Mit Tags bekennt Werther seine Liebe. © N. Klinger.

 

 

 

Die Leiden des jungen Werther. Johann Wolfgang Goethe/Janis Knorr.

Schauspiel.                  

Janis Knorr. Staatstheater Kassel.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 8. März 2018.

 

 

Sympathisch ist, dass die Vorstellung nur 55 Minuten dauert. Sie läuft in der Studiobühne des Kasseler Staatstheaters (tif) und richtet sich an Zuschauer ab 14 Jahren. Das Abo Jugend­theaterRing III 2 füllt den Saal bis auf den letzten Platz. Gezeigt wird "Die Leiden des jungen Werther". Und sympathisch an der Inszenierung ist, dass die Regie klar Stellung bezieht. Albert und Lotte, die im Konventionellen verhaftet sind, haben farblose Kostüme und affige Frisuren. Werther dagegen, der bunte Hund, hat natürliches Haar und trägt in Anlehnung an die gelbe Weste ein gelbes Hemd. Man versteht nicht, was er an der zickigen Lotte findet, und erkennt, dass Liebe blind macht.

 

Wenn Werther vor Verzweiflung ins Publikum steigt, sieht er nicht, dass da mindestens ein Dutzend lebendigere Mädchen sitzen als die steife Lotte. Und weil er von seinem Wahn nicht lassen kann, steigert er sich am Ende in pathetischen Selbstmord. So wird "Werther" im tif zum Lehrstück. Es warnt die Liebesjunkies vom Jugend­theaterRing III 2: Passt auf! "Man liebt weder Vater, noch Mutter, noch Frau, noch Kind, sondern die angenehmen Empfindungen, die sie uns machen." (Lichtenberg)

 

Regisseur Janis Knorr, der die Spielfassung erstellt hat, geht mit der Sprache höchst sparsam um. Er mischt ein paar schöne, lange Sätze aus dem Original mit dem heutigen Sprachstil. Lotte sagt: "Okay, okay!" Und Albert: "Erstens: Ich liebe dich. Zweitens: Mach, dass Werther weniger zu Besuch kommt. Die Leute fangen an zu reden." Daneben gibt es, zum Ausdruck der Gefühle, Musik. Albert spielt E-Gitarre, Werther Klavier. Anfangs bemalt er auch die Dekoration mit Tags, um aller Welt seinen Liebesrausch kundzutun. Die Inszenierung hat daneben auch zwei, drei starke Spielmomente. Etwa, wenn Werther zwischen Albert und Lotte sitzt und sich unversehens die Hände von Mann zu Mann verirren.

 

So sympathisch indes die Aufführung ist, sie hat zwei Schwächen. Erstens die Vorlage. Goethes Briefroman ist vollkommen undramatisch. Nach zehn Minuten hat man die Situation begriffen, und nun dauert es noch 45 Minuten bis zum Blackout, ohne dass sich noch Wesentliches an Konflikt und Steigerung ereignete. Das macht die Sache fad und erklärt den matten Applaus am Ende der Vorstellung. Dazu aber kommt das sprecherische Ungenügen der Lotte-Darstellerin. S, F und W kann Michaela Klamminger nicht über die Rampe bringen, im Unterschied zum untadeligen Albert-Darsteller Hagen Bähr. Marius Bistritzky als Werther steht dazwischen.

 

In der guten alten Zeit war Textverständlichkeit den Intendanten noch ein Anliegen. Der legendäre Burgtheater­direktor Heinrich Laube zum Beispiel scheute sich nicht, seine grössten Stars in Zucht zu nehmen: "Lewinsky und Robert haben bei Laube sehr scharf artikulieren gelernt", stellte um 1900 der Wiener Kritiker Jakob Minor fest. Und heute? Wie steht's damit? Ich frage.

Hinten ruhen die Männerarme auf den Männerschultern. 

 
 
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