Glücklich allein ist der Liebhaber der Chemie. © Annette Boutellier.

 

 

 

Kinder der Sonne. Maxim Gorki.

Schauspiel.                  

Kieran Joel. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 9. März 2018.

 

 

Je länger das Spiel dauert, desto stärker setzt sich Gorki durch. Es ist eben schon so, dass nichts den Menschen stärker interessiert als der Mensch. Und Menschen konnte er zeichnen, der junge Schriftsteller, in seinen Dramen. Zuerst stellt er die Figuren auf. Dann lässt er sie interagieren. Und in diesem Spiel werden sie allmählich plastisch. Das heisst, sie bekommen Rundung, Greifbarkeit, Tiefe. Man erkennt, wer sie sind und wie sie ineinander verhängt sind. Und man erlebt diesen Entwicklungsgang als Akt zunehmender Faszination.

 

Das Interesse wird dadurch gesteigert, dass dem Spiel jenes eine Thema zugrunde liegt, das alle Menschen beschäftigt: Liebe. Unglückliche und selbstverständliche Liebe. Doch weil die selbstverständliche Liebe auch unglücklich ist, breitet sich schwarzer Pessimismus übers Stück, das zynischer­weise "Kinder der Sonne" heisst. Und während die Personen auf der Bühne ein Bild imaginieren, das sie unter dem Titel "Der Sonne entgegen!" auf einem Schiff in voller Fahrt abbilden soll, führt sie die kollektive Hilfs- und Hoffnungslosigkeit in Selbstmord, Wahnsinn und Verzweiflung.

 

Das Theater, für das Gorki 1905 sein Schauspiel verfasste, folgte der damals avanciertesten Ästhetik. Formuliert und in einer ganzen Reihe von Musterinszenierungen realisiert hatte sie der grosse Schauspieler und Regisseur Konstantin Stanislawski; und unter dem Namen Stanislawski-Schule ist das Einfühlungstheater auch in die Welt gegangen. Noch heute bilden sich die amerikanischen Filmschauspieler nach seiner Methode aus, die drüben "Method Acting" heisst. Es geht da um eine wahrheitsgemässe, äusserst feindosierte psychologische Darstellung, die nie leer ist, weil in jedem Moment die unausgesprochenen Seelentöne mitschwingen und dem Spiel Fülle geben. Um den Stil des psychologischen Realismus zu treffen, verlangte Stanislawski von den Darstellern, dass sie "die Sprache Gorkis zu sprechen verstehen, den Satz nachhallen lassen, ihn leben­dig machen, ohne dass der natürliche Schwung der Rede durch Pathos verfälscht würde".

 

Damit aber auf der Bühne das Ungesagte mitvirbrieren kann, schuf Gorki einen durchlöcherten Stil, dem kaum ein anderes Drama nahekommt. Egal, welche Seite man aufschlägt, als erstes tritt einem vor Augen, wie viel Weiss um die Buchstaben herum ist. Es kommt zustande durch die Kürze der Äusserungen und eine beinah inflatorische Vielzahl von Pünktchen, die den Sprachfluss hemmen und anzeigen, dass die Menschen immer wieder in der Rede stocken, damit sie unter Kontrolle bringen können, was eigentlich laut werden möchte. - Hier ein Beispiel:

 

"Protassow: Und Dmitrij? War er nicht hier?

Jelena: Er ist auf der Terrasse.

Protassow: Du scheinst verstimmt zu sein, habe ich recht?

Jelena: Ich bin ein wenig müde.

Protassow: Und was macht dein Porträt?

Jelena: Danach erkundigst du dich jeden Tag.

Protassow: Wirklich? Ah, da ist ja auch Dmitrij ... und so ärgerlich! Warum?

Wagin: Nichts weiter ... eines Tages male ich euren Garten zu dieser Stunde, bei Sonnenuntergang ...

Protassow: Und das ärgert dich schon im voraus?

Wagin: Soll das ein Witz sein?

Jelena: Möchten Sie Tee?

Protassow: Ihr alle habt schlechte Laune ... Ich geh mal in die Küche ... ich habe dort ... Giess mir noch Tee ein, Lena!

Wagin: Er praktiziert Sie noch eines Tages in einen Glas­kolben, übergiesst Sie mit irgendeiner Säure und beobachtet, wie Ihnen das bekommt.

Jelena: Reden Sie keinen Unsinn ... wenn Sie nicht wollen ...

Wagin: Ich habe noch nie ein so starkes Gefühl empfunden wie jetzt ... für Sie ... es quält mich ... aber es erhebt mich auch."

