Einstein ist E = mc© Philipp Zinniker.

 

 

 

Die Formel oder die Erfindung des 20. Jahrhunderts. Torsten Rasch/Doris Reckewell.

Spartenübergreifende historische Revue.                  

Jonathan Stockhammer, Gerd Heinz, Lilot Hegi, Bernhard Bieri. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 11. März 2018.

 

 

Das Positive vorweg: Bühnenbild und Kostüme (Lilot Hegi) sind gut. Wenn die Szene in den Biergarten führt, sind die filigranen Eisenstühle der Epoche – und wir sind gerade am Ende der Belle Epoque – locker und poetisch über die Bühne verstreut wie herabgefallene Herbstblätter. Und in den Massen­szenen mit den Solisten, dem Ensemble ardent und der Statisterie trifft das Kostüm den Grat zwischen Zusammen­fassung und Individualisierung, zeigt also gleich­zeitig einzelne, ausdrucksstark charakterisierte Menschen und ein Ganzes. Die prägnante Wirkung der Tableaus ist auch dem Beleuchtungsmeister Bernhard Bieri zu verdanken und dem Meister, der die Figuren, Gänge und Gruppierungen stellt: Regisseur Gerd Heinz. In den suggestiven Raumarrangements verrät sich die langjährige Beschäftigung des ehemaligen Schauspielhausdirek­tors (1982-89) mit der Oper.

 

Auf diesem Plateau – so nennen die Franzosen die Bühne – müsste jetzt etwas passieren. Doch "hier stock ich schon!" (Faust). Das Festspiel, das zur "Erfindung des 20. Jahr­hunderts" im Stadttheater Bern zur Uraufführung kam, bleibt stumm. Es bringt zwar eine Vielzahl von historischen Namen auf die Bretter, von Kaiser Karl V., Tizian, Newton und Goethe bis hinunter zu Margaret Thatcher und Gudrun Ensslin. Doch das Libretto von Doris Rockewell inspiriert sich eher am PowerPoint-Reigen einer Pecha-Kucha-Nacht (zwanzig Vorträge von zwanzig Folien zu zwanzig Sekunden) als an den grossen Geschichtsdramen von Shakespeare, Schiller und Grillparzer.

 

Entsprechend flach fallen die Figuren aus. Wenn Lenin nicht schweigend mit einem roten Bleistift Notizblöcke vollkritzelt,

lässt er sich, aber nur unter Zwang, zusammen mit einer ersten und zweiten Geige zum Cellospielen hinter der Bühne verleiten. Essen aber mag er nicht, weil drüben das russische Volk hungert. Paul Klee  - man muss annehmen, die Aufführung spiele in Bern - denkt der Farbe nach. Einstein ist E = mc2 und Violinist. Zum Beweis, dass er keine Socken trägt, zieht er auch mal den rechten Schuh aus. Robert Walser schliesslich ist ein freund­licher Flaneur, der sich in fein gedrechselten Spracharabesken ausdrückt. So ruft die spartenübergreifende historische Revue sämtliche Klischees ab, die in einem durchschnittlichen mitteleuropäischen Hirn zu den Namen der geschichtlichen Akteure vorrätig sind, und weiter passiert auf der Bühne nichts.

 

Während sich die Herren Einstein, Klee und Lenin zum Streichtriospielen ins Hinterzimmer zurückziehen (Walser übernimmt den Triangel), teilen die Frauen am rot gedeckten Tisch miteinander Kuchen und Tee. Bescheiden stehen sie im Dienst am Werk des Gatten, und die Produktion stellt diese von heute aus gesehen völlig überholte Rollen­auffassung ins Licht. Das 20. Jahrhundert wird da einiges in Bewegung bringen. "Die Formel" aber beschränkt sich darauf, die Stille vor dem Sturm abzumalen. Damit ist auch gesagt, dass der Abend vollkommen undramatisch verläuft, und undramatisch bedeutet spannungslos. Wenn es je des Beweises bedurft hätte, dass Geschichte langweilig sein kann, liefert ihn das Stadttheater Bern mit sadistischer Gründlichkeit.

 

Dem Komponisten Torsten Rasch indes geben die Bilder, die der dramaturgische PowerPoint-Reigen abruft, Gelegenheit, suggestive Klänge im Stil der zweiten Wiener Schule zu schreiben, die man träumerisch geniesst, weil sie Assonanzen an die Epoche hervorrufen, in der die dargestellten Personen lebten. Die Camerata Bern unter Leitung von Jonathan Stockhammer setzt die Klänge mit beeindruckender Präzision um, soweit sich das ohne Kenntnis der Partitur beurteilen lässt. Und das Ensemble ardent ist so gut wie der Arnold Schönberg Chor.

 

Damit sind wir unversehens wieder beim Positiven. Es ereignet sich, wie sich gezeigt hat, nicht im Bereich der hervor­bringenden, sondern der dar­stellenden Künste. Besonders erfreuliche Leistungen bieten die Schauspieler Gabriel Schneider als Einstein, David Berger als Lenin, Jonathan Loosli in verschiedenen Episodenrollen sowie Lilian Naef als Lady Thatcher; alle auch artikulatorisch hoch­befriedigend. Ein amerikanischer Sänger hält da mit: Todd Boyce als Robert Walser. Die Bühne bringt mithin einiges an Talent zusammen. Nur schade, liegt das Potential brach.

 

An der Garderobe kommt's zur Begegnung mit einer Doyenne der Kritik: "Ach, wie gern möchte ich wieder einmal eine Geschichte sehen!", ruft sie. Und das ausgerechnet nach einer Produktion, die nichts anderes auf die Bühne bringt als geschichtliches Personal. Aber eben, es ist unvergleichlich viel leichter, über Geschichte zu quasseln, als Geschichte zu produzieren. Lenin hätte davon ein Lied singen können. Nur ist es in Bern nicht zu hören.

 

Zum Vergleich

> "Lenin" von Milo Rau an der Schaubühne Berlin 

 

Die Stimme der andern

> nachtkritik.de

> Der Bund

> Berner Zeitung

> Deutschlandfunk

> Neue Zürcher Zeitung

Prägnante Wirkung der Tableaus. 

So gut wie der Arnold Schönberg Chor. 

Einzelne, ausdrucksstark charakterisierte Menschen.