Unkontrollierte Gefühlsaufwallungen. © Brigitte Enguérand.

 

 

 

Poussiere. Lars Norén.

Schauspiel.                  

Lars Norén. Comédie-Française, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 18. Mai 2018.

 

 

Im Hades, wo nach Auffassung der alten Griechen die Seelen der Verstorbenen hinkamen, herrschte, wie uns berichtet wird, ein ganz besonderes Licht: Es war weder hell noch dunkel, und es dämpfte, wie bei stark eingetretener Dämmerung, alle Farben. Dieses Licht findet sich nun wieder in Lars Noréns neuestem Stück "Staub", das der Autor selbst an der Comédie-Française inszeniert hat.

 

Durchs Dämmern erfährt der Zuschauer die Handlung als unaufhörliches Hinübergleiten vom frühen Pensionsalter in den Verfall, vom festgefugten Verstandesleben zu Demenz und Persönlichkeits­verlust. Am Ende ist nur noch ein leichter Schritt zu tun, dann ist man "drüben" hinter der Gaze, und findet alle wieder, die einem vorausgegangen sind, aber verwandelt, körperlos, ohne Konsistenz. Nun sind sie blank wie unbeschrie­bene Blätter - leere, unbestimmte Wesen ohne Ziel und Aufgabe.

 

Was ist in dem Fall ein Ich?, fragt der Zuschauer im Sog des unaufhörlichen Gleitens. Nur das, was Hugo von Hofmannsthal sagte? "Draussen sind wir zu finden, draussen. - Wir sind nicht mehr als ein Taubenschlag." Oder sogar, wie das Stück nahelegt, noch weniger, nämlich ein Nichts, ein Stäubchen? "Die Personen in den Büchern", sinniert eine Figur auf der Bühne, "bleiben aufbewahrt für immer, egal ob man sie liest oder nicht. Von uns aber wird nichts zurückbleiben. Wie wenn es uns nie gegeben hätte."

 

Im fahlen Dämmerlicht von Lars Noréns neuestem Stück sind die Menschen nichts als konturlose, flüchtige Erscheinungen auf einem staubigen, mit zahllosen Zementbröseln übersäten Boden, den man Bühne des Lebens nennt, und konsequenterweise werden die Rollen bloss mit Buchstaben von A bis J bezeichnet. "Der Mensch definiert sich durch die Arbeit", deklariert G. "Ohne Arbeit ist er ein Clochard, ein Nichts."

 

Wenn man die Namenlosen reden hört, die das Arbeitsleben hinter sich haben, möchte man G recht geben. Es ist wenig Fassbares an Sätzen wie: "Ich möchte mich setzen. Mir tut alles weh." Oder: "Mein Sohn ist mit 57 gestorben. Danach hat die Schwiegertochter jeden Kontakt mit mir abgebrochen." Das sind blosse Gegebenheiten. Aber definieren Gegebenheiten schon den Menschen? Sind wir nur "draussen zu finden, draus­sen"?

 

Anderseits sieht man auch: Die Figuren von A bis J haben sich nichts zu sagen, weil sie nichts zum Sagen haben. Und weil sie nicht gelernt haben zu hören, was der andere sagt. Und nicht gelernt, darauf zu achten, was "es" ihnen sagt. Ihr Leben war ein blosses Gleiten von einem Tag zum nächsten - und ist es immer noch, nur beschleunigt durch Demenz, Verfall und Sterben.

 

So wird das Stück - Lars Norén nennt es "Musik des Todes" – zu einer mehrstimmigen Komposition über Sprache und Sprachlosigkeit, Wesentlich­keit und Unwesentichkeit, Zeit und Vergänglichkeit, und in seiner Bodenlosigkeit wird "Poussiere" zum stimmigen Ausdruck für die Haltlosigkeitserfahrung unserer Epoche.

 

Die Comédie-Française ist, als eines der wenigen Theater der Welt, in der Lage, die elf Rollen, die alte Menschen verlangen, aus ihrem Ensemble zu besetzen. Es sind allesamt Stars. Und als Stars geben sie sich preis mit einer Grösse, Wahrheit und Distinktion, die den Abend an sich Ereignis machen. Wenn man ihnen zusieht, passiert etwas am Menschen, das heisst: an uns. Zwielichtig wie das Dämmern des Hades sind sie uns gleichzeitig nah und fern, bekannt und unvertraut, und dabei wissen wir: Sie gehen uns nur voraus; wir werden ihnen folgen über kurz oder lang, unter ähnlichen Umständen.

 

Aber das Schwerste ist – und hier liegt das eigentliche Wunder – diesen schwebenden Abend mit fester Gegenwärtigkeit zu füllen. Exemplarisch führt das Hervé Pierre, der grösste unter den grossen Schauspielern, vor. Beim ersten Auftritt bringt er noch die ganze Kraft des Lebenstüchtigen mit. Dann nagt ihn der Verfall von innen her aus. Noch steht die Persönlichkeits­fassade. Aber die Seele zerbröselt. Plötzlich steht er auf: "Ich habe mich genässt!", und man sieht den grossen, dunklen Fleck an seiner Hose. Später beginnt er, sich zu vergessen. "Schaut her", ruft jemand, "er beschäftigt sich mit seinem Glied!" Tatsächlich, da ist ihm die Hand unter den Schlitz geraten. Aber das Weggleiten geht weiter. Schon schält er sich, selbstvergessen wie ein Kleinkind, aus den Kleidern, und nackt streckt er an der Rampe die Arme aus: "Lucie!" So hiess die Schwester. Er hat sie im Kindesalter verloren. Aber jetzt ist sie wieder da. Einige Frauen auf der Bühne schauen betreten auf den Verwirrten. "Werft ihn weg!", ruft ein Alter. "Er ist nur noch ein Haufen Knochen." Gemeinsam fassen sie ihn an und tischen ihn zum Sterben hinten in die Ecke. "Seht ihr", sagt der Anführer, "es war nicht schwer!" Aber vom Zuschauerraum aus blickt man auf den Fleischhaufen und denkt: "Da liegt mein Vater."

A schält sich selbstverges-sen aus den Kleidern. 

Die Vorangegangenen sind hinter der Gaze. 

 
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