 

In Bern nun entscheidet sich der junge Regisseur Kieran Joel, dem Stil, den Gorki verlangt, in die Parade zu fahren. Über­akzentuierung statt Feindosierung. Musik statt Stille. Fläche statt Tiefe. Graffiti statt Aquarellmalerei. Man könnte auch sagen: 20. Jahrhundert statt 19. - Hansgünther Heyme war's, der den Regiestil, der jetzt in den Vidmarhallen zur Anwendung kommt, 1970 nach Bern gebracht hat. Mit ihm wurde Heyme berühmt, mit ihm wurde er 1965 mit gerade mal dreissig Jahren ans Berliner Theatertreffen eingeladen. - Bei diesem Stil geht es darum, die Struktur eines 19.-Jahrhundert-Dramas durch blendende Überhelle ans Licht zu zerren und dem Zuschauer durch übertriebene Künstlichkeit von Sprache und Gebärde jede Möglichkeit zur kritiklosen Einfühlung abzustellen. Und so kommen nun die "Kinder der Sonne" in Bern daher. Ende der Stanislawski-Schule.

 

Das Gefühl bedient die Inszenierung nicht. Dafür aber die Erkenntnis, indem sie das Verborgene mit kraftvollem Schwung ins Schaufenster bringt. Diese Art der Darstellung ist zwar erhellend, aber das feingewobene Stück leidet. Man kann sich deshalb fragen, ob das Gewollte, wie Fontane sagte, ein Zulässiges war. Unabhängig von der Antwort jedoch zeigt die Aufführung das Gefälle der sozialen Strukturen mit aller Deutlichkeit auf. Aber weil das in Zeige­fingermanier geschieht, gibt es nichts zu entdecken; nur abzunicken.

 

Die Vorstellung beginnt damit, dass ein einsamer Arbeiter (Stéphane Maeder, tadellos wie immer) schwere Flüssigkeits­behälter auf der Bühne herumtragen muss, während ihm die Herrschaften hinter einer geschlossenen Verandascheibe misstrauisch und etwas angewidert zuschauen. Was sie missbilligen ist, wie er mit seiner Frau umgeht. Er schlägt sie, und das tut man nicht, das darf man nicht. Die Herrschaften sind sich in ihrer Empörung so einig, dass sie dem Arbeiter die Zurechtweisung durch die geschlossene Scheibe chorisch zubrüllen.

 

Das, was sie brüllen, wird durch Lautsprecher übertragen, und der verzerrte Lautsprecherton denunziert die Künstlichkeit der Rede. Damit unterstreicht die Szene gleichzeitig die Distanz zwischen dem einzelnen da vorn und den vielen da hinten und die Ungleichheit zwischen dem einzigen, der etwas tut, und den vielen, die bloss zuschauen. Später zeigt sich dann, dass die Einigkeit der Herrschaften nur dann zustandekommt, wenn sie sich aus humanitären Motiven empören können; sonst jedoch treibt sie das Chaos der unge­stillten Liebesbedürfnisse auseinander.

 

Glücklich ist allein Protassow, der Liebhaber der Chemie (locker und glaubwürdig dargestellt von Alexander Maria Schmidt), weil er nicht wahrnimmt, was um ihn herum vorgeht. Das Gefängnis seiner exakten Wissenschaft kommt dadurch zur Darstellung, dass er im Lauf des Abends sämtliche Scheiben, die doch eigentlich den Blick nach aussen freigeben, mit chemischen Formeln vollkritzelt.

 

Protassow gehört, wie Freud, zum psycholgischen Typ der Strategen: "Strategen arbeiten am liebsten allein. Sie finden es mühsam, wenn sie erst Beziehungspflege betreiben müssen, bevor sie mit ihrer Arbeit anfangen können. Die Zusammenarbeit funktioniert am besten mit Gleichgesinnten, denen sie ihre Ideen nicht lang und breit erklären müssen und die kein 'soziales Vorgeplänkel' erwarten. Selbstverständlich können Strategen auch im Team arbeiten – wenn sie müssen. Ihre Grundhaltung ist dennoch eher aufgabenorientiert als beziehungsorientiert." (Stahl/Alt 2005)

 

Unter Gorkis scharfem Blick und in der Überhelle von Kieran Joels Inszenierung wirkt sich der Typ des Strategen fatal aus. Das Kollektiv, das anfangs noch geschlossen hinter der Verandascheibe stand, bricht im Lauf des Dramas auseinander in Tote und in Wracks. Das Schiff, das im imaginierten Gemälde der Sonne entgegenfahren sollte, zerschellt an den Forderungen des konkreten sozialen Alltags.

 

Zynismus und Ideologie beseitigen die Sinnleere nicht, und sie bringen die Welt auch nicht weiter. Das ist die Botschaft von Gorkis Stück. Ihr entspricht die Berner Aufführung. Nur fällt sie gegenüber dem Meister zu laut und zu grell und zu undifferenziert aus. Und da ihr Stil schon 1970 entwickelt wurde, kann man von eigentlichem Fortschritt nicht reden. Deshalb ist die Arbeit zwar gut, aber nicht vortrefflich.

 

Die Stimme der andern

> Der Bund

> Berner Zeitung

Die Distanz zwischen dem einzelnen da vorn und den vielen da hinten ... 

Die Zusammenarbeit funktioniert am besten mit Gleichgesinnten ...