bis am Ende der Satz fällt, der dem Stück den Titel gibt: "Adieu Monsieur Haffmann". Er lässt nicht nur die drei Unschuldigen auf der Bühne erstarren, sondern auch das Publikum: La commedia è finita.

 

Für einen Moment scheint es, als habe das doppelbödige Spiel von Scherz und Ernst die schlimmstmögliche Wendung erreicht. Doch nun hängt da noch im Keller die (historische) "Sitzende Frau" von Matisse, und die führt jetzt zum Guten, indem sie ihre (historische) Reise nach Berlin und von dort ins Gurlittsche Depot antritt. Das gut gebaute Stück aber hat mit diesem letzten Meisterstreich sein ganzes Material verbaut zu einem wohlgefugten dramatischen Ganzen, dessen gescheite Architektur, um Folgerichtigkeit herzustellen, nicht ein einziges blindes Fenster zuhilfe nehmen muss.

 

Wie einen Krimi indes wird man das Stück kein zweites Mal sehen wollen. Denn die zweite Lektüre würde nichts Neues zutage fördern. Da liegt der Unterschied zwischen dem "Kirschgarten" und "Monsieur Haffmann". "Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine", stellte dazu Adorno fest. Anderseits sind die Meriten einer Pièce bien faite auch nicht zu verachten. Das wusste schon Dr. Johnson, einer der grössten Leser des 18. Jahrhunderts: "Die Leute im Allgemeinen lesen nicht gern, wenn sie etwas anderes haben können, das ihnen Spass macht. Die Bücher, die wir mit Vergnügen lesen, sind leichte Kompositionen, die eine rasche Folge von Ereignissen bringen." – So betrachtet, gibt es für das Unterhaltungs­theater mit Engagement, Witz und Tiefe zur Zeit wohl keine bessere Option als "Adieu Monsieur Haffmann" von Jean-Philippe Daguerre.

Das Glück zu zweit.

Was soll der Dritte?